Politik

Ob jemand eine Stelle bekommt, hängt oft vom Namen und Aussehen des Bewerbers ab. Vor allem Migranten werden dadurch benachteiligt. Das fällt bei anonymen Bewerbungen weg. Foto: dpa

27.04.2012

Inkognito zum Spitzenjob

Anonyme Bewerbungen verbessern die Chancengleichheit: doch die FDP und Bayerns DAX-Konzerne winken ab

Lebenslauf ohne Namen, Alter und Foto, Anschreiben ohne Unterschrift – so könnte die Bewerbung in einer gerechteren Arbeitswelt aussehen. Das legt zumindest ein bundesweites Pilotprojekt nahe. Fünf private und drei öffentliche Arbeitgeber haben sechs Monate lang bei insgesamt 8500 Bewerbern das anonyme Verfahren getestet. Persönliche Angaben wurden entweder geschwärzt oder in standardisierten Bewerbungsbögen gleich ganz weggelassen. Das Ergebnis: Die Chancen eines Jobaspiranten erhöhen sich, wenn die Personalchefs Geschlecht und Herkunft nicht kennen.
Initiiert hat das Projekt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Anlass war der Verdacht, dass Vorurteile in Personalabteilungen noch immer eine Rolle spielen, wenn auch unbewusst. Die Befürchtung: Ein Bewerber mit einem ausländisch klingenden Namen wird eher nicht zum Gespräch eingeladen, genauso wenig wie eine 30-jährige Frau – sie könnte schließlich bald ein Kind bekommen.


Die großen Unternehmen sehen keine Vorteile


Vier der acht Projektteilnehmer sind von dem Ergebnis des Projekts begeistert und wollen das anonyme Bewerbungsverfahren auch offiziell einführen – nicht aber die großen teilnehmenden Unternehmen wie Deutsche Post, Telekom und L’Oréal. Sie sahen keine Vorteile. „Bei der Bewerberauswahl für ein Vorstellungsgespräch kam es während des Projekts bei uns zu keinem Unterschied im Vergleich zu vorher“, sagte etwa Post-Sprecherin Nina Mohammadi.
Auch die meisten der acht in Bayern ansässigen DAX-Unternehmen finden den Ansatz zwar interessant, wollen aber keine Lebensläufe ohne Namen. Nur bei MAN heißt es, man wolle sich zu dem Thema noch nicht äußern.
Karl-Heinz Groebmair, Sprecher der Siemens AG, sagte zum Beispiel eindeutig: „Das anonyme Bewerbungsverfahren ist praktisch schwer umzusetzen. Wir brauchen schließlich den Namen und vor allem die Mailadresse, um mit den Kandidaten Kontakt aufzunehmen.“ Und bei BMW heißt es: „Viele unserer Bewerber haben schon mal mit uns zu tun gehabt, als Praktikanten oder als Mitarbeiter von Zulieferfirmen – ohne Namen erkennen wir diesen Zusammenhang nicht.“ Das sei am Ende ein Nachteil für die Bewerber.
Foto und Alter sind schon jetzt bei einer Bewerbung um eine Stelle in den bayerischen DAX-Unternehmen nicht notwendig. Wer die Angaben weglässt, habe keine Nachteile, heißt es aus den Personalbüros.
Das Ziel des anonymen Bewerbungsverfahrens unterstützen die bayerischen DAX-Firmen: Auch sie wollen Vorurteile aus der Personalabteilung vertreiben. Doch da helfe das anonyme Verfahren kaum, glaubt die für Personalfragen zuständige Unternehmenssprecherin von Adidas, Simone Lendzian. „Wenn ein Chef keine Frau will, dann hat die auch mit einem Lebenslauf ohne Namen und Foto keine Chance“, erklärt sie. „Denn das persönliche Gespräch ist für eine Einstellung unverzichtbar – und spätestens da würde ein frauenfeindlicher Chef weibliche Bewerber abweisen.“
Die Firmen haben deshalb einen eigenen Plan für das Ende der Diskriminierung: die Diversity-Strategie. Dahinter steckt der ökonomische Gedanke, dass gemischte Teams besser und effizienter arbeiten. Gemischt werden soll in jeder Hinsicht. Es sollen genauso viele Männer wie Frauen dabei sein, Menschen aus möglichst vielen Nationen mit verschiedenen Charaktereigenschaften und unterschiedlichen Alters. Bei Adidas werden die Manager geschult, damit sie bei der Personalauswahl auf eine bunte Zusammensetzung achten. Das sei nötig, weil die meisten Chefs intuitiv eher Kandidaten einstellen, die so seien wie sie selbst, sagt Simone Lendzian, sie würden „another me“ auswählen. Eine ähnliche Strategie verfolgt die Allianz. Dort gibt es nicht nur Schulungen zur Diversity-Strategie, sondern es wird auch regelmäßig geprüft, ob die Vorgaben, gemischte Teams zu bilden, umgesetzt werden.


Chefs wählen Kandidaten, die ihnen selbst ähneln


Die Politik ist nach dem Modellprojekt zwar von den Vorzügen des anonymen Bewerbungsverfahrens überzeugt. Doch die Unternehmen sollen in keinem Fall gezwungen werden, es zu nutzen, so eine Sprecherin der Antidiskriminierungsstelle. Auch in Bayern will man der Privatwirtschaft keine anonymen Bewerbungen vorschreiben. Die FDP glaubt sogar, dass das Verfahren kontraproduktiv sein könnte. „Was passiert zum Beispiel, wenn ein Unternehmen gerade eine Frau oder jemanden mit Migrationshintergrund einstellen will?“, fragt sich der arbeitspolitische Sprecher der FDP-Fraktion Jörg Rohde.
In den USA, Großbritannien und Kanada ist der Verzicht auf persönliche Angaben in vielen Unternehmen übrigens schon lange üblich. In Belgien wurde das Verfahren kürzlich im gesamten öffentlichen Dienst eingeführt. Das würde Stefan Schuster (SPD) auch für Bayern gefallen. Er ist der stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Fragen des öffentlichen Dienstes im Bayerischen Landtag. Die anonyme Bewerbung hält er außerdem für eine gute Alternative zur Quotenregelung: „Da besteht immer die Gefahr, dass bewusst oder unbewusst der Makel haften bleibt, nur wegen der Quote ausgewählt worden zu sein. Die anonymisierte Auswahl wäre die effizientere und elegantere Lösung.“
Auch die Grünen-Abgeordnete Claudia Stamm ist von den anonymen Bewerbungen begeistert. Sie hatte der Staatsregierung schon vor zwei Jahren vorgeschlagen, das Modellprojekt im Freistaat durchzuführen. Allerdings ohne Erfolg. (Veronica Frenzel)

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Kommentare (1)

  1. sterndeuter am 02.05.2012
    Anonyme Bewerbungen sind ein erster Schritt für die objektive Beurteilung einer Bewerbung. Die letztendliche Entscheidung wird ohnehin erst nach dem (oder den) Bewerbungsgespräch/en fallen. Unternehmen, die bereits jetzt schon ihre Gegenargumentation aufbauen, berauben sich der Chance, den qualifizierteren Kandidaten zu bekommen. Zur Qualifikation gehört natürlich auch die menschlich-soziale Komponente, aber die kommt ja beim persönlichen Kennenlernern zum Vorschein. Es ist also nicht schwarz oder weiß, machen oder nicht, was sich die Firmen zu überlegen haben, sonder eher ein Mix aus mehreren Schritten. Der erste sollte der Mut zur anonymen Bewerbungsmöglichkeit sein, dadurch ergibt sich dann auch leichter - und manchmal von selbst - die von einigen Unternehmen angestrebte "Diversity"! Die Statements von Adidas und der FDP erscheinen mir geradezu lächerlich!

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