Politik

Energieautarkes Bayern: Ist ohne Kernkraft eine Illusion, sagt Erwin Huber (hier im Plenarsaal des Landtags). (Foto: dpa)

21.02.2014

"Man kann nicht einfach alles ablehnen"

Erwin Huber (CSU), Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses im Landtag, über neue Stromtrassen quer durch Deutschland, Ökostrom und den Dialog mit den Bürgern

Bis zum Jahr 2022 soll auch in Bayern der letzte Atommeiler abgeschaltet werden. Woher der Strom dann kommen soll, ist offen. Ministerpräsident Horst Seehofer hat bisher vor allem klargemacht, was er nicht will. Zuletzt setzte er ein Moratorium für den Bau neuer Stromtrassen von Nord- nach Süddeutschland durch. Klar ist, dass die vielen Neins irgendwann Kompromissen weichen müssen.

BSZ: Herr Huber, gegen neue Strom-trassen und gegen fast alle Alternativenergien gibt es massive Widerstände in Bayern. Wie soll’s jetzt weitergehen?
Erwin Huber: Man kann bei der Energiewende nicht nach dem St. Florians-Prinzip vorgehen und einfach alles ablehnen. Das bitte ich die Bürger zu bedenken. Es ist eine Leitungsaufgabe der Politik, für Versorgungssicherheit in Bayern und ein Gelingen der Energiewende zu sorgen. Denn klar ist: Die Ausstiegsdaten sind irreversibel, die Atommeiler werden der Reihe nach 2015, 2017, 2021 und der letzte 2022 abgeschaltet.


BSZ: Wie kann Bayern ohne Kernkraft energieautark werden?
Huber: Geht beim Strom wohl künftig nicht mehr. Wir beziehen aus den derzeit laufenden vier Reaktoren noch immer 50 Prozent des gesamten Strombedarfs, vor einigen Jahren waren es sogar 60 Prozent. Das heißt, Bayern ist bei der Energiewende in einer ungünstigeren Situation als die meisten anderen Länder in Deutschland. Denn der Kernkraftanteil im Länderschnitt liegt bei gut 20 Prozent, es gibt Länder, die haben kein einziges Kernkraftwerk, dafür aber Stein- oder Braunkohle. Um den Strombedarf für Bayern zu decken, brauchen wir einen breiten Mix aus heimischer Energie und aus Stromimporten. Eigenversorgung ist denkbar für Deutschland als Ganzes, aber nicht im Süden.


BSZ: Ist es denkbar, dass nach dem Aus der AKWs in Deutschland Atomstrom aus anderen Ländern importiert wird?
Huber: Ja, denn es gibt auch bei Strom keine Grenzkontrollen. Die europäischen Stromnetze werden aus verschiedenen Quellen gespeist. Bei Stromimporten aus Europa kann also nicht gesagt werden, welchen Ursprungs er ist – der Strom hat keine Farbe. Deutschland musste jedenfalls in den vergangenen beiden Jahren Strom aus dem europäischen Netz importieren. Wenn Deutschland insgesamt aber energieautark wird, könnte man auf Importe verzichten.


BSZ: In Bayern gibt es einzelne Gemeinden, die bereits jetzt energieautark sind, zum Beispiel das schwäbische Buttenwiesen. Ist zumindest daran gedacht, die Zahl solcher Gemeinden zu steigern?
Huber: Es gibt in Bayern keine einzige Gemeinde, die tatsächlich energieautark ist. Deshalb geht auch keine weg vom Versorgungsnetz. Diejenigen, die das behaupten, rechnen derzeit einfach ihre gesamte Stromproduktion aufs Jahr um. Wenn die Sonne scheint oder der Wind weht, produzieren diese Gemeinden mehr Strom, als sie brauchen und können ihn verkaufen. Aber sonst ist eben nicht ausreichend Ersatzstrom da, und der muss dann zugekauft werden. Strom kann zurzeit nicht in größeren Mengen gespeichert werden – daran wird geforscht, aber wann es hier einen Durchbruch zur breiten wirtschaftlichen Anwendung gibt, weiß niemand.

"Ich kann die Ängse der Menschen verstehen"


BSZ: Wie stehen Sie zu den umstrittenen neuen Stromtrassen von Nord- nach Süddeutschland?
Huber: Wir werden in jedem Fall mindestens eine dieser Trassen brauchen, um Windstrom aus dem Norden zu importieren. Zwar haben wir in Bayern bereits ein dichtes Versorgungsnetz – das sind aber vor allem Niedrigstromleitungen. Was wir brauchen, sind aber Hochspannungsleitungen. Zudem ist in Zukunft eine völlig andere Netzstruktur nötig. Zurzeit sind die Leitungen in Bayern sternförmig um die AKWs herum angelegt. Diese Leitungen müssen künftig in eine neue Leitungsstruktur eingebaut werden.


BSZ: Was ist mit den Bürgern, vor deren Haustür die neue Trasse verlaufen soll?
Huber: Ich kann die Ängste der Menschen verstehen. Andererseits ist eine Stromtrasse aber auch nichts völlig Neues, es gib ja bereits hunderttausende Kilometer an Versorgungs-Stromtrassen und auch tausende Kilometer an Hochspannungs-Strom-Übertragungsleitungen in Bayern. Wir müssen jede neue Trasse mit den betroffenen Bürgern vor Ort diskutieren, den Bedarf und den Trassenverlauf intensiv begründen. Im übrigen: Wenn eine Trasse auf dem Grundstück eines Bürgers gebaut wird, ist das eine Beeinträchtigung, die finanziell entschädigt wird. Zusätzlich prüfen wir, ob, wo und in welchem Umfang Erdverkabelung gemacht werden kann.


BSZ: Ihre Regierung will den Bau neuer Windräder in Bayern gewaltig erschweren. Ist das klug?
Huber: Es stimmt, dass die geplante Abstandsregelung den Ausbau der Windenergie bremst. Andererseits muss man aber sehen, dass der Anteil der Windkraft in Bayern am Gesamtstrombedarf bei einem Prozent liegt. Selbst wenn wir die Zahl der Windräder von jetzt 650 auf 1000 bis 1500 erhöhen und den Windenergieanteil auf zwei oder drei Prozent erhöhen, bringt das nicht den großen Durchbruch. Auch deshalb brauchen wir ja weitere Stromquellen und eine Stromtrasse aus Norddeutschland.


BSZ: Was kann die Gaskraft bringen?
Huber: Zurzeit beträgt der Gaskraftanteil in Bayern 25 Prozent. Dieser Strom ist aber so teuer, dass er nicht in der Grundlast verkauft werden kann. Wind- und Sonnenenergie haben Einspeisevorrang und werden hoch subventioniert, das ist jeweils für 20 Jahre festgeschrieben. Ob es Subventionen auch für Gaskraftwerke geben kann, zum Beispiel in Form von Einspeisevergütungen, muss sich zeigen. Die EU muss das genehmigen. Doch das ist schwierig, denn die EU-Gremien wollen Stromrabatte grundsätzlich reduzieren. Die jetzigen Rabatte müssen wir aber für die stromintensive Produktion weitestgehend erhalten.


BSZ: Die Grünen wollen einen Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung.
Huber: Selbstverständlich haben diese Anlagen einen wichtigen Platz im künftigen Kraftwerkspark. Vor allem auf kommunaler Ebene sollten deshalb derartige Projekte in der Kombination von Nah- und Fernwärme mit Stromproduktion vorangetrieben werden. Man muss allerdings bedenken, dass durch den Vorrang der Wärmeversorgung die Stromlieferung nur zum Teil grundlastfähig ist.


BSZ: Bayerns Regierung hat bei der Umsetzung der Energiewende bislang keine gute Figur gemacht. Was war in Ihren Augen der gravierend-ste Fehler?
Huber: In ganz Deutschland ist man das Ganze überstürzt angegangen. Man hat optimistisch neue Stromquellen fixiert, ohne zu wissen, was die wirklich leisten können und was sie langfristig kosten. Wir hätten zuerst einen belastbaren Plan gebraucht. Auf Bundesebene war die hohe Einspeisevergütung für Photovoltaik- und für Windenergie falsch, weil sie über eine Anreizfinanzierung hinausging und marktunabhängig angelegt war. Und es war ein Fehler, zu sagen, dass der Strom in Zukunft nicht signifikant teurer wird. Die Energiewende ist zu schaffen, aber sie wird uns viel abverlangen, und sie wird auch einiges kosten.
(Interview: Waltraud Taschner)

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