Politik

Ruhestand mit 67? Nicht für alle Senioren ist das attraktiv. (Foto: dpa)

16.01.2015

Länger arbeiten und mehr Rente kriegen

Rein theoretisch darf man in Deutschland so lange arbeiten, wie man will – der Teufel steckt im Detail

Länger arbeiten als bis 67? Und dafür dann auch mehr Rente kassieren? Das geht, auch wenn es kaum einer weiß. Rein theoretisch kann jeder in Deutschland bis ins hohe Alter arbeiten – und das ganz legal. „Es gibt im deutschen Rentenrecht keine Altersbegrenzung“, erklärt ein Sprecher der Deutschen Rentenversicherung Bund der Staatszeitung. Die Rente mit 65 beziehungsweise mit 67 ist nämlich eine vertragliche Regelung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Und unterliegt lediglich dem Tarifrecht. Insofern steht dem jetzt in der großen Koalition diskutierten flexiblen Renteneintritt nichts im Wege.
Das dürfte die Wirtschaft freuen. Denn sie ist auf den Erfahrungsschatz langjähriger Mitarbeiter angewiesen. Aufgrund des Fachkräftemangels haben Unternehmer zunehmend Probleme, offene Stellen zu besetzen. Damit möglichst lange das Know-how der Erfahrenen erhalten bleibt, gehen einige Firmen unkonventionelle Wege.

Sich auch im Ruhestand fürs Unternehmen engagieren

Walter Hufnagel (66) ist so ein Beispiel. Er war lange Jahre Mitglied der Geschäftsleitung der Nürnberg-Messe und engagiert sich auch im Ruhestand weiterhin für „sein“ Unternehmen. Als Geschäftsführer steuert er die Tochtergesellschaft NürnbergMesse Service GmbH. Diese ist zusammen mit Mesago Messe Frankfurt Eigentümerin einer führenden Fachmesse für Elektronikfertigung am Messeplatz Nürnberg. „Es ist schon sehr befriedigend, dass ich meine über Jahrzehnte gewonnenen Kenntnisse und Erfahrungen weiterhin für die Nürnberg-Messe einbringen kann“, sagt Hufnagel der Staatszeitung.
Auch der Bayerische Industrie- und Handelskammertag (BIHK) findet einen flexiblen Übergang ins Rentnerdasein gut. „Hier reichen die bisherigen Regelungen nicht aus“, erklärt BIHK-Präsident Eberhard Sasse. Denn bei der Weiterbeschäftigung eines Rentners im selben Betrieb gebe es nach wie vor arbeitsrechtliche Stolpersteine, etwa wenn es um die Befristung eines neuen Arbeitsvertrages geht.
Finanziell kann sich das weitere berufliche Engagement über das 65. Lebensjahr hinaus durchaus lohnen. Denn laut Deutscher Rentenversicherung hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man nimmt die Rente und verdient einfach den Lohn hinzu, ohne noch Rentenversicherungsbeiträge abführen zu müssen. Oder man verzichtet auf die Rente, zahlt weiter in die Rentenversicherung ein und geht erst später in Rente. „Bei dieser Variante erhält man pro Monat 0,5 Prozent Zuschlag auf die Rente. Das heißt, in einem Jahr verschafft man sich ein Plus von sechs Prozent“, so der Sprecher der Rentenversicherung.

Rente nehmen und weiter verdienen bereitet Probleme

Probleme bereitet derzeit die Variante, Rente zu nehmen und weiter zu verdienen. Zwar muss der Arbeitnehmer hierbei keine Rentenversicherungsbeiträge abführen, aber der Arbeitgeber. „Das hat man so gestaltet, weil man jüngeren Arbeitnehmern nicht die Chancen nehmen wollte“, so der Rentenversicherungssprecher. Denn ohne Arbeitgeberanteil wären ältere Mitarbeiter jenseits der 65 wesentlich kostengünstiger für die Unternehmen. Jetzt wird in Berlin darüber debattiert, wie man das ändern kann.
Beim DGB Bayern sieht man die Debatte um flexible Renten-Übergänge in die falsche Richtung laufen. Eine Verlängerung der Arbeitszeit hält die Gewerkschaft für falsch. Vielmehr müsse der Fokus darauf liegen, rentenrechtliche Voraussetzungen für den flexiblen Übergang vor dem Erreichen der Regelaltersgrenze (derzeit 65. Lebensjahr) zu schaffen. „Wir brauchen flexible und individuelle Übergänge in die Rente. In einigen Branchen haben die Gewerkschaften solche Regelungen in Tarifverträgen durchgesetzt“, sagt Verena Di Pasquale, stellvertretende Vorsitzende des DGB Bayern. Doch für viele Beschäftigte, gerade auch in Kleinbetrieben, gelten diese Tarifverträge nicht. Deshalb müsse der Gesetzgeber tätig werden.

Immer mehr Erwerbstätige im Rentenalter

In der Tat besteht Handlungsbedarf: Denn zwischen 2001 und 2011 hat sich die Zahl der Erwerbstätigen im Rentenalter in Deutschland auf rund 760.000 verdoppelt, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin ermittelt.
Diese Entwicklung ist Wasser auf die Mühlen derer, die eine längere Lebensarbeitszeit fordern. „Der Übergang in den Ruhestand sollte möglichst flexibel gestaltet sein, und es muss Anreize geben, dass die Menschen möglichst lange am Erwerbsleben teilhaben können und wollen“, erklärt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Die Zahlen sprechen jedenfalls dafür, dass arbeiten auch jenseits der 65 bei vielen Menschen im Trend liegt.
(Ralph Schweinfurth)

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Kommentare (1)

  1. roland am 20.01.2015
    Wäre ich gerne dazu bereit, jedoch will das die Politik nicht,
    es könnte ja einer mehr Rente als ein Politiker bekommen!

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