Politik

Fühlen sich im Zuchtgehege von Dominic Müller sichtlich wohl: aus Südamerika importierte Alpakas. Foto: Peteranderl

21.10.2011

Immer mehr Bayern halten sich Alpakas – Auch der Oberpfälzer Züchter Dominic Müller ist den flauschigen Anden-Tieren verfallen

Das Gold der Inkas

Die Alpakas waren um die halbe Welt gereist, als sie in Bayern aus dem Transporter staksten: Von den chilenischen Anden nach Santiago de Chile, per Flugzeug 20 Stunden über Kolumbien nach Luxemburg und dann im Anhänger bis nach Hohenburg in der Oberpfalz.
Rote, gelbe und grüne Wollfäden hingen den flauschigen, teddyartigen Tieren mit den langen Hälsen noch als südamerikanischer Schmuck im Ohr. Unter den wolligen Topfschnitt-Tollen blitzten große Knopfaugen hervor und inspizierten die neue Heimat gelassen. Dominic Müller war überrascht, wie gut die Alpakas die Reisestrapazen in der Transportbox überstanden hatten – obwohl sie bisher nur das Leben im Freien kannten.
Der Züchter hatte die 30 Tiere Bergbauern im Andenhochland zwischen Chile, Bolivien und Peru abgekauft, um seinen Bestand an farbigen Tieren aufzustocken. Kein Wunder: Tiere in Naturfarben wie Grau, in Braunschattierungen oder Beige sind in Deutschland sehr gefragt.


Bis zu 500 000 Euro
für einen Hengst


Mit den Neuen aus Chile leben nun fast 80 Tiere auf Müllers Hof Tierra Helada Alpakas. Die Südamerikaner wirken vor der bayerischen Wald- und Wiesenkulisse zwar noch wie Exoten, doch die Zahl der in Deutschland lebenden Tiere wächst. In den vergangenen Jahren hat sich ein Nischenmarkt für Alpakas entwickelt, in deren weiches und glänzendes Vlies sich schon die Inkas hüllten – und das wie Kaschmir oder Angora als Edelfaser gehandelt wird. Denn durch das raue Klima in den Anden haben sich Alpakas ein besonders dichtes und feines Fellkleid zugelegt.
Die Alpaka-Herkunftsländer Peru, Chile und Bolivien hatten die Ausfuhr der Tiere allerdings lange blockiert. Erst Mitte der 80er Jahre wurden die ersten Alpakas von Chile in die USA, nach Kanada oder in europäische Länder exportiert. Nach Deutschland gelangten in den 90erJahren erst die Lamas, dann folgten Alpakas.
Erst in den vergangenen fünf bis sechs Jahren hätten die Deutschen Alpakas richtig entdeckt, sagt die Sprecherin des Alpakazuchtverband Deutschland (AZVD). Dort sind inzwischen etwa 500 Mitglieder registriert, sie besitzen 6500 Tiere. Da viele Alpakas nicht gemeldet sind, schätzt der Verband, dass es insgesamt bereits 8000 Alpakas in der Bundesrepublik gibt – viele davon im Freistaat.
Die Tiere passen sich schnell an ihre neue Heimat an, wo das Wetter wärmer, die Wiesen üppiger sind und wo sie mehr Kontakt mit Menschen haben als bisher. „Es gibt keine Bedenken, wenn Alpakas artgerecht gehalten werden“, sagt ein Sprecher des bayerischen Landwirtschaftsministeriums. Die Herdentiere dürften nicht alleine gehalten werden und bräuchten ausreichend Platz. Die 80 Alpakas von Müller verfügen über fünf Hektar Raum, um sich auszutoben.
Bei vielen deutschen Züchtern, wie auch bei Müller, begann die Alpakazucht als Hobby und Liebhaberei. Die Faszination für den drolligen Anblick der Tiere, ihren sanften Charakter und das weiche Vlies ist in Fachkreisen auch als „Alpaka-Virus“ bekannt. „Wenn es einen erwischt hat, lässt es einen nicht mehr los“, sagt Müller. Der 47-Jährige war früher Forellenzüchter, sein erstes Alpaka entdeckte er im Münchner Tierpark Hellabrunn und legte sich dann 2002 begeistert zwei eigene Stuten zu.
Seit mehr als vier Jahren ist die Alpakazucht Dominic Müllers Hauptberuf und er gehört mit seinen fast 80 Tieren, die von einer kanadischen Ranch und aus Chile stammen, zu den größten Züchtern deutschlandweit. In Südamerika, wo insgesamt etwa drei Millionen Alpakas leben, bestehen einige Herden aus 400 oder 500 Tieren, in Deutschland sind 100 oder 200 Alpakas auf einmal noch eine Seltenheit.
Das meiste Geld verdient Müller mit dem Verkauf und der Zucht. Da ein Fohlen mit entsprechendem Stammbaum, Statur und Faserqualität genauso viel einbringen kann, wie die Mutterstute gekostet hat, gelten Alpakas als gute Investition. „Zuchtstuten bekommt man in Deutschland nicht unter 5000 Euro, nach oben gibt es keine Grenzen“, sagt die Sprecherin des AZVD. „Gute Zuchthengste werden auch mal für 30 000 Euro verkauft.“ Ein stolzer Preis  und dennoch sind Alpakas in Deutschland vergleichsweise günstig, der Markt ist noch nicht so weit entwickelt wie etwa in den USA. Dort wurde der bislang teuerste Alpakahengst der Welt für 500 000 Dollar versteigert.
Müller hat in diesem Jahr bereits mehr als ein Dutzend Alpakas verkauft. Die Kunden sind vielfältig: andere Alpakazüchter, Landwirte, die von Rindern oder Schafen auf Alpakas umsteigen, Personen, die Alpakas als Prestigeobjekt halten oder Familien mit Kindern. Auch Tiertherapeuten setzen Alpakas ein – die Ausstrahlung der Tiere kommt bei kranken und behinderten Menschen wie Autisten gut an.
Müller behält die meisten seiner Tiere selbst, um mit ihnen zu züchten. Seine Hengste hat er in des letzten Saison auch zum Decken nach Österreich, Slowenien und Mecklenburg-Vorpommern gebracht und pro Stute zwischen 500 bis 800 Euro verdient.
Das jüngste Fohlen auf dem Hof ist erst wenige Wochen alt. Die meisten Fohlen kommen Ende April bis Anfang September, viele Stuten tragen, wenn sie im Mai geschoren werden. „Dann sind sie richtig zickig“, sagt Müller. Beim Scheren spucken die sonst so sanften Tiere manchmal sogar Menschen an oder versuchen zu flüchten.
Das Suri-Alpaka wird nur alle zwei Jahre geschoren, bei der seltenen Alpaka-Art hängt das Haar in langen, gelockten, geraden Strähnen herab. Den häufiger vorkommenden teddyartigen Huacaya-Alpakas mit der gekräuselten Haarstruktur scheren die Züchter ihr Vlies jedes Jahr ab – möglichst in einem Stück. Dann rollen sie es zusammen und konkurrieren bei Wettbewerben um Feinheit, Glanz und die Kräuselung namens Crimp. Müller hat eine ganze Wand voller Rosetten an einer Stellwand vor seiner Haustür hängen, die seine Tiere gewonnen haben.
Die Alpaka-Faser ist mit ihren 22 natürlichen Farbtönen und 60 Farbschattierungen in der Modeindustrie begehrt – doch wegen des überschaubaren Alpakabestands und seiner langsamen Vermehrung macht Alpakafaser derzeit nur etwa ein Prozent der weltweiten Tierfaserproduktion aus.
Deutsches Vlies fällt auf dem Weltmarkt bisher kaum ins Gewicht – die Mengen sind einfach zu gering. Die seltene Faser hat hierzulande deshalb einen stolzen Preis: Ein Kilo kostet dem Alpakazuchtverband zufolge 80 bis 100 Euro, Müller hält einen durchschnittlichen Kilopreis von etwa 30 Euro für realistisch. Jedes Alpaka produziert etwa drei bis vier Kilo Wolle pro Jahr.


Von Ponchos bis zu Hundekissen


„Alpakaprodukte sind in Deutschland ein absolutes Luxusprodukt“, sagt eine Sprecherin des Zuchtverbandes. Den typischen Kunden gebe es nicht. Eine Geringverdienerin, die sich ausnahmsweise eine Decke für 350 Euro bestellt, sei ebenso dabei wie gut betuchte Kundinnen, die sich Pullover anfertigen lassen.
Ein Teil der Fasermenge von Müllers Alpakas wird zu Bettdecken für Allergiker verarbeitet, teils gibt er die Wolle auch an Spinnkreise ab, die das Vlies an einem Spinnrad zu Garn verarbeiten. „Sie bekommen zwei bis drei Kilo Wolle, einen Wäschekorb voll, behalten die Hälfte und geben mir den Rest zurück“, sagt Müller.
In seinem Hofladen verkauft er die Wolle sowie Endprodukte wie Kissen, Ponchos, Pullover oder Socken. Viele der Kleidungsstücke importiert Müller noch direkt aus Südamerika – in Zukunft möchte er aber mehr Eigenkreationen verkaufen.
„Es gibt immer mehr Möglichkeiten, um die Wolle abzusetzen“, sagt der Züchter. So stelle zum Beispiel ein kleineres Unternehmen inzwischen therapeutische Kissen für Hunde aus Alpakawolle her.
Seit Mai 2010 gibt es in Deutschland zudem die erste Fasermühle, die auch kleinere Mengen ab 500 Gramm Rohmaterial maschinell verarbeiten kann. Die Naturfasermühle läuft der Geschäftsführerin Conny Böhme zufolge zwar noch im Probebetrieb, doch der Andrang ist groß.
Die noch begrenzte Reichweite des deutschen Alpakamarktes hat auch ihren Charme. Eine Bekannte von Dominick Müller hat ihrer Tochter kürzlich eine Mütze aus Alpakawolle geschenkt – und sich gefreut, dass sie ganz genau wusste, welches Tier dahintersteckt.
(Sonja Peteranderl)

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