Politik

Prost! Beim Politischen Aschermittwoch floss das Bier in Strömen. (Foto: dpa)

15.02.2013

Kollektive Prost-Attacke

Beim politischen Aschermittwoch setzt die CSU auf die Altvorderen, die SPD auf verbale Verknappung und die Grünen auf - Wasser

Die CSU-Strategie beim Politischen Aschermittwoch: ein doppeltes Mir-san-Mir. Erstens, Bayern ist das einzige Land mit einer eigenen Partei – und nur eine bayerische Partei, so die Botschaft, hat bayerische Interessen im Blick. Zweitens, die CSU setzt auf die Altvorderen – Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber. Erneut hat Seehofer seinen Vorvorgänger Stoiber als Redner rekrutiert. Der hält eine atemlose Bayern-ist-super-Rede, in die er beharrlich die Großtaten des FJS einflicht. Ausgerechnet Stoiber. Immerhin war er es, der nach seinem Amtsantritt als Ministerpräsident 1993 öffentlichkeitswirksam mit den Usancen der Strauß-Ära brach, Verflechtungen von Politik und Wirtschaft lockerte, von FJS initiierte oder geduldete Politiker-Nebeneinkünfte unterband – und damit die Strauß-Getreuen sowie dessen Familie verstörte.
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Bemerkenswert ist nicht nur das Strauß-Revival, sondern auch der Stoiber-Hype. „Stoiber Superstar“ prangt auf Transparenten, die CSU-Anhänger im Saal herumtragen, und „Stoiber wunderbar“. Dass es die CSU 2007 kaum erwarten konnte, Stoiber loszuwerden – vergessen. Jetzt jubeln dem 71-Jährigen in der Passauer Dreiländerhalle Tausende zu. Und tatsächlich hat es Stoiber in den letzten Jahren geschafft, sein Image vom aktenfressenden, humorlosen Besserwisser zu wandeln: Als EU-Entbürokrator gibt er den Mann von Welt, hat plötzlich das große Ganze und die europäische Idee im Blick und will vom früheren Euro-Gebell nichts mehr wissen. Den jungen Musik-Studenten, der Stoibers legendäre Äh-Transrapid-Rede mit Drummer-Tönen unterlegte, hat Stoiber zum Aschermittwoch nach Passau geladen. Um den „Johnny“ will er sich dort höchstselbst kümmern. Jaja, sagt Stoiber belustigt, dass irgendwelche Oppositionspolitiker lästerten, was denn die CSU „mit dem alten Stoiber“ wolle, sei ihm bekannt. Und schreit: „Ich hab immer noch mehr politische Energie und Phantasie als dieser müde Haufen der bayerischen Opposition.“
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Seehofers Rede startet einigermaßen witzig („Steinbrück soll besser den Mund zuhalten als die Hand aufhalten“), gerät dann aber zu einer eher matten Aufzählung von CSU-Heldentaten und fällt insgesamt blass aus gegen das Profi-Gezeter des rasenden Edi. Vielleicht liegt’s ja an Seehofers angeschlagener Gesundheit – er ist total heiser. Immerhin: So eitel ist Seehofer nicht, dass er die Aschermittwochs-Show allein zu gewinnen glaubt; er hat den Polit-Junkie Stoiber selbst angefordert. Und huldigt ihm überschwänglich als „Mister Aschermittwoch“.
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Beim Aschermittwoch der SPD geht es diesmal um die Grundsatzfrage: Wer hat den Größten? Also den größten Zulauf. Wohl zum ersten Mal seit Jahrzehnten ist es die SPD. 5000 Menschen passen ist das eigens am Donau-Ufer aufgestellte Festzelt, es ist bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. „Eine Wahnsinnskulisse, von der die CSU in Passau nur träumen kann“, jubelt der Vilshofener SPD-Ortsvorsitzende Florian Gams. Das Fassungsvermögen der Passauer Dreiländerhalle, wo die CSU ihre Anhänger versammelt hat, ist auf 4000 begrenzt. Kanzlerkandidat Peer Steinbrück lästert derweil über „diese kleine radikale Minderheit“, die sich da in Passau versammelt habe. Nächstes Jahr wollen sie ein noch größeres Zelt aufstellen, weil dann, so der kühne Plan von SPD-Landeschef Florian Pronold, der Bundeskanzler Steinbrück und der Ministerpräsident Ude in Vilshofen sprechen werden.
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„Ude in Höchstform“ steht auf SPD-Plakaten in Vilshofen. Es ist ein Versprechen, und Christian Ude hält es. Seine Botschaft: Bayern und SPD – das passt zusammen. „Mia san die bayerischen Sozis, und da san mia dahoam“, stellt er klar. Statt Programmatik verlässt sich Ude auf sein kabarettistisches Talent. Mit an sich selbst verteilte Rollen spielt er eine Strategiesitzung der CSU-Spitze nach. Die Moral seiner Geschichte: Die CSU des Horst Seehofer hat ihre über Jahrzehnte tradierten Grundprinzipen über Bord geworfen, und der Chef schreibt bei Mindestlohn, Mieterschutz, Atomausstieg oder Donau-Ausbau hemmungslos bei der SPD ab. Unrühmlicher Höhepunkt: die aktuelle Debatte um die Studiengebühren. „Ich habe schon öfters erlebt, dass Regierungen ihre Meinung ändern“, sagt Ude, „aber bei den Studiengebühren ist die CSU selbst zum Umfallen zu doof!“
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Bayerns SPD glaubt zu erkennen: Peer Steinbrück kann nicht nur Bundestag und Weltwirtschaftsforum, Peer Steinbrück kann auch Bierzelt. Er könne es kurz machen, lautet dessen erster Satz. Sein zweiter: „Wählt am 15. September Ude und die SPD und am 22. September mich und die SPD.“ Und sein dritter: „Schönen Tag noch!“ Damit hat der „norddeutsche Fischkopf“ (Steinbrück über Steinbrück) den Saal für sich gewonnen. Und die Basis gelegt für eine dann doch gut einstündige Rede, in der er den wetterwendischen Horst Seehofer als „größte lose Kanone“ auf dem politischen Deck und „größten Wendehals seit der Wiedervereinigung“ bezeichnet. Auch in eigener Sache geht Steinbrück in die Offensive. „Ich lasse mich nicht verbiegen und glatt schleifen“, kommentiert er die Kritik an jüngsten Interview-Äußerungen und holt sich dafür die Zustimmung der Basis. „Ich bin mir sicher, ihr wollt keinen geölten und keinen öligen Politprofi als Kanzlerkandidaten“, ruft er in den Saal. Das Echo ist ein einziger Beifallssturm.
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 Die Grünen haben sich in Landshut versammelt. Der Bernlochner Saal ist gesteckt voll, vor den Fenstern rauscht die Isar vorbei. Gut dreihundert Zuhörer, die nach Alter, Geschlecht und Stand ein exaktes Spiegelbild der Bevölkerung abgeben (nur Babys und Alte fehlen). Der Bierkonsum der dreihundert Personen würde in Passau bestenfalls für einen Sechsertisch reichen. Die meisten trinken Kaffee oder Wasser. Wasser ist sowieso das große Thema. Der drohenden Privatisierung des Wassers wird wiederholt der Kampf angesagt. Am Ende prosten sich die Hauptredner Margarete Bause und Jürgen Trittin mit Maßkrügen zu – gefüllt mit „gutem niederbayerischen Wasser“.
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Der Papstrücktritt – die Grünen nutzen ihn als Steilvorlage. Margarete Bause: „Wir gratulieren Joseph Ratzinger zu diesem mutigen Schritt. Der Papst tritt zurück – zuerst denken alle: Geht gar nicht. Und dann geht’s auf einmal doch.“ Pause. „Da werden wir es in Bayern doch auch schaffen, die CSU nach 56 Jahren in die Opposition zu schicken!“ Der Saal jubelt.
(Waltraud Taschner, Jürgen Umlauft, Florian Sendtner)

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