Politik

Georg Ringsgwandl studierte Medizin und war bis 1993 Oberarzt und Kardiologe am Klinikum Garmisch-Partenkirchen. (Foto: dpa)

19.06.2015

"Ich bin kein gutes Mikrofon für Leute, die jammern"

Der Kabarettist und Liedermacher Georg Ringsgwandl über seinen eigenen sozialen Aufstieg, einen kurzen Ausflug in die Politik und die Pflicht, sich selbst zu helfen

Er ist ein ungewöhnlicher Schirmherr für die Aktionswoche der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Denn Ringsgwandl ist „vom tiefen Glauben beseelt, dass jeder in Bayern alle Möglichkeiten hat“. Weil es aber doch mal Hilfe zur Selbsthilfe braucht, unterstützt der 66-Jährige den Verein, mit dem er schon gute Erfahrungen gemacht hat: Seine Tante wurde in einem AWO-Heim „warmherzig versorgt“.

BSZ: Herr Ringsgwandl, Ihr aktuelles Album heißt „Mehr Glanz“. Wenn Sie an die Bilder zum G7-Gipfel denken, glauben Sie da noch, dass Bayern mehr Glanz braucht?
Georg Ringsgwandl: Natürlich habe auch ich die Entrüstung darüber wahrgenommen, dass ein Haufen Kohle für einen Krampf, der nichts bringt, rausgeschmissen worden ist. Aber das sind doch die üblichen Reflexe. Merkel und Obama machen auch nur ihren Job, und dazu gehört  anscheinend das G7-Treffen. Außerdem kommt doch auch ein Teil des Geldes bei den Leuten an: Murnau hat plötzlich wieder eine tadellose Straße, und der Bahnhof in Krün wurde renoviert. Ich kann mich da nicht groß darüber ereifern.

BSZ: Sie sind Schirmherr der Aktionswoche der AWO, die im Atlas „Soziale Ausgrenzung in Bayern 2015“ eine Vielzahl von sozial benachteiligten Gruppen benennt. Wäre das Geld dort nicht besser angelegt?
Ringsgwandl: Ich bin für solche Kampagnen leider nicht zu gebrauchen. Denn ich bin von dem tiefen Glauben beseelt, dass man in Deutschland, und ganz besonders in einem wohlhabenden Land wie Bayern, alle Möglichkeiten hat, sich zu helfen. Natürlich ist das mit Arbeit und Selbstüberwindung verbunden. Ich bin kein gutes Mikrofon für Leute, die ihr Schicksal bejammern.

"Meine Familie hatte nichts: keine Bildung, kein Geld und keine Verbindungen"

BSZ: Warum engagieren Sie sich dann für die AWO?
Ringsgwandl: Weil es wichtig ist, dass es Institutionen gibt, die den Leuten helfen, sich selbst zu helfen. Und dass es erfahrene Leute gibt, die Menschen, die ein bisschen unbeholfener sind, helfen, die Unterstützung zu bekommen, die ihnen zusteht. Mein Vater war Postbote und kam schwer angeschlagen aus dem Krieg zurück. Die Familie hatte nichts: keine Bildung, kein Geld und keine Verbindungen. Wir bekamen damals soziale Unterstützung, und das war sehr wichtig. Der wesentliche Punkt aber war, dass mein Vater immer gearbeitet hat. Er hätte auch in Rente gehen und laut über seine Kopfschmerzen und Angstzustände jammern können. Aber er hat sich dahintergeklemmt, das Bestmögliche aus der Situation zu machen.

BSZ: Und was war das Bestmögliche?
Ringsgwandl: Dass er zum Beispiel seinen Sohn aufs Gymnasium geschickt hat. Und zwar nicht, weil da einer daherkam, der ihm sagte, dass er das tun müsse. Es waren meine Eltern, die mir kräftig in den Arsch getreten haben, damit ich mich zusammenriss und gscheite Noten schrieb.

BSZ: Sie selbst wollten das nicht?
Ringsgwandl: Doch, ich habe schon mit sieben, acht Jahren gewusst, dass ich auf die Oberschule muss. Denn ich habe ja genau gesehen, wer viel Geld hatte und wer nicht. Aber weil ich stinkfaul war, haben mich die Eltern schon mal schwer ins Kreuz getreten. Gott sei Dank. Alleine hätte ich das wahrscheinlich nicht geschafft.

BSZ: Hatten Sie zuvor schon mal mit der AWO zu tun?
Ringsgwandl: Ja, meine Tante war dement in ein Heim der AWO gekommen. Und dort wurde diese mittellose Frau, die ihr Leben lang als Haushälterin gearbeitet hat, warmherzig versorgt.

BSZ: Sie haben es einmal eine große Heuchelei genannt, wenn Künstler penetrant Gutes tun.
Ringsgwandl: Ja, sobald du einen gewissen Bekanntheitsgrad hast, wird dir gesagt, dass du irgendeine Stiftung gründen musst, um noch bekannter zu werden. Ich finde das obszön. Die AWO aber ist so maximal uncool, grau und unspektakulär, dass ich zugesagt habe. Und wichtig ist mir, dass sie nicht religiös und inzwischen auch nicht mehr parteipolitisch gebunden ist.

"Es ist eigentlich egal, welche Partei regiert"


BSZ: Hat schon mal eine Partei versucht, Sie für einen Wahlkampf zu gewinnen?
Ringsgwandl: Ja, aber ich bin als Aushängeschild einer Partei nicht zu gebrauchen. Dafür bin ich zu sperrig und zu unberechenbar. Außerdem glaube ich, dass es egal ist, wer regiert – Rote oder Schwarze.

BSZ: Gehen Sie dann überhaupt wählen?
Ringsgwandl: Natürlich! Immer. Denn ich glaube, dass es das Wichtigste in der Demokratie ist, dass sich die Parteien an der Regierung abwechseln. So lässt sich die Korruption ein bisschen zurückschrauben. Aber von dem Gedanken, dass es einen Unterschied macht, ob Merkel oder Schröder an der Regierung ist, habe ich mich schon lange verabschiedet.

BSZ: Sie haben 2008 selbst einen Kurz-Ausflug in die Politik gemacht. Hatten Sie ein bestimmtes Ziel?
Ringsgwandl: Nein, ich dachte mir damals einfach, dass es ein wichtiger gesellschaftlicher Beitrag wäre, nicht nur über Politik zu reden. Deshalb war ich im Seehauser Gemeinderat – für eine rot-grüne Bürgerliste. Parteipolitik ist auf der Dorfebene aber völlig unbedeutend. Es gibt dort die tüchtigen Leute mit Anstand und die Schwätzer – völlig wurscht bei welcher Partei. Aus Zeitgründen, ich war damals bald wieder auf Tournee, habe ich das Amt nach gut einem Jahr aufgegeben.

BSZ: Haben Sie für sich persönlich  etwas mitgenommen?
Ringsgwandl: Ja, ich habe gelernt, dass Basisdemokratie eine richtig harte Nummer ist. In einem kleinen Dorf von 2000 Einwohnern, in dem jeder mitreden kann, brauchst du eine Geduld wie der Himalaya. Ich bin aber jemand, der schnell und spontan arbeitet – auch gerne alleine. Mich hinzuhocken und mir stundenlang Provinzdetails anzuhören – dafür bin ich nicht so gut geeignet.
(Interview: Angelika Kahl)

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Kommentare (1)

  1. Is so! am 22.06.2015
    Ja, ein Regierungswechsel in Bayern ist nötig, da am Bürger vorbei
    regiert wird.
    Es geht nur noch um NSU, NSA, IS, Unterbringung von Asybewerbern,
    die rein bayerischen Probleme bleiben außen vor.
    Dass die bayerischen Straßen seit Jahren sanierungsbedürftig sind
    ist politisch völlig egal.
    Zu dem viele Gemeinden sich zu Radfahrergemeinden außerkohren
    haben und Straßen einfach dem öffentlichen Verkehr entziehen und
    sich dann wundern, dass sie vor der eigenen Haustüre einen
    kilometerlangen Stau haben.
    Nun gut, wenn ich kein Auto mehr brauch und dass ist in
    vielen bayerischen Gemeinde so gewollt, brauch ich auch
    keine KFZ-Steuer / Maut mehr zahlen, spar ich schon mal
    mit Raten für den "Neuen" 4000,00 Euro im Jahr.

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