Politik

Thomas Goppel will die CSU katholischer machen. (SZ Photo)

05.03.2010

„Man könnte den Zölibat lockern“

Thomas Goppel, designierter Vorsitzender des Katholikenarbeitskreises in der CSU, über die Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen

Am morgigen Samstag wird in der CSU-Landesleitung ein katholischer Arbeitskreis gegründet. Initiiert hat ihn der CSU-Abgeordnete Thomas Goppel, der dem Gremium auch vorsitzen wird. Die BSZ sprach mit Goppel über Notwendigkeit und Aufgaben der Runde sowie über Konsequenzen aus den gehäuften Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche.
BSZ: Am Samstag gründet sich in der CSU ein katholischer Arbeitskreis – auf Ihre Initiative hin. Kümmert er sich als erstes um den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch katholische Priester?
Goppel: Im Vordergrund steht am Samstag das gegenseitige Kennenlernen. Dass das auch anhand aktueller Themen und kritischer Sachverhalte geschieht, ist klar. Die Thematik, die wir vorfinden und dabei nicht in der nötigen Klarheit aufgearbeitet sehen, darf nicht wieder verdrängt werden. Aber die Einzelfälle rechtfertigen auch nicht, das klösterliche Ordensleben pauschal schlechtzureden. Was wir im Augenblick an Voreiligkeit im Urteil erleben, ist streckenweise nicht weit weg von Rufmord.
BSZ: Rufmord? Die Kirche räumt die Verfehlungen doch selbst ein, die keineswegs Einzelfälle sind. Denken Sie auch an die betroffenen Kinder?
Goppel: An die Kinder zuerst! Aber es darf auch nicht der Eindruck erweckt werden, dass in unseren Klöstern Platz für Kinderschänder ist. Die Verallgemeinerung, dass in Klöstern generell Unrecht droht, ist unzulässig.
BSZ: Der Theologe Hans Küng sieht einen Zusammenhang zwischen dem Zölibat und Sexualstraftaten von Priestern. Zu Recht?
Goppel: Hans Küng stellt Zusammenhänge für das von allen Geistlichen immerhin selbst gewählte Leben als Priester her, die ich weder nachvollziehen kann noch mag. Die Alltagswirklichkeit mit all den der Sexualität zugeschriebenen Übergriffen gegenüber Minderjährigen straft die Küngsche These Lügen. bsz Fakt ist aber doch, dass „der Sexualität zugeschriebene Übergriffe“, wie Sie das nennen, in der evangelischen Kirche so gut wie nicht bekannt sind.
Wollen Sie leugnen, dass die unterdrückte Sexualität in der katholischen Kirche ein Problem ist?
Goppel: Wer Pfarrer wird oder in ein Kloster geht, trifft die Entscheidung, zölibatär zu leben, sehr bewusst. Wer sich dazu außer Stande sieht, muss das lassen. Mein eigenes Vorhaben in jugendlichem Alter, in den Kirchendienst einzutreten, ist unter anderem von dieser Frage eingebremst worden. Irgendwann war mir bewusst: Du schaffst das nicht. Davon abgesehen stellt sich die Frage: Ist der Zölibat in unserer eher von Überreizen geprägten Zeit die sachgerechte Vorschrift für das priesterliche Alltagsleben?
BSZ: Sie denken, der Zölibat sollte abgeschafft werden?
Goppel: Gelockert zumindest. Muss der Zölibat als generelle Pflicht zur Enthaltsamkeit für alle im Priesteramt bleiben? Mit den Diakonen , die ja sehr wohl alltagsnäher unterwegs sind, sein können, ist ja eine veränderte Tendenz schon erkennbar.
BSZ:Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) zofft sich heftig mit dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, weil der einen Runden Tisch zum Thema sexueller Missbrauch ablehnt; Argument: Das kann die Kirche selber. Ist jetzt die Zeit für Eitelkeiten?
Goppel: In dieser Frage agieren mehrere Beteiligte überreizt und unüberlegt. Da zählt das Sprichwort vom Wald, der entsprechend reagiert, wenn man sein Echo im Zuruf nicht mitbedenkt. Die Frau Justizministerin empfiehlt sich in der öffentlichen Debatte auch nicht als zimperlich und wird das Echo deshalb wohl akzeptieren müssen.
BSZ: In den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche von 2002 heißt es, „in erwiesenen Fällen“ solle „je nach Sachlage die Staatsanwaltschaft informiert“ werden. Ob etwas erwiesen ist oder nicht: Sollte das nicht grundsätzlich der Staatsanwalt klären?
Goppel: Wenn es um Straftaten geht, tut jeder in einem Rechtsstaat gut daran, die Recherche den Strafverfolgungsbehörden zu überlassen, weil das die einzige Chance ist, jeden Verdacht der Vermutung, da solle etwas vertuscht werden, von Anfang an zu unterbinden. In kirchlichen Einrichtungen und bei den dort Verantwortlichen gibt es da sichtlich noch Einsichts- und/oder Lernbedarf. Allerdings: Die vorbildlichen Vorgehensweisen sind sichtlich auf dem Vormarsch.Dabei erwarte ich allerdings auch Augenmaß bei den Kritikern und Ermittlern.
BSZ: Der Augsburger Bischof Walter Mixa hat die sexuelle Revolution Ende der 60er Jahre für den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester mitverantwortlich gemacht. Die bayerische Justizministerin Beate Merk hat ihm beigepflichtet. Sind die 68er schuld, wenn Jesuiten oder Benediktiner sich an ihren Schülern vergehen?
Goppel: Sie wissen selbst, dass Sie mit dieser Frage einen großen Problemkreis diesseits und jenseits der 68er Thematik unzulässig verkürzen. Eine Gesellschaft, die sich rühmt, die sexuelle Freiheit nicht nur zu denken, sondern in allem auch zu praktizieren, trägt unweigerlich auch Mitverantwortung für die Auswüchse, die mit einer solchen Entwicklung verbunden sind. Lange Zeit haben die Akteure in dieser Frage die sehr wohl bald erkennbaren Exzesse und Fehlentwicklungen ignoriert, verniedlicht oder sogar als Befreiung gepriesen. Daran darf und muss erinnert sein.
BSZ: Wir verkürzen gar nichts, das haben Mixa und Ihre Kollegin Merk selbst besorgt. Verstehen wir Sie richtig, dass Sie beiden Recht geben?
Goppel: Gerade war die Rede davon, dass speziell in den Fragen eines freieren Umgangs mit der Sexualität eine ganze Generation alle Hemmungen über Bord geworfen hat. Ich bleibe dabei: Die heutige Erinnerung verkürzt eine gesellschaftliche Realität, die an Fehlentwicklungen ihren Anteil unstrittig hat.
BSZ: Sagen Sie uns zum Schluss: Warum braucht die CSU einen katholischen Arbeitskreis? Sind die Interessen der Katholiken bei der CSU nicht mehr gut aufgehoben?
Goppel: Die letzten beiden großen Wahlen in Deutschland beweisen schon ganz vordergründig, dass die Katholiken im Land zu Zauderern geworden sind: Zwei Millionen Wähler dieses Glaubensbekenntnisses weniger. Das gilt es aufzuarbeiten und umzudrehen.

(Interview: Florian Sendtner, Waltraud Taschner)

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