Politik

Zurück zum G9? Bei der Anhörung im Maximilianeum war die Mehrheit der Fachleute dagegen. (Foto: dpa)

13.06.2014

Ideen fürs bildungspolitische Dauer-Problemkind

Im Landtag legten Vertreter von Wissenschaft, Verbänden, Eltern, Schülern und Politik ihre Positionen zum achtjährigen Gymnasium vor

Bei der jüngsten Anhörung im Landtag zur Zukunft des Gymnasiums haben sich die meisten Experten dafür ausgesprochen, am achtjährigen Gymnasium (G8) festzuhalten. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die CSU-Fraktion darauf bestanden hatte, acht der 13 Experten zu benennen. SPD, Freie Wähler und Grüne beriefen fünf Fachleute aus anderen Bundesländern. Ein Überblick über die Standpunkte – wer was will und warum.

WISSENSCHAFT

Katrin Hille, Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen, Universität Ulm:
So wie man sich an eine falsche Schuhgröße nie richtig gewöhnen könne, so sei es auch falsch, alle Schüler mit G8 oder G9 über einen Kamm zu scheren. „Unser Schulsystem kommt aus einer Zeit, in der wir das Fließband toll fanden.“ Schüler bräuchten mehr Freiheit auf dem Weg zum Abitur. Das wichtigste, was man sich am Gymnasium aneignen könne, sei „das selbstgesteuerte Lernen, denn das entscheidet mehr noch als die Intelligenz über den Erfolg eines Menschen“.
Grit im Brahm, Juniorprofessorin für Unterrichtsentwicklung, Ruhr-Universität Bochum: Zwischen G8- und G9-Absolventen ließen sich derzeit keine messbaren Unterschiede feststellen. Das etwas weniger fordernde G9 sei allerdings offener für Schüler ohne akademischen Hintergrund und fördere die Durchlässigkeit des Bildungssystems.
Manfred Prenzel, Dekan School of Education, TU München:
Der intensivere Unterricht im G8 vermittle beherrschbareres Fachwissen. Das G9 nach zehn Jahren G8 jetzt wieder parallel anzubieten, würde nur zu Stress an der Schule führen.

SCHÜLER

Julian Fick, Landesschülersprecher Gymnasien:
Am G8 werde der Stoff zu rasant durchgenommen. Schüler lernten größtenteils für die Prüfungen, an Allgemeinwissen bleibe später wenig übrig – auch weil die Zeit fehle, im Unterricht auf aktuelle politische Ereignisse einzugehen. Fick forderte, das G9 wieder als Basis einzuführen und das G8 als zusätzliche Möglichkeit anzubieten.

ELTERN

Rainer Kleybolte, Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien:
Wer sich entspannteres Lernen wünsche, könne den Weg über Realschule und Berufsoberschule zur Hochschulreife wählen: „Die Rückkehr zum G9 ist das falsche Signal.“

WIRTSCHAFT

Christof Prechtl, Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft:
Bayerns Arbeitgeber wünschten sich mehrheitlich, dass die Staatsregierung am G8 festhält und nicht zum vor zehn Jahren abgeschafften G9 zurückkehrt. Denn ein solcher „Change-Prozess“ koste zu viel Kraft. Diese Energie „sollten wir lieber in die weitere Optimierung des G8 stecken“.

LEHRER

Helmut Sämann, Schulleiter Freiherr-vom-Stein-Schule Fulda (Hessen):
Sein Gymnasium bietet G8 und G9 parallel an. Sämanns anfängliche G8-Skepsis sei bald gewichen: Der Lehrplan lasse sich ohne Schaden von G9 auf G8 kürzen. „Den Zitronensäurezyklus können Sie auswendig lernen. Aber er hat null Bildungsgehalt.“ Das Parallel-Angebot laufe in seiner Schule reibungslos, dennoch warnte Sämann die Abgeordneten: Gymnasiale Bildung diene nicht allein den ökonomischen Bedürfnissen der Wirtschaft.
Michael Schwägerl, Bayerischer Philologenverband:
Das G9 sei die bessere Lösung als ein „lehrplanentkerntes“ G8. Schwägerl warnte davor, G8 und G9 flächendeckend parallel anzubieten: „Ein Abitur der zwei Geschwindigkeiten schafft unzählige Organisationsprobleme. Damit kommen unsere Gymnasien nicht zur Ruhe.“ Der Philologenverband möchte ohne Abstriche zurück zum G9.
Dieter Brückner, Vereinigung der Direktorinnen und Direktoren der Bayerischen Gymnasien:
„Wir sehen keinen Zwang zu einem erneuten Systemwechsel.“ Was aber auch immer nun reformiert würde, solle „bitte nicht im Hauruckverfahren“ geschehen. Nicht nur die Schüler seien individuell, auch die Schulen in Bayern. Auf dem Land seien sie ganz anderen Herausforderungen ausgesetzt als in den Städten.
Edgar Nama, Schulleiter Tassilo-Gymnasium Simbach am Inn:
Dass sich das Gymnasium mit Zusatzangeboten zunehmend in den Nachmittag ausdehne, sei auf dem Land nicht immer populär, gerade bei Vereinsvorsitzenden. Nama warb dafür, das Ganztagsangebot am Gymnasium zunehmend auszuweiten, den Ganztag aber nicht bayernweit verpflichtend einzuführen.
Frank Haubitz, Schulleiter Gymnasium Klotzsche (Sachsen):
Das G8 mit Ganztagsangebot sei der Königsweg: Bildung brauche Zeit und Ruhe, das sei allein am Vormittag nicht zu leisten. Seit 24 Jahren seien seine Schüler von 7.40 bis 15.30 Uhr an der Schule. Klotzsche habe mit jahrgangsübergreifenden Projekten gute Erfahrungen gemacht, in denen Zehntklässler teils eigenverantwortlich den Unterricht für Fünft- und Sechtsklässler übernehmen. Die Behauptung, G8-Abiturienten seien häufig zu jung und unreif fürs Studium, sei falsch: „Meine Schüler sind manchmal eher überreif.“
Friedemann Stöffler, Firstwaldgymnasium in Mössingen (Baden-Württemberg):
„Ob Sie im Studium vier oder fünf Jahre brauchen, ist für den beruflichen Erfolg weniger wichtig. Warum sind wir bei der Oberstufe so unflexibel?“, fragte der Leiter des Schullabors „Abitur im eigenen Takt“. In Mössingen können Schüler selbst entscheiden, ob sie die Oberstufe in zwei oder drei Jahren durchlaufen, Auslandsaufenthalte inbegriffen.

POLITIK

Barbara Mathea, Bildungsministerium Rheinland-Pfalz:
Viel wichtiger als G8 oder G9 sei die „individuelle Förderung der Schüler“. In Rheinland-Pfalz bieten 19 von 150 Gymnasien das Ganztags-G8 an. Dies führe dazu, „dass wir weitgehend auf Hausaufgaben verzichten. Daran müssen sich die Eltern erst gewöhnen.“ Sinnvoll sei das ganztägige Gymnasium aber erst, wenn man das Pauschalangebot „vormittags Unterricht, nachmittags Betreuung“ überwinde. Zeit für Entspannung müsse die Schule bereits vormittags bieten, dann bewältigten die Schüler auch die Unterrichtseinheiten am Nachmittag besser. Das G8 sei im Übrigen nicht die Sparvariante gegenüber dem G9: „Das G8 kostet richtig Geld. Aber es ist gut angelegt.“

WIE GEHT’S JETZT WEITER?

Die Anhörung bewerten will der Bildungsausschuss am 3. Juli, an dem auch das Volksbegehren der Freien Wähler für die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 beginnt – es läuft bis 16. Juli. Vor dem August noch will Kultusminister Ludwig Spaenle bekanntgeben, wie sich die Staatsregierung die Weiterentwicklung des Gymnasiums vorstellt. Die CSU unter Edmund Stoiber hatte das G8 vor zehn Jahren eingeführt. (Jan Dermietzel)

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