Politik

06.08.2010

Irgendwie konservativ

Kommentar von Roswin Finkenzeller

Die meisten CSU-Politiker können von Glück sagen, dass sie nicht im Examen stehen und einem Politologieprofessor erklären müssen, was konservativ sei. Wahrscheinlich würden sie alle durchfallen. Konservativ sei, nicht die kommenden Generationen zu belasten, behauptet zum Beispiel einer, der es wissen müsste – Manfred Weber, Chef der CSU-Grundsatzkommission. Note vier. Die Aussage ist nicht spezifisch, sondern ebenso liberalismustauglich wie sozialismuskompatibel.
Macht nichts, denn im politischen Streit zeichnet sich der Begriff „konservativ“ gerade seiner Unschärfe wegen durch hohe Verwendbarkeit aus. Niemand hat das in den vergangenen Jahrzehnten besser begriffen als die Gegner der CDU und der CSU. Viel fehlte nicht, dass “konservativ“ ein Schimpfwort geworden wäre, etwa wie „reaktionär“ oder „rechtsradikal“. Wer sich angesprochen fühlte, hatte in der Regel nichts Besseres zu tun, als auf seine soziale Ader und seine stets mitschwingende Liberalität zu verweisen. Kaum ein Konservativer erkannte die Unverschämtheit, die in der Wortprägung „wertkonservativ“ liegt. Als bedürfe der Begriff, um wirklich stubenrein zu sein, einer Vorsilbe.
Echt Konservativ will in der CSU seit langem kein Mensch mehr sein, am wenigsten der Parteivorsitzende Seehofer, der kürzlich anregte, es ein bisschen zu sein, so nebenher, weil zur Rückgewinnung abgefallener Wähler, das heisst mutmaßlicher Nichtwähler. Tatsächlich stört einen Teil des Stammpublikums das, was der im Ruhestand etwas ungezwungener als früher redende Edmund Stoiber die Sozialdemokratisierung der CSU nennt. Weitaus mehr aber stört sie der neue Spitzenmann, der es förmlich darauf anlegt, nicht Fisch und nicht Fleisch zu sein.
Erinnern wir uns recht, dass er einst im Fall von 43 minus zurücktreten wollte? Nun, inzwischen hat er die CSU auf ungefähr 40 Prozent heruntergewirtschaftet. Seehofer orientiert sich an Angela Merkels durchtriebener Profillosigkeit. Neulich tat er so, als sei er für die Nutzung der Kernenergie, zumindest bis auf weiteres, wohl also bis zu dem Moment, in dem es ihm tunlich erscheinen könnte, dagegen zu sein. Ist er nun für die Wehrpflicht und wenn ja, wie unabdingbar? Unter uns gesagt: die Professoren tun sich mit der Definition des Konservativismus verdammt schwer. Die Politiker können es sich leichter machen. Sie brauchen bloß hochintelligent und tatkräftig zu sein. Dies wäre ein konservativer Ratschlag.

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