Politik

Wieviel Kontrolle ist nötig, um aus Schülern kleine Einsteins und aus Lehrern große Pestalozzis zu machen? (Foto: Getty)

08.02.2013

Johnny Controlletti bleibt im Amt

Die Leitungsebene an bayerischen Schulen soll verbreitert werden - mehr Eigenverantwortung bedeutet das keineswegs

Eigenverantwortliche Schule: Das klingt zunächst mal gut. Als das bayerische Kultusministerium vergangene Woche verkündete, die „Entscheidungs- und Handlungskompetenz“ der weiterführenden Schulen werde gestärkt, mutete das fast schon revolutionär an. Denn nach wie vor dürfen die Schulen im Freistaat nicht so richtig viel: Sie dürfen zwar hie und da bei der Auswahl der Lehrer mitreden, die letzte Entscheidung obliegt aber dem Ministerium, sie dürfen mal eigene Projekte initiieren, doch in der Regel fehlt für richtig ambitionierte Vorhaben das Geld – ein eigenes Budget haben die Schulen dafür nicht.
Daran ändert auch der aktuelle Plan von Schwarz-Gelb nichts. Tatsächlich sieht der vorliegende Entwurf zur Änderung des Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes weder weitgehende Personal- und Budgethoheit für die Schulen noch sonstige Freiheiten nennenswerten Ausmaßes vor. Vielmehr ist es so, dass die vorhandenen Zuständigkeiten an bayerischen Realschulen, Gymnasien und beruflichen Schulen auf mehr Schultern verteilt werden können: Statt eines Direktors plus Stellvertretern soll es an den Schulen künftig eine so genannte erweiterte Schulleitung geben.

Weniger unterrichten, mehr verdienen


Die betreffenden Lehrkräfte sollen – nach entsprechender Fortbildung – gemeinsam mit dem Direktor inhaltliche und organisatorische Neuerungen besprechen, sie sollen weisungsbefugt sein, Unterrichtsbesuche absolvieren und Beurteilungen vornehmen. Die Mitglieder der erweiterten Schulleitung müssen dafür zwei Wochenstunden weniger unterrichten – und sie verdienen mehr, werden an Gymnasien und Fachoberschulen nach der Besoldungsstufe A 15 und an Realschulen nach A 14 bezahlt. Insgesamt sind dafür im Doppelhaushalt 1,7 Millionen Euro vorgesehen, das entspricht 60 Planstellen.
Revolutionär, verlautet aus dem Kultusministerium, sei das alles natürlich nicht. Minister Ludwig Spaenle (CSU) beeilte sich, zu versichern: „Die eigenverantwortliche Schule ist keine autonome Schule.“ Genau das aber hätte der Koalitionspartner FDP gern. Weil die entsprechenden Formulierungen im Koalitionsvertrag jedoch nicht allzu konkret sind, konnten die liberalen Bildungspolitiker nur Mini-Änderungen durchsetzen. So biss man sich beim Thema Personalhoheit die Zähne an der CSU aus. Deren Argument: Dürften die Schulen ein eigenständiges Bewerbungsverfahren für Lehrer durchführen, wäre die Unterrichtsversorgung abseits der Ballungsräume nicht mehr zu gewährleisten – ein Job im oberfränkischen Naila sei eben nicht so attraktiv wie einer in Oberbayern, sagt Spaenles Sprecher Ludwig Unger. Ein Argument übrigens, das auch der Philologenverband ins Feld führt: „Schulen auf dem Land fänden keine Lehrer mehr“, warnt Walter Froczek, Vizechef des Philologenverbandes. Eine „Mangelgestaltung“ sei nicht im Sinn der Schulen. Und so bleibt es dabei: Die Schulen können sich eine bestimmte Lehrkraft wünschen, das letzte Wort aber hat das Ministerium.

Seltsamer Zoff


Im Landtag zofften sich diese Woche Regierungsfraktionen und Opposition darüber, wie weit die Selbstständigkeit der Schulen denn nun gehen solle. Kurioserweise attackierte FDP-Bildungspolitikerin Renate Will Grüne und SPD für deren schulpolitische Vorstellungen, obwohl diese den Liberalen im Grunde näher liegen als diejenigen der CSU: Mehr Selbstständigkeit für die Schulen war in den letzten Jahren nicht gerade ein Herzensanliegen der Christsozialen, während SPD und Grüne dies seit Jahren einfordern.
Schützenhilfe hatten SPD und Grüne dabei übrigens bereits im Jahr 2000 von der Unternehmensberatung Roland Berger erhalten: Diese hatte im Auftrag des Kultusministeriums die Schulverwaltung im Freistaat unter die Lupe genommen und auf mögliche Effizienzsteigerungen durchleuchtet. Ergebnis: Das bayerische Schulsystem ist zu zentralistisch und zu stark auf Kontrolle von oben ausgerichtet. Die Berater hatten damals empfohlen, Hierarchien abzuflachen und den Schulen mehr Freiraum zu geben.
Die CSU war damals arg erschrocken über die Expertise. Und sorgte dafür, dass das kostspielige Gutachten rasch in den Schubladen verschwand. (Waltraud Taschner)

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