Politik

Die kleine Hadisa aus Afghanistan wartet zusammen mit ihrem Vater und ihrem Teddy am Münchner Hauptbahnhof auf einen Bus. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

06.09.2015

"Lasst München nicht alleine!"

Das Wochenende dürfte in die Geschichte Münchens eingehen. Wohl niemals zuvor seit dem Krieg hat die Stadt innerhalb von nur zwei Tagen derart viele Flüchtlinge aufgenommen

So viele Flüchtlinge wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg hat die bayerische Landeshauptstadt an diesem Wochenende innerhalb von 48 Stunden empfangen. Jeweils rund 7000 Männer, Frauen und Kinder, überwiegend aus den nahöstlichen Krisenregionen, kamen am Samstag und Sonntag nach einer tagelangen Odyssee über Ungarn und Österreich nach Bayern.

Doch die Zahl von insgesamt rund 14 000 Flüchtlingen binnen zwei Tagen führt selbst die Millionenstadt München an die Grenze der Belastbarkeit. „Lasst München nicht alleine“, sagte Wilfried Blume-Beyerle, Chef des Kreisverwaltungsreferats. „Die Regierung von Oberbayern ist nicht in der Lage, ein bundesweites Lagezentrum zu ersetzen“, sagte der Regierungspräsident von Oberbayern, Christoph Hillenbrand.

Dabei bleiben beileibe nicht alle Flüchtlinge in Bayern, sondern sie werden auch auf andere Bundesländer verteilt. Am Samstag waren laut Bundespolizei insgesamt 6900 Flüchtlinge über München nach Deutschland eingereist - in 26 Zügen. Von 6000 Menschen, die bis 20 Uhr ankamen, wurden nach Angaben der Bezirksregierung von Oberbayern 4300 direkt am Münchner Hauptbahnhof in Empfang genommen, medizinisch erstversorgt und dann weitergeleitet. Mehrere Züge mit 1700 Flüchtlingen fuhren gleich in andere Städte weiter, so nach Dortmund, Frankfurt am Main und ins thüringische Saalfeld.

In nur einem Zug: 1700 Flüchtlinge

Etwa 600 am frühen Sonntagmorgen eingetroffene Flüchtlinge wurden per Zug nach Dortmund weitergebracht. Außerdem standen am Sonntag Busse bereit, um die Flüchtlinge in andere Bundesländer zu bringen. „Das muss jetzt eines der Hauptziele sein“, sagte eine Sprecherin der Regierung von Oberbayern. Man befinde sich „in enger Abstimmung“ mit den anderen Bundesländern, um die Menschen zu verteilen und gegebenenfalls Züge von München direkt an andere Zielorte weiterzuleiten. Bis in den Abend hinein fuhren weitere Züge mit Flüchtlingen ein. Allein in einem Zug, der um 17 ankam, befanden sich 1700 Flüchtlinge.

Am Samstagmittag war in München der erste Sonderzug mit etwa 250 Asylbewerbern eingetroffen. Im Stundentakt kamen danach weitere Züge mit jeweils mehreren hundert Flüchtlingen vor allem aus Syrien an. Die ankommenden Menschen wurden auf dem Hauptbahnhof von etlichen Bürgern freundlich mit Beifall begrüßt. Dutzende freiwillige Helfer versorgten die teils erschöpften Menschen, darunter viele Kinder, mit
Essen und Getränken.

Münchens OB Reiter: „Humanitäre Hilfe geht vor politisches Kalkül“

In der Nacht zum Samstag hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der österreichische Kanzler Werner Faymann vereinbart, dass die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge einreisen dürfen – eine Entscheidung, die inzwischen auf heftige Kritik der CSU stößt. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bezeichnete sie als „völlig falsches Signal“ und betonte, die Entscheidung sei mit den Ländern nicht abgestimmt gewesen. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sagte, das Parteipräsidium habe die vom Bund erteilte Einreiseerlaubnis einmütig als „falsche Entscheidung“ gerügt. Am Sonntagabend sollte das Thema beim Treffen des Koalitionsausschusses in Berlin besprochen werden.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) forderte am Sonntag die „uneingeschränkte Solidarität aller Bundesländer“ ein. Er distanzierte sich von den Aussagen der CSU, die Entscheidung, Flüchtlinge aufzunehmen, sei falsch gewesen. „Humanitäre Hilfe geht vor politisches Kalkül“, sagte Reiter.

SPD: „CSU-Politik der Abschottung vor Schutzsuchenden ist falsch“

Und auch Markus Rinderspacher, Chef der Landtags-SPD, zeigte keinerlei Verständnis für die CSU-Kritik: "Die CSU-Politik der Abschottung vor Schutzsuchenden ist falsch. Mit ihrer Kritik an der Kanzlerin brüskiert Herr Scheuer auch die beispielgebende Hilfsbereitschaft der Menschen in Bayern in den vergangenen Tagen", stellt Rinderspacher fest, "es ist falsch, dass die Staatsregierung das Zeichen der Menschlichkeit nicht aufgreift, sondern im Kern in Frage stellt."

Am Samstagnachmittag hatten auch die Oberhäupter der beiden großen Kirchen den Münchner Hauptbahnhof besucht. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, begrüßten ankommende Flüchtlinge mit Handschlag.

In München wurden die Flüchtlinge auf mehrere Einrichtungen verteilt: eine in Grasbrunn bei München, eine andere wurde provisorisch auf dem Münchner Messegelände eingerichtet. Eine weitere gab es nicht weit vom Hauptbahnhof in der Nähe des S-Bahnhofs Donnersbergerbrücke. Innerhalb von 24 Stunden war aber die Weiterverteilung geplant, auch in andere bayerische Regionen und in andere Bundesländer.

Die Münchner Polizei hatte 60 zusätzliche Beamte aus dem Wochenende zurückgeholt, um die Flüchtlingsunterkünfte zu schützen. Es lägen aber keine Erkenntnisse auf geplante Anschläge vor, sagte Polizeivizepräsident Werner Feiler. (dpa)

Foto: Flüchtlinge, die kurz zuvor mit einem Zug angekommen sind, jubeln am Hauptbahnhof in München. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

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Kommentare (1)

  1. Andreas am 07.09.2015
    """"Und auch Markus Rinderspacher, Chef der Landtags-SPD, zeigte keinerlei Verständnis für die CSU-Kritik: "Die CSU-Politik der Abschottung vor Schutzsuchenden ist falsch. """"

    Aber auch die Hilfsbereitschaft hat ihre Grenzen, dort wo jeden Tag 15000 Menschen ankommen und untergebracht werden müssen, ich frag mich bloß Wo?
    Wohnungen sind nicht mal für Harz IV leer vorhanden.
    Muss halt ab morgen jeder freiwillige Helfer einen Asylbewerbern mit nach Hause nehmen.
    Den Anfang macht Herr Rindersbacher!!!

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