Politik

Unbeliebt bei Jugendlichen: Kondome. (Foto: DAPD)

25.05.2012

"Jeder kennt einen Transmenschen"

Umfassendes Symposion über Jugendsexualität, Geschlechtskrankheiten und Identität

Manche können es bereits mit drei, andere erst mit 60 Jahren aussprechen. Kai Gerstenberger hatte mit 20 sein Coming-out. Mit dem wird allgemein assoziiert, dass Homosexuelle sich selbst und ihrem sozialen Umfeld ihre gleichgeschlechtliche Präferenz bewusst machen. Einen ähnlichen mehrstufigen Prozess durchlaufen aber auch Menschen, deren „seelisches Geschlecht nicht mit ihrem Körper übereinstimmt“, wie Gerstenberger das Empfinden von Transmännern und Transfrauen vor Coming-out und Geschlechtsumwandlung beschreibt.

Selbsthilfegruppe für junge schwule Infizierte

Mit Homosexualität hat es indes nichts zu tun, wenn ein Mädchen im Körper eines Jungen feststeckt oder umgekehrt. Beides wird in der Öffentlichkeit dennoch häufig verwechselt. Auch werden Transsexuelle oft fälschlicherweise mit Transgender gleichgesetzt: „Die aber lehnen es ab, auf ein Geschlecht festgelegt zu werden“, differenzierte Gerstenberger im Rahmen des Symposions „Jugendsexualität, STD-Prävention und Geschlech-teridentität“ an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.
Die verschiedenen Geschlechts-
identitäten waren nur ein Aspekt von mehreren, die die Poliklinik für Dermatologie und Allergologie in Zusammenarbeit mit dem Jugendnetzwerk Lambda thematisierten: Vom korrekten Umgang mit Kondomen – „Niemals umdrehen“ – über sexuell übertragbare Krankheiten wie Pfeiffersches Drüsenfieber, Tripper, Syphilis und Aids bis zur Nennung von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen reichten die Informationen.
In der Zusammenschau war das, was Stefan Zippel, Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle der Klinik, und die anderen Referenten geboten haben, komplex und gleichzeitig erhellend; dass keiner von ihnen den didaktischen Zeigefinger erhob, wohltuend. Diese Art unbefangener sexueller Aufklärung ist nicht nur Pubertierenden zu wünschen, sondern auch ihren Angehörigen. Und ihren Lehrern.
Die waren zahlreich im Publikum vertreten. Sie hatten die Gelegenheit, sich Anregungen dazu zu notieren, wie sie Jugendliche bei ihrer sexuellen Entwicklung unterstützen können. Immerhin zählen Pädagogen genauso wie die beste Freundin zu dem Kreis, bei dem Adoleszente in Sachen Sex Ratschläge suchen. Unangefochten auf Platz eins der Vertrauenspersonen rangieren laut Statistik aber die Mütter. „Und das sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen, bei Deutschen ebenso wie bei Migranten“, sagte Zippel. Zum Vergleich: Nur ein Drittel der heranwachsenden Deutschen männlichen Geschlechts wird von den Vätern aufgeklärt.
Wie unverkrampft die Erwachsenen ihr Wissen vermitteln, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt: 49 Prozent der – wohlbemerkt – jungen Eltern in Deutschland geben laut Zippel an, dass es ihnen Probleme bereitet, mit ihrem Nachwuchs über sexuelle Praktiken zu sprechen. Weniger schwierig finden Mama und Papa laut Datenmaterial das Gespräch über Homosexualität: Vergleichsweise nur 20 Prozent bekennen, davor Hemmungen zu haben.
Allerdings fühlen sich die Jugendlichen selber in Sachen gleichgeschlechtlicher Liebe nicht ausreichend informiert: Das geben 95 Prozent von ihnen an – unabhängig davon, welche sexuelle Präferenz sie haben. Und 78 Prozent der heranwachsenden Schwulen und Lesben bundesweit haben Angst vor Diskriminierung. Aber nicht nur die Reaktion Dritter bereitet Sorgen. Es kann auch schwierig sein, seine eigene Natur zu akzeptieren. In beiden Fällen hilft das 2002 in München gegründete Jugendnetzwerk Lambda-Bayern mit Rat und Tat. Sein Vorsitzender Jens Zeitler stellte es vor.
Zu den vielfältigen Aktivitäten des Zusammenschlusses, der homo- und transsexuelle Jugendliche anspricht, gehört das Schulprojekt „Sch(w)ule und Le(s)ben“. Mit ihm kommen die ehrenamtlich engagierten Lambda-Mitglieder an die Schulen und informieren dort die Lernenden gemäß dem Peer-to-Peer-Ansatz: von Jugendlichen zu Jugendlichen. Wie intim der Erfahrungsaustausch ausfällt, bestimmen dabei die Multiplikatoren von Lambda: „Ob sie auf Fragen wie ,Wie fühlt sich Analsex an?’ antworten wollen oder nicht, entscheiden sie selber“, nannte Zeitler ein Beispiel.
Die wichtigste Botschaft der Initiative ist, sämtlichen Jugendlichen – Homo-, Hetero-, Bi- und Transsexuellen, Transgender – zu vermitteln, dass sie mit ihren Fragestellungen und Nöten nicht alleine dastehen. Das Gefühl von Isolation will auch die Gruppe „20+pos.“ jungen HIV-Infizierten nehmen. Angesiedelt bei Diversity – dem Dachverband der LesBiSchwulen Jugendgruppen Münchens – trifft sich die geschlossene Gruppe alle zwei Wochen zu Erfahrungsaustausch und Freizeitgestaltung. Wie wichtig dieser Schutzraum für die Betroffenen sein muss, lässt sich allenfalls erahnen: „Wer schwul und positiv ist, wird oft doppelt diskriminiert“, sagte Zeitler.
Eine weitere wichtige Erkenntnis aus dem Symposion: Zwar bilden homosexuelle Männer nach wie vor die Mehrheit unter den HIV-Infizierten in der Bundesrepublik; von den schätzungsweise 73 000 Betroffenen deutschlandweit sind 59 000 männlich. Nichtsdestotrotz sind selbstredend auch Frauen gefährdet. Dass dies nicht zuletzt Mädchen tendenziell zu wenig bewusst ist, berichtete die Psychologin Ulrike Sonnenberg-Schwan vom FrauenGesundheitsZentrum München. Mit ihrem Team klärt auch sie unter anderem an Schulen auf. Nicht nur über die Immunschwächekrankheit AIDS. Auch über vermeintliches Allgemeinwissen wie den Menstruationszyklus oder den Verlauf einer Schwangerschaft. Bei allen Themen falle bei vielen mangelndes Wissen auf.

"Viele Mädchen achten nicht auf ihre Physis"

Außerdem: Der „Körper- und Beziehungsaspekt“ spiele bei Mädchen in Sachen Sexualität eine dominierende Rolle. Viele achteten nicht genügend auf ihre Physis. Sonnenberg-Schwan: „Wenn Mädchen ihren Körper geringschätzen, ist es nicht einfach, ihnen zu vermitteln, ihn zu schützen.“ Aber auch das unter Frauen verbreitete romantische Liebesideal und die Verschreibung der Pille als Lifestyle-Medikament führe dazu, dass Kondome unter Jugendlichen generell verpönt sind. Dabei schützen sie am besten gegen Geschlechtskrankheiten.
Sollte man eine zentrale Erkenntnis aus dem Symposion herausfiltern, würde sie lauten: Für Jugendliche ist es wichtig, dass sie Ansprechpartner finden. Kai Gerstenberger sagte dazu passend: „Mir hätte geholfen, wenn meine Lehrer in der Schule geahnt hätten, was mit mir los ist.“ So denkwürdig wie selbsterklärend war dieser Satz von ihm: „Jeder von Ihnen kennt einen Transmenschen, Sie wissen es nur nicht. Wenn wir den ganzen Weg gegangen sind, sieht man es uns nicht mehr an.“ (Alexandra Kournioti)

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