Politik

Mit Poetry-Slams will die AWO mehr Jugendliche für das Ehrenamt und den Verein gewinnen. (Foto: dpa)

04.07.2014

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Ehrenamtsarbeit und Freiwilligenengagement in Bayern: Junge Menschen werden dringend gesucht

Viele Jugendliche können sich zwar vorstellen, ehrenamtlich aktiv zu sein – aber die wenigstens tun es. Sportvereine, Ferienjobs, aber auch die sozialen Medien machen den Wohlfahrtsverbänden zunehmend Konkurrenz. Die fünfte Sozialkonferenz der Arbeiterwohlfahrt suchte jetzt in Altötting nach Lösungen – auch dafür, wie sie mehr Migranten für ein Ehrenamt gewinnen kann.

Immer mehr sozialen Einrichtungen fehlt der Nachwuchs. Dies wird auf dem Land besonders deutlich: „Mein Ortsverein hat über 80 Mitglieder, und unsere Kasse stimmt“, erzählt das Präsidiumsmitglied bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Nils Opitz-Leifheit. „Aber wir haben kein Potenzial, eine Jugendarbeit aufzubauen.“ Die AWO Waiblingen (Baden-Württemberg) sei mit einem Durchschnitt von 64 Jahren deutlich überaltert. „Jugendliche wollen aber nicht mit 80-Jährigen Kaffee trinken“, verdeutlicht der 50-Jährige. Um herauszufinden, wie mehr junge Menschen für ehrenamtliche Tätigkeiten gewonnen werden können, stand die fünfte Sozialkonferenz der AWO in Altötting unter dem Motto „Bürgerschaftliches Engagement“.

„Ehrenamt ist wie ein Schaufensterbummel“


„Das Interesse am Ehrenamt ist bei Jugendlichen ungebrochen, und viele können sich ein Engagement vorstellen“, versichert die Professorin Doris Rosenkranz von der Technischen Hochschule Nürnberg. Allerdings bekomme Freiwilligenarbeit seit gut vier Jahren zunehmend Konkurrenz von Sportvereinen, Minijobs und Social Media. „Man muss sich das wie einen Schaufensterbummel vorstellen“, erläutert die Demografie-Forscherin. Die Jugendlichen prüften die Angebote, blieben mal bei dem einen, mal bei dem anderen stehen und zögen dann weiter. Laut Rosenkranz sollten soziale Einrichtungen daher durch moderne Veranstaltungen wie Poetry Slams versuchen, Jugendliche mit ihren Idealen in Verbindung zu bringen. Neben Spaß, neuen Freunden und Anerkennung sei vor allem eines wichtig: „Menschen unter 25 Jahren wollen etwas dazulernen und eine Bestätigung für den ersten Arbeitsmarkt – nicht nur Geselligkeit“, betont sie.
Ein anderes Problem bei der Mitgliedergewinnung ist hausgemacht: Viele junge Menschen wollen sich engagieren, suchen aber vergeblich nach einem professionellen Freiwilligenmanagement. „Dort, wo wir noch keine Willkommenskultur haben, müssen wir die Strukturen entsprechend aufbauen“, räumt der Vorstandsvorsitzende der AWO, Wolfgang Stadler, ein. Daher soll zukünftig auch das virtuelle Angebot ausgebaut werden. Stadler nennt das die „AWO 2.0“. Allerdings gibt es dagegen noch starke Vorbehalte unter den Zuhörern. „Nicht alle müssen jetzt einen virtuellen Ortsverein gründen“, beruhigt Stadler. Ein erster Schritt für mehr Beteiligung seien die Mitgliederversammlungen am Abend, die in seiner Jugend noch während den typischen Arbeitszeiten stattgefunden hätten.
Ein weiteres Ziel der AWO: mehr Migranten für ehrenamtliche Tätigkeiten zu gewinnen. Sie sind in Bayern und im Bundesdurchschnitt deutlich unterrepräsentiert. „Wir haben die interkulturelle Öffnung seit Jahren im Programm“, versichert zwar der bayerische AWO-Landesverbandsvorsitzende Thomas Beyer der BSZ. So gebe es in Nürnberg sogar einen internationalen Ortsverein. Wie viele Menschen mit Migrationshintergrund sich allerdings überhaupt im Landesverband engagieren, soll jetzt erst eine Umfrage klären. Weiter vorangeschritten ist hingegen Beyers Zukunftsmodell „Seniorengenossenschaften“. Darüber wird im Januar nächsten Jahres sogar ein von ihm mitverfasstes Buch erscheinen.

Seniorengenossenschaften für die Nachbarschaftshilfe


Die Seniorengenossenschaften sollen beispielsweise Nachbarschaftshilfe, haushaltsnahe Dienstleistungen oder die Gestaltung des Lebensumfelds im Quartier erweitern. Bislang existieren bundesweit 300 von Privatleuten gegründete Initiativen. „Diese würden gern bei Kommunen oder eben Verbänden andocken“, ergänzt Rosenkranz. Die Wissenschaftlerin hat zusammen mit dem bayerischen Sozialministerium ein Infoheft mit Förderrichtlinien entwickelt, das in wenigen Tagen komplett vergriffen war – „obwohl solche Broschüren sonst nicht der große Renner sind“.
Die SPD-Landtagsabgeordnete Ruth Waldmann sieht in dem Genossenschaftsmodell ebenfalls eine große Chance für die Zukunft. „Durch moderne Kommunikationsmittel wird es künftig noch leichter, solche Modelle zu entwickeln“, ist die studierte Soziologin überzeugt. Allerdings müssten dazu Wohlfahrtsverbände selbst aktiv werden. „Solche Projekte kann die Politik nicht am Konferenztisch entwerfen.“
Den Vorwurf, die Bundesregierung schätze das Ehrenamt nur, weil es dem Staat Kosten spart, weist Waldmann zurück: „Ziel der SPD war es nicht, Verantwortung abzuwälzen, sondern die Mündigkeit und Selbstbeteiligung zu stärken.“ Manches sei aber noch nicht zu 100 Prozent erreicht worden, räumt sie auf Nachfrage ein. Eine Bezahlung von Ehrenamtlern über die Aufwandsentschädigung hinaus lehnt die einzige direkt gewählte Abgeordnete der SPD in Bayern ab – obwohl dies Experten zufolge in der Praxis bereits Usus ist. „Da ist mir die Gefahr zu groß, in schmuddelige Schnittstellen zu geraten“, erklärt Waldmann und nennt Missbrauch und Scheinstrukturen als Beispiel. Außerdem schaffe Geld Abhängigkeiten, obwohl es beim bürgerschaftlichen Engagement doch um Freiwilligkeit gehe. Die SPD-Frau würde daher lieber Erwerbstätige mit Fortbildungen unterstützen, damit sie sich trotz geringer Zeitressourcen häufiger engagierten.
Obwohl der demografische Wandel von einem Geburtenrückgang geprägt ist, macht sich AWO-Chef Stadler aktuell keine Sorgen um die Mitgliederzahlen seines Vereins. „Der stärkste Geburtsjahrgang war 1964“, beschwichtigt er. „Wenn die mit ihren 50 Jahren jetzt alle zu uns kommen würden, würden wir den Altersdurchschnitt sogar verjüngen.“ Dennoch verspricht er, sich zukünftig intensiv um das „Megathema“ bürgerschaftliches Engagement zu kümmern. Die ersten Ergebnisse sollen bei der Sitzung des Bundesverbands im September präsentiert werden. (David Lohmann)

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