Politik

Im fränkischen Vorra hatte in der Nacht zum 12. Dezember 2014 ein ehemaliger Gasthof, ein nahe gelegenes Wohnhaus sowie eine Scheune gebrannt. In die Gebäude sollten Asylbewerber einziehen. (Foto: dpa)

09.04.2015

Kripo tappt im Dunkeln

Die Bilder gleichen sich, auch wenn die Tatorte mehr als 200 Kilometer weit auseinanderliegen: Der Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Tröglitz hat Erinnerungen an eine ähnliche Tat im fränkischen Vorra geweckt

Pfarrer Björn Schukat wirkt ein bisschen genervt. Gerade war in Vorra ein bisschen Ruhe eingekehrt, da geben sich schon wieder Reporter und Kamerateams die Klinke in die Hand - und das eine Woche vor den Konfirmations-Feierlichkeiten. Da hat der 37 Jahre alte Pastor der fränkischen Landgemeinde eigentlich anderes zu tun als ein Interview nach dem anderen zu geben. Trotzdem beantwortet er geduldig Journalistenfragen, weil er weiß, "dass wir uns dem Ereignis stellen müssen".  
Der Brandanschlag in Tröglitz (Sachsen-Anhalt) am vergangenen Samstag hat den 1700-Einwohner-Ort im idyllischen Pegnitztal erneut über Nacht in den Blickpunkt überregionaler Medien gerückt. "Ganz froh ist da keiner drüber bei uns. Denn wichtig ist jetzt, dass das Dorf zur Ruhe und Normalität zurückfindet", stellt Schukat klar.  
Gerade ist ein TV-Team des Bayerischen Rundfunks abgezogen, da begibt sich schon ein Kamerateam des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) rund um den ausgebrannten Gasthof "Zur Goldenen Krone" auf Spurensuche -dort, wo am Jahresanfang 70 bis 80 Asylbewerber einziehen sollten.   
Denn vor knapp vier Monaten hatten Unbekannte neben dem früheren Gasthof ein als Flüchtlingsunterkunft ausgebautes Wohnhaus in der Nachbarschaft in Brand gesteckt und verwüstet. Und ebenso wie in Tröglitz gehen die Ermittler von einem rechtsextremen Hintergrund aus - von den Tätern fehlt aber auch in Vorra jede Spur. Die 30-köpfige Nürnberger Kripo-Sonderkommission tappt im Dunkeln.

"Vorra würde sich leichter tun, wenn der Täter gefunden wäre"

Als Schukat von dem Brandanschlag in Tröglitz erfuhr, seien ihm "viele Bilder hochgekommen von dem Ereignis in Vorra". Das frühere Gasthaus liegt in Blickweite von Pfarrhaus und Kirche. Eine "gespenstische Nacht" sei das gewesen, als aus mehreren Dachfenstern die Flammen schlugen, erzählt er dem TV-Team aus Leipzig. "Das war damals für viele ein großer Schock". Dabei sei die Stimmung im Dorf überhaupt nicht fremdenfeindlich. "Im letzten Kommunalwahlkampf waren die geplanten Asylbewerber-Unterkünfte gar kein Thema", berichtet er.
"Ganze Arbeit geleistet" hätten der oder die Täter, berichtet unterdessen der Vorraer Bürgermeister Volker Herzog (SPD), als er Besucher durch den ausgebrannten früheren Gasthof führt. Der Weg in die oberen Etagen führt über eine stählerne Außentreppe; denn das hölzerne Treppenhaus im Gebäudeinneren ist völlig ausgebrannt. Verkohlte Balken im Treppenhaus und Nebenräumen verdeutlichen die Wucht, mit der die Flammen in der Tatnacht gewütet haben. Fast vier Monate danach schlägt einem immer noch leichter Brandgeruch entgegen.
Immer wieder werden TV-Interviews vom lauten Brummen eines Hochdruckreinigers gestört. Mitarbeiter einer Brandsanierungsfirma sind dabei, das rußgeschwärzte Dachgebälk zu reinigen. Ein Stockwerk tiefer haben die Arbeiter die Brandspuren schon weitgehend getilgt. "Hier müssen alle Wände neu verputzt werden", sagt Herzog und zeigt auf das blanke Mauerwerk. Sobald die Freigabe der Versicherung vorliegt, will das Nürnberger Immobilienunternehmen, dem die Gebäude gehören, mit dem Wiederaufbau beginnen.
Es sieht also nach Aufbruch aus in Vorra - nur die erfolglose Tätersuche behindert nach Schilderungen von Pfarrer Schukat ein bisschen die Rückkehr zur Normalität. "Vorra würde sich leichter tun, wenn der Täter gefunden würden. Das würde den Leuten helfen, den Brandanschlag einzuordnen - egal ob es nun jemand von auswärts war oder jemand aus Vorra", sagt der evangelische Geistliche. In der Tat schießen inzwischen in dem Ort die Gerüchte ins Kraut. Manche zweifeln inzwischen sogar am rechtsextremen Hintergrund des Brandanschlags.
Auch die von Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Reiner Haseloff (CDU) nach dem Brandanschlag aufgestellte Behauptung "Tröglitz ist überall" stößt in Vorra auf Widerspruch. Es gebe zwar überall dort, wo Flüchtlingsunterkünfte entstehen, Zurückhaltung und Ressentiments, räumt Pfarrer Schukat ein. "Aber dass das in Gewalt umschlägt, ist ganz selten der Fall". Und auch in Vorra seien anfangs nicht alle begeistert gewesen, als im Nachbarort Alfalter Flüchtlinge untergebracht wurden. "Aber seit die Menschen ganz unmittelbar mit den Flüchtlingen konfrontiert sind, hat sich die Situation beruhigt." (Klaus Tscharnke, dpa)

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