Politik

26.11.2010

Mehr Arbeit, weniger Geld

Bayerns Wirtschaft boomt - doch rund die Hälfte der neuen Jobs sind schlecht bezahlte Zeitarbeitsstellen

Christian Bertram (Name geändert) hat nie geklagt, nie gejammert. Und dennoch fühlte sich der chemisch-technische Assistent von den meisten seiner bisherigen Arbeitgeber behandelt wie ein Mitarbeiter zweiter Klasse. „Ich machte die gleiche Arbeit, nur wurde ich schlechter bezahlt“. 42- statt 37,5- Stundenwoche, geringeres Grundgehalt, kein Weihnachtsgeld sowie fehlende betriebliche Altersvorsorge – die Liste der Entbehrungen für Leiharbeiter wie Bertram ist lang. Viele Jahre arbeitete der Münchner für Zeitarbeitsagenturen, die ihn an mehrere Chemieunternehmen ausliehen. Seine Arbeit erledigte der Mittdreißiger tadellos. Dennoch musste er seinen Arbeitsplatz mit schöner Regelmäßigkeit wechseln – neue Kollegen und weiterer Weg zur Firma waren die Folge. „Planungssicherheit sieht anders aus“, sagt Bertram.
So wie Bertram ergeht es immer mehr Menschen im Freistaat. Denn das bayerische Jobwunder ist nicht zuletzt ein Zeitarbeitswunder: Von den zwischen Juli 2009 und Juli 2010 neu entstandenen 64 500 sozialversicherungspflichtigen Stellen waren laut Arbeitsagentur etwa die Hälfte Leiharbeitsjobs.


Die verlorene Generation


Im August dieses Jahres beschäftigten bayerische Zeitarbeitsfirmen rund 113 000 Menschen – so viele wie noch nie. Im Vorjahresmonat waren es noch 70 000 gewesen. Und der Trend scheint unaufhaltsam: Auch im Oktober kamen vier von zehn gemeldeten Stellen aus der Zeitarbeit. Seit Anfang 2004 ist das Heer der Leiharbeiter im Freistaat um 260 Prozent gewachsen. Bundesweit steuert deren Zahl bis Jahresende sogar auf die Millionengrenze zu. Eine Sprecherin der Arbeitsagentur weist zwar darauf hin, dass nur jeder 40. sozialversicherungspflichtige Arbeitsplatz in Bayern ein Leiharbeitsjob ist, doch in manchen Landkreisen wie Donauwörth ist es bereits jeder 25.
Vor allem für junge Menschen ist Leiharbeit immer öfter Teil ihrer Lebenswelt: Vier von zehn gemieteten Angestellten in Deutschland sind laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung unter 30. „Von einer „verlorenen Generation“, spricht deshalb der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Barthel.
Fakt ist: Immer mehr Zeitarbeiter können von ihren Löhnen nicht leben. Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bekommen Leiharbeiter trotz gleicher Tätigkeit im Schnitt 20 bis 25 Prozent weniger Lohn als die Stammbelegschaft. Mitunter beträgt die Differenz sogar 50 Prozent. Diese Differenz hat umso gravierendere Folgen, weil die Leiharbeit nicht nur in der Autoindustrie, sondern zunehmend in ohnehin schon schlecht bezahlten Bereichen wie dem Bewachungs- oder Reinigungsgewerbe gang und gebe ist. Security-Firmen zahlen ausgeliehenem Personal mitunter Stundenlöhne von unter sechs Euro.
36 Prozent der Hilfsarbeiter sind laut einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) Leiharbeiter. Aber auch manche angemietete Verkäuferin kommt trotz Vollzeitarbeit gerade einmal auf 900 Euro netto im Monat. Bayerns DGB-Chef Matthias Jena spricht darum von „Lohndumping“. Wer die gesunkene Arbeitslosenquote feiere, der feiere zugleich, „dass immer mehr Beschäftigte von ihrer Arbeit nicht leben können.“
Der Bundesverband Zeitarbeit verweist dagegen darauf, dass die Bezahlung größtenteils nach den Tarifverträgen für die Zeitarbeitsbranche. Doch die liegt nicht immer über sieben Euro brutto in der Stunde.
Jena fürchtet, dass Leiharbeit reguläre Arbeitsplätze vernichte. Bei einem Fünftel der deutschen Betriebe sind laut DGB bereits Stellen durch Leiharbeit ersetzt worden. Holger Schäfer, Arbeitsmarkt-Experte des IW, bestreitet das: „Dass reguläre Jobs durch Zeitarbeit ersetzt werden, ist wenn überhaupt, ein Randphänomen.“ Meist würden Firmen lediglich Auftragsspitzen durch Leiharbeit abfangen, ist der Forscher überzeugt.
Unzweifelhaft nimmt dagegen die Zahl der Firmen zu, bei denen viele Neueinstellungen nur mehr auf Leiharbeitsbasis erfolgen – etwa bei Verlagen und im Einzelhandel. Luise Klemens, Vorsitzende von ver.di Bayern, kritisiert deshalb die „fehlenden Mitbestimmungsrechte der Leiharbeiter“. IW-Mann Schäfer hält dagegen: „Besser Leiharbeit als gar keine Arbeit.“ Für viele Jobsuchende sei dies oft der einzige Weg in Beschäftigung. Studien zufolge gelinge es zudem 10 bis 30 Prozent der Leiharbeiter über diese Beschäftigungsform eine Fest-
anstellung zu ergattern.
Die Bundesregierung hat mittlerweile reagiert. Das CDU-geführte Arbeitsministerium will mit einem Gesetzentwurf verhindern, „dass Arbeitnehmerüberlassung als, Drehtür’ zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen missbraucht wird“. Betriebe sollen zwar auch künftig Angestellte entlassen dürfen und „in zeitlichem Zusammenhang“ wie die Drogeriekette Schlecker 2009 wieder als Leiharbeiter einsetzen können – allerdings nur bei gleicher Bezahlung. SPD-Mann Barthel sieht jedoch noch dringenden Nachbesserungsbedarf. „Abgesehen von den ersten drei Monaten sollten Leiharbeiter genau so viel verdienen wie die Stammbelegschaft.“
Max Straubinger, Arbeitsmarktexperte der CSU-Landesgruppe, geht das zu weit. Er sagt: „Wir sehen uns gerade genau an, wie verbreitet der Missbrauch von Zeitarbeit tatsächlich ist.“ Sollte der Gesetzesentwurf nicht ausreichen, werde die CSU auf Nachbesserungen dringen. Chemiearbeiter Bertram ist davon nicht mehr betroffen. Seine Firma hat ihn mittlerweile fest angestellt. (Tobias Lill)

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