Politik

Für viele Bürger sind Buchstaben nur Hieroglyphen. (Foto: Bilderbox)

14.09.2012

Mit dem ABC auf Kriegsfuß

Rund 650 000 Bayern gelten als funktionale Analphabeten – 400 000 Euro sollen in Kurse fließen

Gestern hat das bayerische Schuljahr begonnen, Lesen- und Schreibenlernen steht bei den meisten Erstklässlern ganz oben auf der Wunschliste. Das war schon immer so – dennoch beherrschen einer aktuellen Studie zufolge 7,5 Millionen Menschen in Deutschland diese Kulturtechniken kaum, in Bayern sollen es 650 000 sein.
7,5 Millionen Menschen, die eine der wichtigsten Kulturtechniken nicht ausreichend beherrschen, die Informationen nicht aufnehmen können, weil sie Texte nicht verstehen. Die ständig mit der Angst leben, dass ihr Defizit entdeckt wird. 7,5 Millionen – eine erschreckende Zahl für ein reiches Land. Ermittelt wurde sie im Zuge der leo.-Studie (Level-One-Studie zur Größenordnung des Analphabetismus), die im Auftrag des Bundesbildungsministeriums an der Universität Hamburg erstellt wurde.

Wer nicht lesen kann, kann kein U-Bahnticket kaufen

In der Expertise geht es um „funktionalen Analphabetismus“. Dieser Begriff setzt die vorhandenen Kenntnisse in Bezug zu den in einer Gesellschaft notwendigen Kenntnissen. Und die werden in den Industrienationen immer mehr. Wer nicht richtig lesen kann, kann sich nicht einmal ein U-Bahnticket kaufen. Kurz vor Ablauf der UN-Dekade für Alphabetisierung wollen in Deutschland Bund und Länder gemeinsam die Situation verbessern. „In Deutschland hat man lange geschlafen. Der heutige Stand hierzulande war in Großbritannien schon 2001 erreicht“, sagt Anke Grotlüschen, Leiterin der leo-Studie. In ihr wurden deutschlandweit 8000 Menschen nach einem streng repräsentativen Verfahren befragt. Klar, dass kein normaler Fragebogen verwendet werden konnte: „Wir haben eine Art Rätselheft entwickelt mit kurzen Texten und bunten Bildern“, erklärt Grotlüschen.
Dabei habe man darauf geachtet, den Befragten Hintertürchen offen zu lassen – zum Beispiel, indem sie sagen konnten, die Druckqualität sei schuld daran, dass sie etwas nicht lesen könnten. „Die Menschen sollen nicht in ihrer Würde verletzt werden“, so Grotlüschen. Das Nichtdarüberredenwollen der Betroffenen ist nachvollziehbar. Und zugleich ist es ein Teil des Problems: Weil viele Menschen sich ihre Defizite nicht einmal selbst eingestehen, fordern sie auch keine Unterstützung an. So kommt es, dass bislang nur ein geringer Prozentsatz einen Lese- und Schreibkurs besucht. Auch bei der Münchner Volkshochschule gelangen die Teilnehmer eher auf Umwegen in die Alphabetisierungskurse. „Da kommt keiner und sagt ‚Hallo, ich bin Analphabet, könnt ihr mir helfen‘“, erzählt Andrea Kuhn-Bösch, Fachbereichsleiterin Alphabetisierung an der Vhs. Ein möglicher Zugang seien Kurse, in denen nachträglich Schulabschlüsse gemacht werden können. Auch über die Lernwerkstätten in den Stadtteilen, vor allem in Brennpunktvierteln wie Hasenbergl würden die Menschen erreicht. „Diese Angebote sind kostenlos und niederschwellig“, sagt Kuhn-Bösch.
Am Anfang stehe oft ein diffuser Wunsch, etwas dazuzulernen, zum Beispiel den Umgang mit dem Computer. Dabei zeige sich dann der Mangel an Lesekenntnissen. Bis jemand sich daran wage, einen Alphabetisierungskurs zu besuchen, das könne dauern. Die meisten Teilnehmer an solchen Kursen seien Jugendliche, die aufgrund von biographischen Brüchen nicht genügend gelernt hätten. Und dann kam irgendwann ein Bruch hinzu – zum Beispiel, wenn jemand zum Lagerleiter befördert wird und plötzlich schreiben können muss. „Der Bloßstellung folgt oft die Kündigung und dann eine Dauerschleife beim Arbeitsamt“, hat Kuhn-Bösch beobachtet.

Lkw-Fahrer Jahrzehnte in Europa unterwegs - ohne Schilder lesen zu können

Deshalb ist für sie die Sensibilisierung von Mitarbeitern nicht nur bei der Agentur für Arbeit, sondern auch zum Beispiel in der Schuldnerberatung der wichtigste Schlüssel für die Bekämpfung des Problems. „Das geht fast nur über Multiplikatoren“, sagt sie. Unter dem Titel „Kinder fit machen für die Schule“ hat die Vhs ein eigenes Kurskonzept erarbeitet für Eltern von Vorschulkindern, die Schwierigkeiten haben. Dass selbst das Umfeld des funktionalen Analphabeten oft nichts merkt, liegt auch an den „geradezu fantastischen Vermeidungsstrategien“ der Betroffenen: „Sie haben ein tolles Gedächtnis und eine prima Orientierung“, sagt Kuhn-Bösch. Einmal habe ein Lkw-Fahrer an einem Alphabetisierungskurs teilgenommen. Zuvor war er Jahrzehnte durch Europa gefahren, ohne richtig lesen zu können. „Das hat ihn dann aber wohl doch so sehr unter Stress gesetzt, dass er das ändern wollte.“

In allen Gesellschaftsschichten gibt es Analphabeten

Quer durch die Gesellschaft gebe es Analphabeten. Laut Studie sind keineswegs nur Migranten betroffen; sie halten sich mit den Deutschen ungefähr die Waage. Für Bayern gibt es keine gesonderten Werte. Die Staatsregierung geht jedoch davon aus, dass es hier bis zu 650 000 funktionale Analphabeten gibt. „Wer nicht lesen und schreiben kann, hat Schwierigkeiten, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Da können wir nicht zuschauen“, sagt Ludwig Unger, Sprecher im Kultusministerium. Deshalb unterstütze man Bildungsträger der Erwachsenenbildung wie die Volkshochschulen bei der Alphabetisierung. Im Jahr 2010 waren dies 55 Kurse mit insgesamt 300 Teilnehmern. Für das kommende Haushaltsjahr seien 200 000 Euro für Maßnahmen gegen Analphabetismus vorgesehen, allerdings wurde der Haushalt vom Landtag noch nicht beschlossen. Dieses Geld würde mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds verdoppelt, so dass 400 000 Euro zur Verfügung stünden.
Ebenfalls mithilfe des Sozialfonds richtet die Staatsregierung gemeinsam mit der Seidel-Stiftung im Januar in Wildbad Kreuth einen Kongress zum Thema aus. Vhs-Frau Kuhn-Bösch freut sich über die zusätzlichen Mittel. Die meisten Maßnahmen mussten bislang über andere Kanäle finanziert werden. Auch die Arbeitsämter stellten sich quer, da sie Grundbildung nicht als ihre Aufgabe ansähen. Die Teilnehmer selbst könne man nicht zur Kasse bitten: Für sie sind 35 Euro Kursgebühren oft schon nicht finanzierbar. (Anke Sauter)

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