Politik

Satellitenaufnahme von München: PRECOPS prognostiziert Einbrüche – rote Gebiete sind besonders gefährdet. (Foto: IfmPt)

05.12.2014

Im Visier: Verbrecher der Zukunft

An Software, die Vergehen vorhersagt, wird munter geforscht – die bayerische Polizei sieht schon Einbrüche vorher

Als er die Tür aufmachte, stand eine Polizistin davor. Sie eröffnete dem 22-Jährigen, dass er wohl bald jemanden erschießen werde. Oder selbst erschossen würde. Der Polizeicomputer hatte das errechnet. Robert McDaniel landete auf der sogenannten heat list der Chicagoer Cops, auf der die 400 wahrscheinlichsten Straftäter stehen, weil einer seiner Freunde erschossen worden war.
Was wie Science Fiction klingt, passierte 2013 tatsächlich. In den USA ist Predictive Policing – die voraussehende Polizeiarbeit – längst Realität. Mit spezieller Software will die Polizei herausfinden, wann, wo und von wem ein Verbrechen verübt werden könnte. Mit teils zweifelhaftem Erfolg: McDaniel jedenfalls lebt und wurde bislang auch nicht zum Mörder.

Datenschützer sind alarmiert

In Zukunft Straftaten vorhersehen zu können  – das ist ein Traum der Polizei. Auch in Bayern. Vor einigen Wochen hat für Ermittler in München und Nürnberg diese Zukunft begonnen. Dort wird eine Computertechnik getestet, die Wohnungseinbrüche prognostiziert. Sie heißt PRECOBS (Pre Crime Observation Systems) und basiert auf der sogenannten Near Repeat Prediction: Man weiß, dass im direkten Umfeld von Einbrüchen häufig in kurzer Zeit mit Folgedelikten zu rechnen ist. Die Software errechnet mögliche Tatorte, die die Polizei verstärkt kontrollieren kann. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann ist von der Technik, die etwa 100 000 Euro kostet, begeistert. In München und Mittelfranken konnten damit bereits erste Einbrecher geschnappt werden. Mit Blick auf die bis März 2015 laufende Machbarkeitsstudie jubelt Herrmann: „Ich bin optimistisch, dass sich PRECOBS bei uns bewährt und gegebenenfalls auf ganz Bayern ausgeweitet werden kann.“
Wenig begeistert zeigen sich allerdings Datenschützer davon, dass Predictive Policing in Bayern Einzug hält. Thomas Petri, bayerischer Landesbeauftragter für Datenschutz, ist alarmiert. Er will das Programm nun genauer untersuchen. Datenschutzrechtliche Probleme sieht man in Herrmanns Ministerium nicht, da nur anonymisierte Falldaten der Polizei ohne unmittelbaren Personenbezug verwendet werden: Tatzeit, Tatort, erlangtes Gut und Modus Operandi. Auch Petri räumt ein, „dass für die bayerische Version offenbar ein sehr datensparsames Modell gewählt worden ist“. Aber er warnt: „Nehmen wir an, die Software sagt zu einer bestimmten Uhrzeit einen Einbruchsdiebstahl im Lehel voraus. Ich bin mir relativ sicher, dass die Polizei dann in diesem Viertel Verkehrsteilnehmer verschärft kontrollieren wird.“ Und dies, obwohl in den meisten Fällen die betroffenen Personen nichts Böses im Schilde führen, so Petri. „Natürlich kann bei der Verknüpfung verschiedener Daten oft ein Rückbezug auf Personen hergestellt werden“, ergänzt Anna Biselli von der Plattform netzpolitik.org. Die Informatikerin promoviert zum Thema Datenschutz im Software Engineering und warnt: „Entwicklung und Erwerb solcher Software sind unglaublich teuer. Mir kann keiner erzählen, dass nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, die ein System zu bieten hat.“ Datenschutzrechtlich herrschen in Deutschland im Gegensatz zu den USA zwar enge Grenzen. Aber auch hier darf die Polizei zur Gefahrenabwehr und Verbrechensbekämpfung personenbezogene Daten nutzen.

Gesellschaftliche Vorurteile werden auch immer in die Technologie verlagert

Was die Datenschützer auch umtreibt: Es wird bereits munter an Vorhersagesoftware geforscht, die auch personenbezogene Daten auswertet. Beim EU-geförderten Projekt ePoolice, an dem auch die Fraunhofer-Gesellschaft und die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Bayern beteiligt sind, will man etwa ein strategisches Frühwarnsystem für organisiertes Verbrechen entwickeln – und dazu auch Daten aus sozialen Netzwerken nutzen. Bei dem bis 2013 vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt ADIS, an dem auch das Landeskriminalamt beteiligt war, sollen Computer durch die Analyse von Überwachungsvideos Gefahrensituationen wie aggressives Verhalten erkennen und das Sicherheitspersonal darauf aufmerksam machen. Jens Hälterlein, der an der TU Berlin zu gesellschaftlichen Ursachen und Folgen von Videoüberwachung forscht, betont, dass die intelligente Videoüberwachung aber längst noch nicht ausgereift sei. „Die Systeme können nicht zuverlässig unterscheiden: Ist das nun eine Umarmung oder der Anfang einer Schlägerei.“ Aber nicht allein die Fehleranfälligkeit bereitet Hälterlein Sorge. Er hat ebenso ethische Bedenken. Die Systeme erlernen Muster, um sie mit konkreten Situationen abzugleichen. Füttert man die Software nun zum Beispiel mit Videos mit überproportional vielen Menschen mit dunklerer Hautfarbe oder abgenutzter Kleidung, werden diese Menschen später vom System besser erkannt als andere und daher auch verstärkt in den Fokus der Polizei geraten. „Gesellschaftliche Vorurteile werden auch immer in die Technologie verlagert“, betont Hälterlein. „Das Problem: Das Ergebnis eines Hightech-Systems aber wird am Ende als objektiv wahr angesehen.“ (Angelika Kahl)

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Kommentare (1)

  1. Christian am 05.12.2014
    Der gläserne Kunde ist schon längst angekommen!
    Ob die Städte auf den Weihnachtsmärkten das oder jenes verbieten
    oder im Winter keine Steukästen mehr aufgestellt werden,
    weil sie überflüsseig sind, überall wird ermitttelt.
    Nur was mit den Daten dann geschieht kann keiner
    sagen.

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