Politik

Während die meisten Studierenden einen Abschluss anstreben, nutzen einige nur die Vorteile des Studentenlebens. (Foto: DPA)

13.09.2013

Mehr Sein als Schein

Nicht alle Studenten im Freistaat wollen Scheine sammeln: Manche studieren nur, um die Vergünstigungen zu nutzen – zu befürchten haben sie nichts

Leider wahr: Das auf acht Jahre verkürzte Gymnasium führt nicht dazu, dass Studenten immer früher ihren Studien- abschluss machen. Manche haben sich nur deshalb an der Uni eingeschrieben, damit sie von günstigen Tarifen bei Versicherung, Nahverkehr oder Freizeitangeboten profitieren. Hochschulen sind gegen diese Schein-Studenten machtlos. Und durch den Wegfall der Studiengebühren werden es laut Wissenschaftsministerium zukünftig noch mehr. Das Risiko, erwischt zu werden, ist einfach zu gering.

Im Freistaat sind rund 330 000 Studenten an Hochschulen und Universitäten immatrikuliert. Doch nicht alle haben das Ziel, in ihrem Studiengang auch einen Abschluss zu machen. „Ich habe mich nur eingeschrieben, um meinen Studentenstatus nicht zu verlieren“, erzählt zum Beispiel Felix aus München. Der 23-Jährige hat zwar bereits einen Abschluss in Geschichtswissenschaft. Trotzdem hat er sich noch mal für ein Politikstudium angemeldet – ohne bisher auch nur eine Vorlesung besucht zu haben.

Kein schlechtes Gewissen

Der Grund für die Verlängerung: „Als Student hat man einfach diverse Vorteile“, betont Felix. Er müsste sonst beispielsweise aus seinem Studentenwohnheim ausziehen oder auf das Kindergeld verzichten. Außerdem zahlen Studenten nur 65 Euro Krankenversicherung im Monat, fahren vergünstigt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und erhalten Rabatte in Banken, Kinos oder Museen. „Das Studentenleben ist schön“, erklärt Felix. „Warum soll man es nicht ausdehnen, bis man einen festen Job gefunden hat?“ Dass sein Verhalten eigentlich strafbar ist, wusste er nicht. Ein schlechtes Gewissen hat er trotzdem nicht: „Ich habe nie BAföG beantragt und daher nicht das Gefühl, dass ich groß jemanden ausnutze.“

Die bayerischen Hochschulen stehen Schein-Studenten recht hilfslos gegenüber. „Streng genommen ist das Sozialbetrug“, verdeutlicht der Leiter der Abteilung Lehre und Studium an der Universität Erlangen-Nürnberg, Wolfgang Henning. Wenn er Studenten einen Vorsatz nachweisen könnte, müsste er diese daher sofort exmatrikulieren. „Wir können einen solchen Betrug aber nicht überprüfen, solange sich keiner ein Schild umhängt, auf dem ,Fake-Student’ steht.“ Aus diesem Grund kann auch keine angefragte Hochschule konkrete Zahlen über das Ausmaß nennen. Manchen war das Problem bisher noch gar nicht bewusst, andere bezeichneten den Anteil von Schein-Studenten an ihrer Universität als „verschwindend gering“.

Wegen der Abschaffung der Studiengebühren befürchten allerdings viele der befragten Universitäten einen Anstieg zum Wintersemester. „Immerhin ist der Reingewinn nochmal um einige hundert Euro höher“, so Henning. Den umgekehrten Effekt habe er bei der Einführung der Zweitstudiengebühr vor zehn Jahren erlebt, nach der sich viele der Pro-Forma-Studenten exmatrikuliert hätten. „Universitäten in Ballungsgebieten haben damals auf einen Schlag eine zweistellige Prozentzahl an Studierenden verloren.“

Eine Möglichkeit wäre jetzt, Zulassungsbeschränkungen in Form von Eignungstests einzuführen. Diese Zugangssperre darf aber offiziell nur verhängt werden, wenn für die Bewerber eines Studiengangs zu wenig Plätze zur Verfügung stehen. „Es gibt aber in Deutschland Universitäten, die ihre zulassungsbeschränkten Fächer genau aus diesem Grund auf 100 Prozent erhöht haben“, erklärt ein Universitätssprecher hinter vorgehaltener Hand. In Bayern ist dies jedoch weder in München, Nürnberg, Bayreuth oder Regensburg geplant. „Das würde keine Abhilfe schaffen, da es nicht von der Abiturnote oder der Wartezeit auf einen Studienplatz abhängt, ob jemand das Studium abschließt“, ergänzt Elisabeth König von der Universität Regensburg.

Das Wissenschaftsministerium, das für die Abschaffung der Studiengebühren verantwortlich ist, empfiehlt den Hochschulen daher, stärker auf die Leistungen der Studenten zu schauen. „Studierende, die innerhalb der in der Prüfungsordnung festgelegten Fristen keinerlei oder keine hinreichenden Studienleistungen erbringen, können exmatrikuliert werden“, mahnt eine Sprecherin von Wolfgang Heubisch (FDP). Mit negativen Auswirkungen der Reform rechnet das Wissenschaftsressort trotzdem. Die Zahl der Schein-Studenten und in der Folge der Studienabbrecher werde steigen, so das Ministerium. Für die echten Studenten ergäben sich jedoch keine Nachteile, „da sich Schein-Studierende in der Regel in zulassungsfreie Studiengänge einschreiben und keine Lehrveranstaltungen besuchen“.

Rein rechtlich müssten sich Studenten nach dem Abschluss arbeitslos melden. Dann allerdings müssten sie sich auch an die Regularien halten, Bewerbungen schreiben und sich regelmäßig bei den Jobcentern melden. Da die meisten allerdings bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Sozialbeiträge gezahlt haben, würden sie keinerlei Bezüge von den Arbeitsagenturen bekommen – es sei denn, sie wären hilfsbedürftig und damit Hartz IV-berechtigt. „Wenn Studenten nicht ganz arm sind, ist es daher aus Studentensicht sinnvoller, Student zu bleiben“, räumt Paul Ebsen von der Bundesagentur für Arbeit ein.

Höhere Zulassungshürden

Für Ingo Wachendorfer vom Studentenwerk München kann das jedoch keine Dauerlösung sein. Er sieht die Jobcenter in der Pflicht, den jungen Hochschulabgängern auf deren Bedarf angepasste Angebote zu unterbreiten. „Dann wären diese sicherlich eher bereit, sich offiziell arbeitssuchend zu melden“, glaubt der Studentenwerks-Sprecher.

Doch wo kein Kläger, da kein Richter. Universitäten erhalten für jeden Studenten staatliche Zuschüsse – egal, ob er wirklich studiert oder nicht. Selbst die gesetzlichen Krankenkassen sehen das Phänomen gelassen. „Unsere Aufgabe ist es, Studenten nach gegebenen Gesetzen einzustufen und zu versichern“, schreibt eine Sprecherin der Techniker Krankenkasse. „Eine Debatte über Sanktionierungsmaßnahmen gehört nicht zu unserem Aufgabenbereich.“ Den bayerischen Sparkassen ist das Problem zwar bekannt, Abwehrmaßnahmen gegen zu Unrecht bezogene Vergünstigungen seien aber auch hier bislang nicht notwendig gewesen.

Auf regelrechtes Verständnis treffen Schein-Studenten beim Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN). „Es ist nicht unüblich, wenn sich jemand in einer Phase der beruflichen Orientierung erst einmal für eine Aus- oder Weiterbildung entscheidet und diese dann eventuell wieder abbricht“, erläutert Sprecher Manfred Rupp. Man könne folglich schwer eine Abgrenzung treffen, wer sich richtig und wer falsch verhält. Eine moralische Bewertung will er deshalb nicht abgeben: Das müssten die, die sich nur wegen der Vorteile immatrikulieren, am Ende selbst machen. „Ich nehme aber an, dass durch die steigende Anzahl der zulassungsbeschränkten Fächer dem Missbrauch Grenzen gesetzt sind“, so Rupp. Eine fromme Hoffnung. Denn Möglichkeiten, Missbrauch aufzudecken, hat der VGN genau wie die Universität Erlangen-Nürnberg nicht. „Das Phänomen“, resümiert deren Sprecher Henning zum Abschluss, „gab es immer schon und wird es wohl auch immer geben.“ (David Lohmann)

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