Politik

25.03.2011

Irgendwie niedlich

In der Nachbarschaft der AKW Isar 1 und 2 geht die Angst um - auch davor, den Job zu verlieren

In der Umgebung der Atomkraftwerke Isar 1 und 2 ist es nicht opportun, gegen Kernenergie zu sein. Die Kraftwerke sind die wichtigsten Arbeitgeber und auch, wer nicht dort arbeitet, profitiert oft vom Atomkraftwerk.
Renate Sch. hat Angst. Die Ereignisse in Japan haben bestätigt, was die Putzfrau aus Oberahrain immer schon befürchtet hat. Die beiden Atomkraftwerke Isar 1 und Isar 2 sind eine tickende Zeitbombe, sie stehen keine zwei Kilometer von ihrem Haus entfernt. Doch das traut sich Sch. nicht laut zu sagen. Sie fürchtet das Urteil der anderen Einwohner von Oberahrain. Viele arbeiten selbst in den Kraftwerken oder haben Angehörige und Freunde, die dort beschäftigt sind. Über die Atomenergie sagen sie in der Öffentlichkeit nur Gutes. Deshalb will Sch. auch nicht ihren vollen Namen in der Zeitung lesen.
Es ist nicht opportun, gegen Atomenergie zu sein, in der niederbayerischen Gemeinde Essenbach, auf deren Gebiet die Kraftwerke liegen. Erst recht nicht am Tag eins nach dem vorläufigen Aus von Isar 1.


Der Kühlturm als Wetterbote


Am vergangenen Donnerstag um 16 Uhr nahm die Betreiberfirma Eon das Atomkraftwerk auf Anordnung von Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) vorübergehend vom Netz. Seitdem ist die Stimmung in den Ortschaften in der unmittelbaren Umgebung des Atommeilers gedrückt. Die Mitarbeiter erwartet eine ungewisse Zukunft. Renate Sch. flüstert deshalb, als sie sagt, „ich bin froh, dass das Kraftwerk endlich abgeschaltet worden ist.“ Besonders froh sei sie wegen ihres Sohns. Sie kenne viele Leute, die in der Ortschaft an Gehirntumoren und Schilddrüsenkrebs erkrankt seien. „Immer schon habe ich gedacht, ‘das hat mit dem Kraftwerk zu tun’“, fügt sie leise an.
Dieter Fischer empört sich um so lauter darüber, dass Isar 1 abgeschaltet worden ist. „Das ist eine Fehlentscheidung der Politik“, erklärt der Mann aus Oberahrain. „Ich habe zwei Mal Führungen durch den Meiler mitgemacht und mir selbst ein Bild gemacht: Das Kraftwerk ist sicher.“
Keinen Kilometer von Isar 1 entfernt liegt das Gasthaus Kraftwerk. Eine Gruppe von Mitarbeitern des Atommeilers unterhält sich am Tag, nachdem er vom Netz genommen wurde, vor der Tür. Ihre Schicht ist gerade vorbei. „Die Politiker haben doch nur umgeschwenkt, um es den Wählern recht zu machen“, sagt einer. „An den plötzlichen Sicherheitsbedenken ist doch nichts dran.“ Die anderen nicken. Ein zweiter Mann erklärt, es gebe keinen sicheren Ort als das Kraftwerk. „Als ich einmal beim Zahnarzt geröntgt worden bin, durfte ich anschließend eine Woche nicht zur Arbeit – ich war zu stark mit Radioaktivität kontaminiert.“
Jeden Arbeitstag werden die Arbeiter in den Kraftwerken auf Strahlung untersucht. Die Stimmung unter den Arbeitern ist zwar gedämpft, aber Angst um seinen Job hat keiner. Die Firmenführung hat erst am Morgen alle Arbeiter zusammengerufen und sie beruhigt, keiner werde seine Stelle verlieren. Sollte Isar 1 nach den drei Monaten des Moratoriums endgültig abgeschaltet werden, dann werde das Kraftwerk noch einige Jahre normal weiterfunktionieren, hieß es. Für den Abbau selbst, der rund zehn Jahre dauern würde, soll außerdem ein Großteil der jetzigen Angestellten eingesetzt werden.
Das hat am Nachmittag auch Richard Tanneberger, der Besitzer des Gasthauses Kraftwerk, gehört. Auch er macht sich deshalb keine Sorgen um seine Zukunft. Fast alle, die sich in seinen Gästezimmern einquartieren, kommen in die Gegend, weil sie im Atomkraftwerk zu tun haben. Außerdem arbeiten viele Stammgäste dort. Die ganze Aufregung um die Atomenergie versteht er nicht. „Für mich hatte das Kraftwerk nie etwas Bedrohliches“, sagt er und lächelt. „Es sieht doch niedlich aus.“ Außerdem, fügt er an, sei der Kühlturm besser als jede Wettervorhersage. „Wenn der Wasserdampf gerade nach oben aufsteigt, bleibt es so, wie es ist. Zieht er nach Osten, kommt gutes Wetter, zieht er nach Westen, schlechtes.“


„Ich verdiene schließlich mein Geld hier“


Vor zwei Jahren ist Tanneberger aus Straubing hierher gezogen, um das Gasthaus zu übernehmen. Vor den Gefahren der Kernkraft hat er sich nie gefürchtet. Er versprach sich wegen der Nähe zum Atommeiler vielmehr gutes Geschäft. Auch deshalb nannte er sein Gasthaus „Kraftwerk“. Später sagt ein Mitarbeiter des Atomkraftwerks hinter vorgehaltener Hand, er sei eigentlich gegen Atomenergie. Das sei viel zu gefährlich. „Aber schließlich verdiene ich mein Geld damit. Da kann ich doch offiziell nichts dagegen sagen.“ Einige seiner Kollegen dächten genauso.
Ein paar Leute aus der Gegend trauen sich aber doch, Isar 1 und 2 offen zu kritisieren. Seit die Bundesregierung verkündet hat, die Laufzeiten der Kraftwerke zu verlängern, versammeln sich jeden Montag Abend Atomenergiegegner vor den Toren zu einer Mahnwache. Nach der Katastrophe in Japan waren es am vergangenen Montag sogar mehr als tausend Demonstranten.
Die Katastrophe in Japan hat auch einige hartnäckige Befürworter in Essensbach verunsichert. „Bisher hatte ich nie Angst vor dem Kraftwerk“, sagt Gabi Kern, eine junge Frau aus Niederaichbach. „Aber jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich denken soll: Vor zwei Wochen hieß es noch, Isar 1 sei sicher und werde weiterlaufen. Jetzt sagen die Politiker plötzlich, es müsse sofort abgeschaltet werden.“ Sie hält kurz inne. „Da kommt man schon ins Grübeln.“
Am späten Nachmittag ist die gedrückte Stimmung am Stammtisch im Gasthof Kraftwerk ganz verflogen. „Für uns wird sich vorerst nichts ändern“, resümiert Gastwirt Tanneberger. „Und was in 15 Jahren ist, weiß keiner. Da müssen wir uns jetzt noch keine Gedanken machen.“ (Veronica Frenzel)

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