Politik

Gemobbt wird heute nicht mehr nur auf dem Schulhof, sondern auch über Facebook, WhatsApp und Co. (Foto: dpa)

21.04.2017

Mobbing: Die Täter isolieren

Fast jeder sechste deutsche Schüler wird von Klassenkameraden schikaniert – was Experten raten

Was viele Eltern, Lehrer und Schüler schon lange geahnt haben, hat nun eine Sonderauswertung der PISA-Studie belegt: Mobbing an Schulen ist ein ernst zu nehmendes Problem. Fast jeder sechste 15-Jährige an deutschen Schulen wird oder wurde schon von Klassenkameraden gemobbt, Jungen etwas häufiger als Mädchen. Im internationalen Vergleich ist Deutschland damit Durchschnitt. Die neuen Zahlen decken sich mit Daten früherer Erhebungen, wonach die Betroffenheit bei 8- bis 17-Jährigen zwischen 10 und 15 Prozent schwankt. Die Zahlen sind seit ungefähr zehn Jahren ziemlich konstant – obwohl an vielen Schulen Präventionsprogramme laufen und das Netz an staatlichen wie privaten Beratungseinrichtungen immer enger wird.

Womöglich liegt das daran, dass sich die Formen des Mobbing mit der Digitalisierung der Gesellschaft gewandelt haben. Gemobbt wird heute nicht mehr nur auf dem Schulhof, sondern auch über Facebook, WhatsApp und Co. mit ungleich größerem Wirkkreis. „Die Opfer leiden heute live und im Netz, das ist eine neue Dimension“, erklärt Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). Und anders als Hänseleien auf dem Schulhof ist „Cyber-Mobbing“ ständig präsent und verfügbar. Wie es funktioniert, weiß Professor Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität München. Er spricht von Mails mit beleidigendem Inhalt, von übers Netz verbreiteten Geheimnissen, von gezielt geposteten Unwahrheiten und Diffamierungen.

Mobbingopfer sind häufig die vermeintlich Schwachen oder diejenigen, die im Denken, Verhalten und Aussehen vom Mainstream abweichen. „Da wird viel mit Klischees gespielt“, sagt Fleischmann. Sie nennt Kinder vom Land ohne Markenklamotten und Top-Smartphone als Beispiel, Kinder aus gesellschaftlichen Randgruppen, Leistungsschwache genauso wie Leistungsstarke, also die sprichwörtlichen „Streber“. Mitunter schreiben gute Schüler sogar absichtlich mal ein schlechte Note, um sich die dummen Sprüche der anderen zu ersparen. „Underperformance“ hat die Wissenschaft dafür als Fachbegriff erfunden.

Lehrer sind oft hilflos, und Schulpsychologen fehlt häufig die Zeit

Die Folgen des Mobbing sind mitunter gravierend. Sie reichen laut Schulte-Körne von Schulproblemen über Schulangst bis hin zu schweren Depressionen und selbstverletzendem Verhalten. Nicht selten landen die Opfer bei ihm zur stationären Behandlung in der Klinik. Schulte-Körne berichtet aber auch von langfristigen Folgen. Wer als Erwachsener eine psychische Erkrankung ausbilde, war früher signifikant häufig Opfer von Mobbing in der Schule. Zudem zeigten Studien ein weiteres Phänomen: Viele Mobbing-Opfer wandeln sich eines Tages zu Tätern. Mobbing, also die andauernde, absichtliche, eine Machtposition ausnutzende Schädigung eines anderen Menschen durch Wort und Tat, setzt einen sich selbst nährenden Teufelskreis in Gang.

Diesen zu durchbrechen, scheint ein äußerst schwieriges Vorhaben zu sein. Entscheidend sei, so Schulte-Körne, schon bei ersten Anzeichen von Mobbing einzugreifen. „Hinschauen, ansprechen, sofort aktiv werden“, empfiehlt er Lehrkräften und Pädagogen. Denn von alleine höre Mobbing im Regelfall nicht auf, Jugendliche könnten die Probleme untereinander nicht lösen. Da brauche es professionelle Hilfe. An den Schulen sieht Schulte-Körne die Lehrer mit dieser Aufgabe überfordert, schlicht weil sie für die komplexen Anforderungen nicht ausgebildet seien. Zwar gebe es inzwischen an fast jeder Schule einen Schulpsychologen, doch fehlten diesen oft Zeit und Ressourcen.

Lehrern, sagt BLLV-Präsidentin Fleischmann, fehle das Spezialwissen im Umgang mit durch Mobbing psychisch erkrankten Kindern, außerdem reiche die Zeit für einen angemessenen Umgang mit Mobbing-Fällen nicht. „Als Lehrer stehen wir der Dynamik des Mobbing oft mit einer gewissen Machtlosigkeit gegenüber“, bekennt sie. Erschwerend komme nicht selten dazu, dass Vermittlungsversuche entweder am fehlenden Problembewusstsein der „Opfereltern“ oder der fehlenden Einsichtsfähigkeit der „Tätereltern“ scheitere – oder an beidem.

Welchen Aufwand ein professioneller Umgang mit Mobbing an Schulen erfordert, lassen die Aussagen Schulte-Körnes ahnen. Einbezogen werden müssten nämlich nicht nur Täter und Opfer, sondern auch der Unterstützerkreis des Täters. „Mobbing findet immer in der Gruppe statt, sonst funktioniert es nicht“, erläutert Schulte-Körne. Deshalb müsse man versuchen, den Täter zu isolieren. Auch der weitere Weg ist alles andere als einfach. Schulte-Körne betont, dass der Opferschutz immer absoluten Vorrang haben müsse. Das bedeute, dass im Zweifel nicht das Opfer, sondern der Täter aus dem Klassenverband oder gar der Schule entfernt werden müsse, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichten. Ziel sollte immer die Reintegration des Opfers in die Klasse sein, was eine lange und intensive Begleitung erfordere. Jedoch brauche auch der Täter eine intensive Ansprache und Hilfestellung. Schließlich sollte der sein Fehlverhalten einsehen und für die Zukunft einstellen.

Als Ultima Ratio hält auch Fleischmann das Herausnehmen von Täter und/oder Opfer aus einer Klasse oder gar der Schule für angezeigt. Doch ist auch sie überzeugt, dass dies ohne eine langfristige fachkundige Betreuung der Betroffenen nichts bringt. Insgesamt setzt die BLLV-Präsidentin ihre Hoffnung auf eine „visionäre Lösung“. Es müsse eine gesellschaftliche Ächtung des Mobbing geben, die Schulgemeinschaften müssten gestärkt werden. Schulte-Körne fasst es so zusammen: „An den Schulen muss ein Klima von null Toleranz für Mobbing herrschen.“ (Jürgen Umlauft)

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