Politik

Sabine Doering-Manteuffel, Präsidentin der Uni Augsburg, promovierte in Ethnologie. (Foto: dpa)

24.01.2014

"Man sollte nicht über den Arbeitgeber promovieren"

Sabine Doering-Manteuffel, Vorsitzende der bayerischen Hochschulrektoren-Konferenz, über den Sinn von Politiker-Dissertationen und den Kampf gegen Schummel-Doktoranden

Die wissenschaftlich schlichte und akademisch obskure Promotion des neuen CSU-Generalsekretärs Andreas Scheuer war nicht der erste Versuch eines Politikers, aus Eitelkeit schnell und ohne Mühen zu einem Doktortitel zu gelangen. Doch die Unis wollen sich diese Schummeleien nicht länger gefallen lassen und rüsten zum Gegenschlag.

BSZ: Frau Präsidentin, immer mehr promovierte Politiker werden als Schummler erwischt – häufen sich auch bei den ganz normalen Doktoranden die Fälle?
Doering-Manteuffel: Es gibt mehr spektakuläre Fälle von Prominenten, aber insgesamt verzeichnen wir keinen Anstieg. Angesichts des aktuellen Falles ist es mir auch wichtig, nochmals darauf hinzuweisen, dass die überwältigende Mehrheit der Doktoranden ehrlich und hart an ihrer Promotion arbeitet. Es ist bedauerlich, dass durch einige wenige Betrugsfälle das Ansehen vieler junger Wissenschaftler in der Öffentlichkeit leidet. Man sollte nun kein Grundmisstrauen gegen Promovenden aufbauen.


BSZ:
Was tun die Universitäten konkret, um diesen Betrug zu verhindern?
Doering-Manteuffel: Unter anderem haben wir die Mentorate der Doktoranden erweitert, es gibt jetzt für eine Promotion nicht mehr nur einen Betreuer wie früher, sondern drei. Der Doktorand muss häufiger über seine Arbeit und die einzelnen Arbeitsschritte Bericht erstatten, da schauen jetzt mehr Gutachter drauf, der Prozess ist engmaschiger. Es geht nicht mehr, dass jemand drei Jahre vor sich hinschreibt und dann eine fertige Arbeit einreicht.

"Dieser tschechische Doktortitel war mir unbekannt"


BSZ: Aber wer betrügen will, dem erleichtert das Internet doch seinen Plan, oder?
Doering-Manteuffel: Das stimmt, die moderne Technik macht da vieles leichter als vor zehn Jahren. Aber inzwischen gibt es auch sehr gute Plagiatssoftware. Damit lassen sich ganze Passagen schnell überprüfen.


BSZ: Die Unis rüsten auf?
Doering-Manteuffel: Ja, wir schaffen digitale Gleichheit mit potentiellen Betrügern. Und wir prüfen Anträge von Externen – also Wissenschaftlern, die ihren ersten Hochschulabschluss nicht an unserer Uni erworben haben oder an einem unserer Doktorandenseminare teilnehmen – deutlich stärker als früher. Betrug lohnt sich heute nicht mehr.


BSZ: Warum wird dieser obskure tschechische Doktortitel eigentlich in einigen Bundesländern, darunter Bayern, anerkannt und in anderen nicht?
Doering-Manteuffel: Da müssen Sie das bayerische Wissenschaftsministerium fragen. Wir als Universitäten sind dafür nicht zuständig. Mir persönlich war dieser tschechische Doktortitel vorher auch unbekannt.


BSZ: Im Zuge der Bologna-Reform wurden die Hochschulabschlüsse in Europa vereinheitlicht, überall in der EU gibt es jetzt das gestufte Bachelor- und Master-System. Sollte man nicht auch bei den Promotionen einheitliche Standards setzen?
Doering-Manteuffel: Ich glaube nicht, dass ein solcher Schritt die logische Fortsetzung des B.A./M.A.-Systems wäre, auch wenn es derzeit im Gespräch ist. Aber gerade die deutschen Universitäten sträuben sich dagegen. Hierzulande hat man die Preisgabe nationaler wissenschaftlicher Qualifikationen zugunsten einheitlicher europäischer Regelungen ja besonders kritisch gesehen, ich nenne als Beispiel nur die Abschaffung des traditionsreichen deutschen Diplom-Ingenieurs. Die Promotionsanforderungen sind an unseren Universitäten auch sehr fächerspezifisch, darauf möchten viele deutsche Lehrstühle nicht verzichten.


BSZ: In angelsächsischen Ländern promoviert nur, wer als Wissenschaftler arbeiten möchte. Wäre das nicht auch eine Vorgabe für uns?
Doering-Manteuffel: Nein, denn eine Promotion bringt der Allgemeinheit häufig einen sinnvollen Mehrwert. Ich hatte beispielsweise am Gymnasium einen promovierten Geschichtslehrer. Als Schülerin habe ich von seinem vertieften Wissen in einem speziellen historischen Fachbereich sehr profitiert. Oder denken Sie an Juristen: Auch da ist es förderlich, wenn sich jemand in einem bestimmten Thema, beispielsweise dem Arbeitsrecht, besonders gut auskennt.


BSZ: Aber braucht die Menschheit tatsächlich eine Arbeit wie jene von Andreas Scheuer über „Die politische Kommunikation der CSU im System Bayerns“?
Doering-Manteuffel: Das kann man sich tatsächlich fragen. Und man sollte auch nicht über eine Institution promovieren, für die man beruflich tätig sein möchte.


BSZ: Als Betrugsfälle werden hauptsächlich geisteswissenschaftliche oder juristische Dissertationen enttarnt. Haben die Naturwissenschaftler die bessere Firewall?
Doering-Manteuffel: Die ertappten Politiker sind eher Geisteswissenschaftler oder Juristen. Die Naturwissenschaftler sind vermutlich gegen Betrugsversuche besser geschützt, weil Promotionsprozesse dort stärker standardisiert sind.


BSZ: Sollten die strafrechtlichen Konsequenzen für Betrüger verschärft werden?
Doering-Manteuffel: Nein, ich denke, dass sie ausreichend sind.
(Interview: André Paul)

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