Politik

Crowdfunding für die Killer-Komödie: Knapp 10 500 Euro wurden für den Film gesammelt.

05.04.2013

Kollekte im Internet

Finanzierungen durch Crowdfunding wird in Bayern immer beliebter – für Kreative, aber auch Start-up-Unternehmen

Die erste Investition waren zehn Maß Bier. Das Resultat: Die Idee zu der Killer-Komödie Warum Siegfried Teitelbaum sterben musste. Für die nächste Investition, nämlich die Realisierung  des Filmprojekts, fehlten den Münchnern Bogdan Kramliczek und Axel Steinmüller allerdings die Mittel. Deshalb versuchten sie es mit einer Methode, die in den USA ihren Ursprung hat und auch hierzulande immer beliebter wird: Crowdfunding – Schwarmfinanzierung über das Internet. Das ist Geldbeschaffung durch die Masse von vielen Kleinstbeträgen.
Der Erfolg überraschte selbst Filmemacher Kramliczek. „Was als Kurzfilm fürs Internet geplant war, wird nun ein 100-minütiger Kinofilm“, sagt er der BSZ. In 60 Tagen kamen 10 476 Euro von fast 100 Unterstützern zusammen. Darüber hinaus fanden sich über 50 Crew-Mitglieder und Schauspieler, die ohne Gage am Projekt mitarbeiten – darunter Hochkaräter wie Michael Mendl und Rosenheim-Cop Joseph Hannesschläger. Drehbeginn war Anfang März.
Immer mehr Projekte werden über Crowdfunding finanziert, die Ideen meist auf speziellen Plattformen vorgestellt. Dabei wird angegeben, welche Summe in welchem Zeitraum zusammenkommen muss, damit ein Projekt realisiert werden kann. Üblicherweise gilt das „Alles-oder-nichts-Prinzip“: Kommt die Summe nicht zusammen, bekommen die Unterstützer ihr Geld, das auf einem Treuhandkonto geparkt wird, zurück. Rund 50 Prozent der Projekte auf Startnext, der größten Crowdfunding-Plattform für Kreative und Künstler im deutschsprachigen Raum, sind erfolgreich. Seit 2010 kamen dort über 3,5 Millionen Euro für 680 Projekte zusammen.
Für die Beteiligung an einem Projekt gibt es eine Gegenleistung. Beim Teitelbaum-Film erhält man ab 9,99 Euro ein Filmplakat und ab 39,99 Euro eine DVD-Edition. Für 499,99 Euro wird man im Abspann genannt und ist auf die Premieren-Party eingeladen. „Hier kommt ein ganz normaler Kaufvertrag auf den gesetzlichen Grundlagen zustande“, erläutert Anna Theil, Mitgesellschafterin von Startnext.


Kabarettist Dieter Hildebrandt (85): Erfolg mit Crowdfunding


„Vor allem in künstlerischen und kreativen Bereichen ist Crowdfunding ein Trend, der das Zeug hat, sich zu einem etablierten Finanzierungsmodell zu entwickeln“, sagt Andreas Will, Professor für Medienmanagement an der Technischen Universität Ilmenau. Die Münchner Studentin Verena Neumair etwa will sich  ihren großen Traum von der Masse im Internet finanzieren lassen: eine Ausbildung zum Clown. 2100 Euro braucht sie dazu, 922 Euro hat sie bereits zusammen und noch 20 Tage Zeit. Die 3000 Unterstützer des Kabarett-Altmeisters Dieter Hildebrandt dagegen konnten sich an dem von ihnen mit 153 114 Euro finanzierten Projekt bereits erfreuen: Hildebrandts Störsender hatte am vergangenen Sonntag im Netz Premiere. Alle zwei Wochen will der 85-Jährige nun eine neue Internet-Sendung  produzieren.
„Prominenz hilft“, sagt Wissenschaftler Will. „Denn das Wichtigste ist, eine Crowd zu mobilisieren.“ Allerdings reiche es oft auch schon aus, wenn die Fangemeinde überschaubar sei – also anfangs aus „Family and Friends“ bestehe. Darüber hinaus müsse ein Projekt verständlich sein, sein Nutzen auf den ersten Blick erkennbar, so der Experte. Erfolgreiches Beispiel: Für die Entwicklung des iCrane, einen Profi-Kamerakran, hat ein hessischer Filmemacher über 100 000 Euro über Crowdfunding generiert. 20 000 hatte er als Zielsumme angegeben. Auch der Überschuss floß dann ins Projekt.
Will hat auch die Motive der Geldgeber untersucht. Das erstaunliche Ergebnis: „Die Gegenleistungen sind nicht das zentrale Motiv“, sagt er. Die gesellschaftliche Relevanz eines Projekts zähle  mehr. „Vielen geht es aber auch einfach um die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Community.“
Es sind aber keineswegs nur künstlerische Nischenprojekte, die sich durch die Masse im Internet finanzieren lassen. Immer öfter versuchen auch Start-up-Unternehmer, auf diese Weise an ihr Start-kapital zu kommen. Crowd-Investing nennt sich das. „Immer häufiger wird auch von Equity Crowdfunding gesprochen“, erklärt Will. „Hier stehen bei den Geldgebern im Gegensatz zum Crowdfunding die finanziellen Aspekte im Vordergrund“. Es gehe um die Rendite-Risiko-Erwartung. „Im Equity Crowdfunding sehe ich ein sehr großes Potenzial“, sagt Will, „vor allem auch angesichts der Zurückhaltung der Banken bei der Förderung junger Unternehmen.“ Risikostreuung durch die Unterstützung mehrerer Unternehmen mit kleineren Beträgen könnte sich deshalb zu einem Erfolgsmodell entwickeln.
In München gibt es beispielsweise die noch junge Plattform Mash-up Finance, die Crowdinvesting für Start-ups und kleine mittelständische Unternehmen bietet. Ein Unternehmen, das die Betreiber bereits an den Markt gebracht haben, ist die Experimental-Brennerei Munich Destillers. Zwei junge Unternehmer stellen dort einen Münchner Vodka her, den man  im Internet oder auch an der Bar, die zur Destillerie in Schwabing gehört, bestellen kann. 54 000 Euro von 51 Investoren kamen zusammen. Ihnen winkt nicht nur eine Grundverzinsung mit sieben Prozent pro Jahr.  Kommen die Munich Destillers in die Gewinnzone, gibt es eine Gewinnbeteiligung.
Crowdfunding ist nicht nur als Geldquelle interessant. „Es kann auch eine sehr gute Marketingmaßnahme sein“, sagt Will. Denn Ideen oder Projekte werden damit bekannt. So ist auch der Bayerische Rundfunk auf Warum Siegfried Teitelbaum sterben musste aufmerksam geworden. Der Sender will mit dem Kauf der TV-Rechte das Projekt unterstützen. Kramliczek konnte es kaum fassen: „Wir haben einen richtigen Luftsprung gemacht.“ (Angelika Kahl)

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