Politik

Vermitteln duales Wissen: Lehrer mit Migrationshintergrund haben fachliche und interkulturelle Kompetenzen.(Foto DPA)

30.04.2010

Mittler zwischen den Kulturen

Migranten in Bayerns Verwaltung: Vor allem an Schulen ist deren Einsatz sinnvoll – das sieht auch Kultusminister Spaenle so

In Bayern leben derzeit 2,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund – das ist jeder fünfte Bayer. Dem stellen sich inzwischen immer mehr staatliche Institutionen. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) etwa will vermehrt Lehrer mit Migrationshintergrund einstellen. Auch in anderen Bereichen wie der Polizei tut sich was – nicht genug, wie die Opposition moniert. „Schau mir gefälligst in die Augen, wenn ich mit dir spreche!“ So mancher Schüler ist schon mal so von seinem Lehrer angefahren worden. Indes wenden Schüler nicht immer aus Verlegenheit oder Trotz ihren Blick ab. Zuweilen hat es auch etwas mit ihrem kulturellen Hintergrund zu tun. Beispielsweise gehört es sich für ein muslimisches Mädchen nicht, einem Mann – und sei es sein Lehrer – direkt in die Augen zu sehen. Um Missverständnisse dieser Art zu vermeiden, gelten Lehrer mit Migrationshintergrund als Mittler zwischen den Kulturen: Sie helfen, Sprach- und Kultur-Barrieren zu überwinden. Deshalb möchte Spaenle mehr Lehrer mit Migrationshintergrund an bayerischen Schulen beschäftigen, ohne sich aber auf eine konkrete Zahl festzulegen. Eine Lehrkraft mit Migrationserfahrung könne sich leichter in die Situation von Schülern mit Migrationshintergrund oder ausländischer Herkunft versetzen. Häufig fühlten sich diese nämlich wie Außenseiter. „Erfahrung hat man, die kann man nicht lernen“, sagt ein Ministeriumssprecher. Im Schuljahr 2008/2009 haben an den allgemein bildenden Schulen Bayerns 1559 Lehrer mit ausländischem Pass unterrichtet. Weitere 213 ausländische Kräfte lehrten an anderen Einrichtungen wie Abendgymnasien. Nicht erfasst ist dagegen die Anzahl der Lehrkräfte, die einen deutschen Pass und zusätzlich einen Migrationshintergrund haben. Grund: Im Gegensatz zu den ausländischen Lehrenden können Migranten mit deutschem Pass Beamte werden. Aus Gründen der Gleichbehandlung darf deren Herkunft allerdings nicht erfasst werden. Bekannt sind dagegen Initiativen, mit denen Migranten für das Lehramt motiviert werden sollen. Dazu zählt das Stipendien-Programm „Talent im Land“ des Kultusministeriums in Zusammenarbeit mit der Robert-Bosch-Stiftung. Allerdings führt dieses nicht zwangsläufig zu einem Lehramtsstudium: Noch in diesem Jahr werden 30 Stipendien für begabte Schüler mit Migrationshintergrund ausgeschrieben, die die Hochschulreife erreichen möchten. „Was die mit dem Abitur machen, ist ihre Sache“, sagt der Ministeriumssprecher. Konkreter ausgerichtet war ein Freizeitcamp, das im März bei Nürnberg stattgefunden hat. Dort warb das Spaenle-Ressort unter Gymnasiasten und Fachoberschülern mit Migrationshintergrund direkt für den Lehrerberuf. Auch in anderen Bereichen des Freistaats gehören Menschen mit ausländischem Pass oder mit Migrationshintergrund inzwischen dazu. Beispiel Polizei: Laut Innenministerium gibt es 114 ausländische Einsatzkräfte. Viele weitere Polizeibeamte hätten einen Migrationshintergrund. Allerdings sei ihr Anteil statistisch aus denselben Gründen wie bei den Lehrern nicht erfasst. Von einer Ausländerquote für die Polizei hält man im Ressort von Innenminister Joachim Herrmann (CSU) nichts. Auch habe man nicht vor, „die bayerische Polizei zu einer multikulturellen Einrichtung umzubauen“. Man ist zufrieden mit dem Status quo: Polizeibeamte ausländischer Herkunft besäßen einen direkteren Draht zu Migranten, „da sie mit Sprache, Kultur und Mentalität der jeweiligen Gruppe besser vertraut sind“. Unter anderem sei die Bereitschaft von Migranten, sich als Zeuge zur Verfügung zu stellen, gestiegen. An der Universität Regensburg richtet sich der Bachelor Secondos an Studierende der zweiten Generation mit süd- und südosteuropäischen Wurzeln. Neben einem Fach ihrer Wahl lernen die jungen Leute Sprache und Land ihrer Vorfahren kennen. Dieses Programm ist laut Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) einzigartig in Bayern. Ansonsten spiele das Thema Migration vor allem in den Lehramtsstudiengängen eine „wichtige Rolle“. Im Jahr 2008 unterrichteten an den neun staatlichen Universitäten Bayerns 3721 Professoren und Dozenten mit ausländischem Pass. Zahlen, wie viele der 28 511 Lehrenden mit deutschem Pass einen Migrationshintergrund haben, gibt es nicht. Wie hoch der Anteil von Ausländern und Migranten im gesamten öffentlichen Dienst ist, kann ebenfalls nicht beziffert werden. „Das hätte nur einen statistischen Wert, und nur dafür machen wir keine Statistik“, sagt eine Sprecherin des Finanzministeriums. Ausländerbehörde, Gesundheits-, Gewerbeaufsichts- oder Jugendamt: „Es ist eigentlich immer das gleiche Problem: Die Einwanderer haben Angst vor dem Gang zu einer Behörde“, sagt Martin Neumeyer, bayerischer Integrationsbeauftragter und integrationspolitischer Sprecher der CSU. Viele von ihnen befürchteten, nicht verstanden zu werden. Deshalb sei es wichtig, dass „auf der anderen Seite des Schreibtisches“ jemand sitze, der weiß, wie sich ein Einwanderer fühlt. Eine interkulturelle Verwaltung fordert die Opposition schon lange. Isabell Zacharias, integrationspolitische Sprecherin der SPD, vermisst konkrete Projekte: „Interkulturalität muss in der Lehrerausbildung und -weiterbildung fest verankert werden“, fordert sie. Dies sollte auch für angehende Lehrer ohne Migrationshintergrund verpflichtend sein – und für weitere Beschäftigte des öffentlichen Dienstes. „Es gibt lediglich eine türkischstämmige Psychiaterin in ganz Bayern“, moniert Zacharias. Dabei seien Migranten gerade im Gesundheitswesen wichtig. Für all diese Berufe müsse in den Migrantenvereinen geworben werden. Zacharias: „Eine Kampagne ist längst überfällig!“ Günther Felbinger, integrationspolitischer Sprecher der Freien Wähler, findet Migranten im öffentlichen Dienst unverzichtbar: „Ein großes Potenzial an Arbeitskräften und Multiplikatoren.“ Speziell Lehrer mit Migrationshintergrund sind für Thomas Gehring, schulpolitischer Sprecher der Grünen, „positive Vorbilder, die belegen, dass sich Bildung und Anstrengungen lohnen“.

(Alexandra Kournioti)

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