Politik

Sozialministerin Emilia Müller spricht im Mehrgenerationenhaus Regensburg mit Teilnehmern des Flüchtlingsprojekts „KochKulturen im Dialog“. (Foto: tan)

16.12.2014

Lampenfieber vor der Ministerin

In Regensburg lernen sich Freiwillige und Flüchtlinge beim gemeinsamen Kochen kennen und bilden Sprachpartnerschaften. Sozialministerin Emilia Müller hat das Projekt besucht und ist beeindruckt

„Wo sind tiefe Teller?“, fragt Ghina al Akkad. „Hier oben“, ruft Hildegard Hallwig. Die aus Damaskus geflüchtete Französisch-Lehrerin und die Rentnerin aus Regensburg sind seit Februar ein sogenanntes „Sprachtandem“. Ginge es nach der früheren langjährigen Linie der bayerischen Staatsregierung, dürfte es das gar nicht geben: Schließlich sollten die Flüchtlinge, so stand es bis Sommer 2013 im Gesetz, so behandelt werden, dass „ihre Rückkehrbereitschaft in das Heimatland gefördert wird“. Diese Linie freilich hat sich geändert. Und so sitzt nun Sozialministerin Emilia Müller (CSU) am dritten Advent mit Organisatoren, Trägern, Spendern und Teilnehmern des Projekts „KochKulturen“ an einem Tisch, isst syrische Spezialitäten und lässt sich die Arbeit des Sprachförderungsprojekts erklären. Eine Begegnung: zwischen der CSU-Ministerin, Flüchtlingen und Bürgern, die helfen wollen.
„KochKulturen“ ist ein Projekt der FreiwilligenAgentur Regensburg, ein Dienst des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Bayern; außerdem sind amnesty international und die Stadt Regensburg, die ihr Mehrgenerationenhaus als Treffpunkt zur Verfügung stellt, mit im Boot. Die Idee dahinter: Freiwillige und Flüchtlinge treffen sich regelmäßig zum gemeinsamen Kochen, oft syrisch, mal deutsch, mal aserbaidschanisch. In dieser zwanglosen Atmosphäre auf Augenhöhe entstehen unkomplizierte Kontakte – und die münden dann in Sprachpatenschaften. So wie eben Ghina al Akkad und Hildegard Hallwig.

Ist es normal, dass man in Bayern nackt rumläuft?

„Ich freue mich für Ihren Besuch. Sie interessieren sich für uns, das ist wichtig für uns Flüchtlinge“, sagt die 36-jährige Syrerin der CSU-Politikerin. Ghina al Akkad spricht sehr konzentriert und fast fehlerfrei. Im Januar noch konnte sie kein Wort Deutsch. Mittlerweile hat sie einen Sprachkurs absolviert, und vor allem hat sie Hildegard Hallwig, mit der sie regelmäßig übt und übt und übt. „Am Anfang haben wir uns auf Englisch, Französisch und mit Händen und Füßen unterhalten“, erzählt die Rentnerin.
Die Bindung zwischen den beiden Frauen geht aber längst über das reine Sprachtraining hinaus. Hallwig hilft beim Schriftverkehr mit dem Jobcenter („Damit tun sich auch manche Deutsche schwer“, hat Ghina al Akkad beobachtet), dem Ankommen in Deutschland überhaupt. Im Sommer haben die beiden Frauen mit ihren Familien mal einen gemeinsamen Ausflug nach München gemacht. Hildegard Hallwig: „Da hat sie mich zum Beispiel im Englischen Garten gefragt, ob das eigentlich normal ist in Deutschland, dass Frauen und Männer öffentlich nackt herumlaufen. Da geht es ganz viel um Alltagskultur, wie Deutschland so ist, da hat sie eben mich, die sie fragen kann.“
Das sagt die Regensburger Rentnerin auch der Sozialministerin. „Es ist einfach wichtig, dass die Flüchtlinge hier jemanden haben.“ Neben ihr sitzt Ghina al Akkad, sie nickt still, aber entschlossen.
Dann hat die Ministerin das Wort: „Wir brauchen mehr solcher Projekte.“ Genau dieses „Aufeinandereinlassen“, das „Akzeptieren von Andersartigkeit“, „das ist auch für uns wichtig“. Es ist eine Botschaft, die beim Thema Asyl von der CSU noch nicht lange verbreitet wird. Emilia Müller redet auch über Erstaufnahmeeinrichtungen und Gesundheitsuntersuchungen. Vieles ist sehr technisch, aber sie spricht nicht von der Förderung der Rückkehrbereitschaft, sondern von Integration.

Der CSU-Politikerin vor Publikum sagen, was sie falsch macht - das ist ist gar nicht so einfach

Ungeplant stehen mehrere Flüchtlinge auf und wollen etwas sagen. „Ich bin Hanadi aus Syrien“, sagt ein 14-jähriges Mädchen. „Ich möchte...“ Sie fängt an zu stottern. „Isch bin sehr…“, sagt sie, wedelt mit den Händen vor ihrem Gesicht herum und schaut fragend. „Wie heißt?“ „Aufgeregt.“, wird ihr sekundiert. „Ja“, sagt sie. Sie murmelt „shoukran, shoukran“ auf arabisch. Das heißt Danke – und das will das Mädchen der Ministerin sagen, auch wenn ihr das deutsche Wort dafür vor Lampenfieber gerade nicht einfällt. Ein junger Mann meldet sich: „Ich bin aus Äthiopien. Jetzt wohne ich in Pentling. Ich komme, ich bin bei jedem Treffen hier und koche.“ Die Ministerin fragt nach: Wie er denn in Pentling – übrigens dem langjährigen früheren Wohnort des emeritierten Papstes Benedikt XVI. – lebt? Ob das gut funktioniert unter den verschiedenen Nationalitäten? Und: Was sie als Sozialministerin, was die Staatsregierung anders machen solle in der Asylpolitik? Da murmelt der junge Äthiopier hilflos vor sich hin. Der CSU-Ministerin vor Publikum zu sagen, was sie falsch macht, würde auch viele deutsche Muttersprachler mit gesichertem Aufenthaltsstatus überfordern. Ein anderer junger Mann dagegen nimmt den Ball gern auf. „Ich bin aus dem Iran. Ich bin seit fünf Jahren hier. Ich habe Elektronik studiert, ich habe auch als Elektriker gearbeitet. Aber hier darf ich nicht arbeiten. Dabei will ich einfach nur auf eigenen Füßen stehen.“ Müller fragt nach, nach seinem Aufenthaltsstatus, seinen Qualifikationen. Eine Lösung hat sie nicht.
Aber es ist ein Anfang – bei all den Herausforderungen, die es noch zu bewältigen gibt bei der Integration der Flüchtlinge. „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt die Ministerin.
Hier, bei den „KochKulturen“, funktioniert es beispielhaft. „Dieses Projekt ist etwas Besonderes – in mehrfacher Hinsicht“, sagt Margit Berndl, Vorstand des Trägers, also des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Bayern, in Regensburg. Schon deswegen, weil es kein isoliertes Projekt sei, sondern weil viele an einem Strang ziehen: Die FreiwilligenAgentur und amnesty international vernetzen hilfswillige Bürger und  Asylsuchende, die Stadt stellt in ihrem Mehrgenerationenhaus die Räume, das Ministerium schießt Mittel aus dem Topf für Sprachförderungsprojekte zu, und auch von Privat fließt Geld: Die Professorin Susanne Porsche hat gerade 10 000 Euro gespendet, ihre Vertreterin Kathrin Weiß bekommt bei dem Termin in Regensburg dafür viel Beifall. 

Sprachförderung ist der Schlüssel für die Integration

Aber, so Berndl weiter, das Projekt ist noch in vielen anderen Punkten vorbildlich. „Das ist eine beispielhafte Form der Willkommenskultur. Die Asyl-Suchenden sind hier nicht wie so oft nur Hilfe-Empfänger, sondern auch Gebende, die ihre Kultur einbringen. Das schafft Verständnis für einander – und eine Atmosphäre auf Augenhöhe.“ Und: Die Iniative sei auch beispielhaft, weil sie für viele andere in Bayern steht. „Die Hilfsbereitschaft der Bürger ist beeindruckend.“ Das Engagement müsse nun aber vernetzt und unterstützt werden, damit es wie hier in Regensburg in eine sinnvolle Arbeit umgesetzt wird. Berndl: „Die Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger, die Flüchtlinge zu integrieren, muss auch gehalten und, wie wir auch sehen, teilweise erst geschaffen werden.“ Projekte wie die KochKulturen seien da beispielgebend, gerade auch weil es um Sprachförderung geht: der Schlüssel für die Integration.
Ghina al Akkad, die im Januar noch kein Deutsch sprach, als mit ihrem Mann und den zwei Söhnen als von der Uno ausgewählte Kontingentflüchtlinge hier ankamen, nickt wieder. „Sprache ist so wichtig. Sprache ist die Tür.“ Und dann: „Bitte greifen Sie zu“, sagt sie und deutet auf die Platten mit syrischen Gerichten: Weizenbrei mit Lamm, Tomaten-Kichererbsen-Salat, Hummus. Während und vor den Gesprächen hat die bunte Gruppe in der Küche nebenan wie immer gekocht.  Auf den Tischen stehen Plätzchenteller, schließlich ist Advent, bayerische Butterplatzerl und syrische „Gribe“-Kekse. Der helle, mürbe Teig kann mit vielen Kipferln gut mithalten, ist halt mal eine Pistazie obendrauf. (Anja Timmermann)

Bilder:
Hildegard Hallwig (l.) und Ghina al Akkad sind seit Februar ein Sprachtandem; Foto: tan

Entspannter Moment in der Küche – Ghina al Akkad (mit weißem Kopftuch und dunkelblauem Pullover) mit dem Regensburger Bürgermeister Joachim Wolbergs (SPD, rechts), ganz links Tandempartnerin Hildegard Hallwig; Foto: Erhard Bablok

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