Politik

Sieht sich als Schulbaumeister: Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle. (Foto: dpa)

14.01.2011

"Ich kenne kein dreigliedriges System"

Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) strebt bundesweit gemeinsame Real- und Hauptschulprüfungen an

BSZ: Herr Spaenle, Sie sagten einmal, Sie würden Ihre Kinder ohne Bedenken auf eine Hauptschule schicken. Hat sich daran etwas geändert?
Spaenle: An meiner Einschätzung hat sich nichts geändert. Aber ich würde meine Kinder gerne an den Schulen lassen, an denen sie derzeit sind.

BSZ: 2011 und 2012 strömt der doppelte Abiturjahrgang auf den Ausbildungsmarkt. Beeinträchtigt das nicht die Chancen der Hauptschüler?
Spaenle: Wir sehen gerade, wie die demographische Entwicklung mit voller Härte zum Beispiel auf die Volks-, aber auch Realschulen durchschlägt. Das heißt: Die Jahrgänge, die künftig die Hauptschule abschließen, werden alleine wegen der sinkenden Schülerzahlen eine verbesserte Lage auf dem Ausbildungsmarkt vorfinden. Wegen des doppelten Abiturientenjahrgangs wird die Situation im kommenden Jahr allerdings angespannter sein als heute – das ist ohne Zweifel richtig.

BSZ: Für den Doppelhaushalt 2011/2012 werben Sie mit 2553 zusätzlichen Planstellen. Wie viele werden tatsächlich besetzt werden?
Spaenle: Es werden nicht nur die 2553 zusätzlichen Stellen besetzt, sondern auch die Stellen, die durch Fluktuation – sprich vor allem durch Ruhestandsversetzung – frei werden.

BSZ: Eigentlich sollte bis 2011 das gemeinsame Südabitur kommen. Jetzt heißt es, 2014 ist es so weit. Warum gestaltet sich das so schwierig?
Spaenle: Um Bildung und Mobilität besser in Einklang zu bringen, brauchen wir einen Mehrphasenplan. Die erste und wichtigste Phase ist die Einführung von inhaltlichen Standards, die zweite Phase ist die, in der die Standards evaluiert werden, und der dritte Schritt ist das so genannte Südabitur. Es gilt normierte Aufgabenpools für die Abiturprüfung zu benennen. Als logische Konsequenz einer solchen Entwicklung sehe ich übrigens auch einen Pool von normierten Aufgabenbeispielen für gemeinsame Real- und Hauptschulprüfungen. Doch das braucht Zeit. Die Abiturstandards werden aber bis 2012 entwickelt sein.

BSZ: Deuten solche gemeinsamen Vorhaben nicht darauf hin, dass Bildung nicht länger Länder-, sondern Bundessache sein sollte?
Spaenle: Bildung ist, sollte und muss Landessache bleiben. Allerdings unter einer Voraussetzung: Die Länder müssen auf Bundesebene und in der EU ihre Verantwortung in gesamtstaatlicher Konsequenz wahrnehmen.

BSZ: Nur jeder vierte behinderte Schüler geht in Bayern in eine Regelschule. Wie wollen Sie mit nur 200 zusätzlichen Lehrern mehr Integrationsklassen schaffen?
Spaenle: 200 zusätzliche Stellen sind im Vergleich zu anderen Bundesländern ein guter Ansatz. Wir wollen dauerhaft mehr Kinder mit Förderbedarf in der Regelschule unterrichten. Außerdem haben wir eine Palette von Maßnahmen, die die Zusammenarbeit zwischen den sonderpädagogischen Einrichtungen und den Regelschulen stärken: etwa Kooperations- und Außenklassen. Ich bin aber felsenfest überzeugt, dass wir sonderpädagogische Förderzentren weiter brauchen.

BSZ: Kooperations- und Mittelschule, Lehrerlotsen für den Übergang von der vierten zur fünften Klasse – das klingt nicht nach Festhalten am dreigliedrigen System, sondern an die Vorbereitung der Gemeinschaftsschule.
Spaenle: Ich kenne kein dreigliedriges System. Wir haben ein differenziertes Bildungssystem mit drei allgemeinbildenden Kernschularten wie Grundschule, Haupt-/Mittelschule, Wirtschaftsschule, Realschule und Gymnasium. Und dieses differenzierte Schulwesen bietet, wenn man den Ländervergleich vom Juni vergangenen Jahres heranzieht, den jungen Menschen in Bayern sehr gute Bildungsvoraussetzungen.Wir wollen die individuelle Förderung im differenzierten Schulsystem weiterentwickeln. Die Einheitsschule halten wir für eine klar gescheiterte Schulform in der Geschichte der Bundesrepublik. Diesen Weg werden wir in Bayern sicher nicht einschlagen.

BSZ: Sie selbst bezeichnen sich als Schulbaumeister. Wer soll die neuen Schulen künftig angesichts des demographischen Wandels besuchen?
Spaenle: Wir müssen auf Dauer in wohnortnahe, gerade auch weiterführende Schularten investieren. Mit dem Mittelschul-Konzept haben wir die Schließung von Schulen gerade im ländlichen Raum massiv abgebremst. Während vor wenigen Jahren noch knapp 100 jährlich geschlossen wurden, sind es mittlerweile unter zehn. Neue Schulen zu bauen, trotz sinkender Bevölkerungszahlen, ist also nur scheinbar ein Paradoxon.

BSZ: Dennoch: Wie kann man angesichts des Bevölkerungsrückgangs wohnortnahe Schulen versprechen?
Spaenle: Wir werden nicht jeden der 970 Hauptschul- beziehungsweise Mittelschulstandorte halten können, aber wir versuchen so lange wie möglich so viele wie möglich zu erhalten. Denn wohnortnahe Schulen sind auch ein zentraler Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit.

BSZ: Apropos Bildungsgerechtigkeit: In Bayern hat ein Arbeiterkind bis zu sechs Mal geringere Chancen, eine Universität zu besuchen als der Sprössling eines Beamten.
Spaenle: Es ist richtig, dass das Thema soziale Herkunft in Bayern, aber auch in der gesamten Bundesrepublik, nach wie vor eine zu große Rolle bei den Bildungschancen der jungen Leute spielt. Allerdings betrifft dieser Faktor nur das Gymnasium. Man muss aber auch berücksichtigen, dass 42 Prozent der jungen Menschen in Bayern ihre Hochschulberechtigung nicht über das Gymnasium, sondern über die Berufs- oder Fachoberschule erlangen. Die werden aber in dieser Statistik nicht berücksichtigt. Vor allem an der Fachoberschule ist etwa der Anteil von Migranten besonders groß.

BSZ: In der neunten Klasse nimmt laut einer Studie ein Drittel der Gymnasiasten Nachhilfeunterricht. Wie wollen Sie verhindern, dass der Bildungserfolg der Kinder derart vom Geldbeutel der Eltern abhängt?
Spaenle: Nachhilfe kann in Ausnahmefällen nötig sein, etwa nach einer Erkrankung. Aber grundsätzlich ist jede Nachhilfestunde eine Nachhilfestunde zu viel. Deshalb wollen wir die individuelle Förderung der Schüler verbessern. Wir haben auch an der Mittelschule die Intensivierungsstunde eingeführt. Außerdem gibt es seit diesem Jahr eine zusätzliche Förderstunde an der Realschule in der fünften Klasse.

BSZ: Wegen der Konsolidierung des Haushalts haben Sie allerdings „die Streckung einzelner Investitionen“ angekündigt. Welche genau?
Spaenle: Der Unterricht muss unter allen Umständen gewährleistet werden. Dort wird nicht gespart. Wir werden vorwiegend im Baubereich sparen. Beim Neubau werden vor allem private Schulen, aber auch einige staatliche Schulen betroffen sein, indem Maßnahmen gestreckt werden. Das heißt die Abfinanzierung von Maßnahmen wird über einen längeren Zeitraum gestreckt.

BSZ: Ab dem kommenden Schuljahr gibt es nur noch das achtjährige Gymnasium, 1819 Lehrerstellen fallen weg. Sind bald viele angehende Gymnasiallehrer arbeitslos?
Spaenle: Wir werden weiter einstellen aber es wird für die Bewerber nicht einfach, eine Stelle zu bekommen, weil in den kommenden beiden Jahren eine sehr, sehr große Zahl von Bewerbern die zweite Staatsprüfung abschließt.

BSZ: …also ist das Lehramtsstudium für das Gymnasium künftig nicht mehr so zukunftsträchtig.
Spaenle: Dieser Einschätzung kann ich so pauschal nicht zustimmen. Wir haben eine Lehramtsbedarfsprognose, aus der lässt sich genau ablesen, welche Fächer gefragt sind. Die hatten wir schon vor fünf Jahren. Insofern ist es natürlich ein Stück weit Eigenverantwortung, welche Fächer ein junger Mensch studiert. Dennoch stellen wir auch künftig in allen Fachbereichen die Jahrgangsbesten ein. (Interview: A. Kournioti/T. Lill)

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