Politik

02.01.2015

Konzertsaal: Mehr Mut bitte!

Ein Kommentar von Waltraud Taschner

Vor etlichen Jahren besuchte der Haushaltsausschuss des Landtags einmal das Münchner Nationaltheater; es ging um öffentliche Finanzspritzen für die Staatsoper. Um den Haushältern das Geld abzuluchsen, formulierte der damalige Intendant Peter Jonas etwas hochtrabend: In 100 Jahren werde der Freistaat nicht daran gemessen, „wie viele Autos hier gebaut wurden, sondern was wir kulturell geleistet haben“. Wahrscheinlich ist diese Prognose richtig. Der Haken an der Sache ist, dass Politiker nicht in Zeiträumen von 100 Jahren denken. Sondern in aller Regel nur bis zur nächsten Meinungsumfrage, maximal aber bis zur nächsten Wahl.
Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, ein begnadeter Bürgerversteher, lässt deshalb mit Blick auf ein lang diskutiertes Kultur-Investment, einen neuen Münchner Konzertsaal, keinen besonderen Eifer erkennen. Zwar hat er in einer Regierungserklärung neue Konzertsäle für München und Nürnberg zugesagt. Richtig vorangegangen ist seither nichts. Stattdessen brüten unter dem Motto „wenn ich nicht mehr weiterweiß, gründ’ ich einen Arbeitskreis“ allerlei Gremien über dem Projekt. Kürzlich wurde bekannt, dass Seehofer, gemeinsam mit Münchens Oberbürgermeister Reiter, über Alternativen nachdenkt: eine Beteiligung des Freistaats an der Gasteig-Sanierung sowie die staatliche Komplettrenovierung des Herkulessaals.

Der gar nicht so kunstbeflissene Stoiber boxte immerhin neun Museen durch


Die unbestreitbaren Akustik- und Raumprobleme der Münchner Orchester sowie der privaten Veranstalter würden durch ein solches Schmalspurkonzept nicht gelöst. Seehofers Glaubwürdigkeitsdilemma schon eher. Seht her, wird er den Bürgern zurufen, die aufgehübschten Säle sind fast so gut wie neue, dafür aber billiger. Millionen Nichtmünchner und diverse Münchner Kulturmuffel werden da applaudieren. Und auch bei den Umweltschützern – sie wüten gegen den äußerst reizvollen Plan eines Neubaus im Finanzgarten – wird Seehofer Punkte sammeln. Unter taktischen Gesichtspunkten hätte Seehofer einen Sieg errungen. Der für Kultur zuständige Minister Ludwig Spaenle ist bei dem Thema ohnehin meist auf Tauchstation; vermutlich hat er keine Lust, sich mit Seehofer anzulegen, der selbstbewusste Ressortminister gern öffentlich abmeiert.
Richtig ist, dass früher vieles anders und manches, jawohl, besser war. Der selbst gar nicht so kulturbeflissene Ex-Ministerpräsident Stoiber boxte in seiner Amtszeit immerhin den Neubau der Pinakothek der Moderne und acht weiterer Museen in Bayern durch. Was auch daran lag, dass Stoiber, wenn er erst entflammt war, einen verdammt langen Atem hatte. Und ihm Umfragen sowie die Bedenkenträgerfraktion auch mal egal waren.

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Kommentare (2)

  1. Engler Hamm Horst Fraktionssprecher FREIE WÄHLER im BA Schwabing am 02.01.2015
    Nachdem am Odeonsplatz der Finanzgarten als optimaler Platz für den Konzertsaal gefunden wurde sollte nun Ministerpräsident Horst Seehofer sein Versprechen vom letzten Jahr einlösen, den neuen Konzertsaal zu bauen. Eine Reparatur des Gasteig wurde schon mehrfach erfolglos durchgeführt, der Herkulesssaal ist viel zu klein. Alle großen Dirigenten, das Musikpublikum und die Musikkritiker wünschen sich einen neuen Konzertsaal.
  2. Musikfreund am 10.01.2015
    Ich besuche seit über dreißig Jahren Konzerte in München und kann Ihre Einschätzung nicht teilen. Im Gegenteil, nicht als "Kulturmuffel", sondern gerade als großer Musikfreund empfinde ich in nun von Seehofer und Reiter gemeinsam avisierte Lösung als den Idealfall: Die Philharmonie und den wunderbaren Herkulessaal neu zu ertüchtigen halte ich für allemal vernünftiger als einen Konzertsaal-Zusatzbau, der - was eine Studie ergeben hat, auch wenn das die Konzertsaalbefürworter nicht zur Kenntnis nehmen wollen - zu einem massiven Überangebot an Plätzen führen würde und damit der Musikstadt München letztlich großen Schaden zufügen würde. Keinem kann an einem verwaisten Herkulessaal gelegen sein! Und die Philharmonie iat ja auch gar nicht so schlecht wie der Ruf, der ihr immer wieder versucht wird zu verpassen. Im Gegenteil, ich bin dort lieber als zum Beispiel in der Berliner Philharmonie oder im Wiener Musikvereinssaal. Hätten wir in München diese Säle, wäre es vonseiten einschlägiger Kritiker und Dirigenten genauso zu derselben Akustik-Schelte gekommen.

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