Politik

Zwei Öfen im Krematorium des Konzentrationslagers Dachau. (Foto: dpa)

27.04.2015

Mörderschule der SS

Vor 70 Jahren befreiten US-Soldaten das Lager - sie fanden 30 000 ausgemergelte und kranke Häftlinge und viele Tote

Auf der Wiese blühen Gänseblümchen, Bäume leuchten in frischem Grün. Doch vor mehr als 70 Jahren war hier ein Ort unvorstellbaren Grauens, das bis heute spürbar ist. Im Konzentrationslager Dachau bei München quälten und ermordeten die Nationalsozialisten zehntausende Menschen. Hier unterrichteten sie Nazi-Schergen im Töten, in der "Mörderschule der SS". Am 29. April 1945 kamen US-Truppen und setzten dem entsetzlichen Treiben nach zwölf Jahren ein Ende. Zum 70. Jahrestag der Befreiung erinnert die KZ-Gedenkstätte am Sonntag (3. Mai) an diesen Schicksalstag. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird sprechen, vor allem aber werden Überlebende und Befreier mit ihren Angehörigen erwartet.
Hilbert Margol ist einer der US-Soldaten der Rainbow-Division, die das KZ am 29. April 1945 erreichen. "Es war ein kühler, sonniger Morgen", erinnert sich der 93-Jährige. Als sie sich dem Lager nähern, bemerken sie einen grauenvollen Gestank. Hilbert und sein Zwillingsbruder Howard werden losgeschickt, um nach der Ursache zu suchen. "Das Erste, was wir sahen, waren einige Güterwaggons", sagt Margol. Darin ein Anblick, der sie völlig unvorbereitet trifft: Menschliche Körper, kreuz und quer übereinander, verhungert, verdurstet, erschossen. Der stechende Geruch in der Luft ist der Geruch des Todes. Von Häftlingen aus dem KZ Buchenwald, die nach Dachau gebracht werden sollten.  
Im Lager dann weit über 30 000 ausgezehrte Menschen, meist Männer, aber auch Frauen, in völlig überfüllten Baracken zusammengedrängt. Typhus grassiert. In der Totenkammer, im Krankenbereich, im Krematorium - überall häufen sich Leichen. Sogar unter freiem Himmel liegen geschundene, nackte Körper.
Mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa saßen hier zwischen 1933 und 1945 in Haft. Bis heute ist nicht genau klar, wie viele Opfer es gab. Lagerunterlagen listen knapp 32 000 Tote auf. Historiker gehen davon aus, dass mehr als 40 000 Häftlinge starben. Denn Einzelexekutionen und Erschießungen tausender russischer Kriegsgefangener wurden gar nicht erfasst.  

Medizinische Experimente

Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal. Rund 3000 Häftlinge starben im Januar 1945 allein an Fleckfieber. Hunderte kamen bei Malaria-Versuchen und anderen medizinischen Experimenten um.  
Perfide auch die Strafen: Pfahlhängen etwa an Balken im Häftlingsbad, bei dem Menschen an ihren zusammengeketteten Händen an Haken baumelten, 20 Zentimeter über dem Fußboden, bis zu 50 in einer Reihe. "Wenn jemand jammerte, schlugen die SS-Männer auf ihn ein, schaukelten ihn hin und her oder hängten sich an ihn", erinnert sich Stanislav Zámecnik in seinem Buch "Das war Dachau". Die Folge: Grausamste Schmerzen. Oder Einzelhaft in Stehbunkern, kaum größer als ein Schornstein, tagelang. "Mit den Ellenbogen berührst du zu beiden Seiten die Wände, mit dem Rücken berührst du die Wand hinter dir, mit den Knien die Wand vor dir", zitiert Zámecnik den Polen Max Hoffmann. "Das ist Folter, direkte mittelalterliche Folter."  
Dazu Hunger, härteste Arbeit, drangvolle Enge und willkürliche Repressalien, etwa wenn die Betten in den Baracken nicht exakt so gemacht waren, wie es die Aufseher wünschten. Wer zu schwach oder zu krank war, um zu arbeiten, dessen Schicksal war ohnehin besiegelt.
"Die Totenlisten werden immer länger und länger", schrieb der holländische Journalist Nico Rost am 4. März 1945 in sein Tagebuch. "Und doch darf ich nicht zulassen, dass der Tod, der uns hier täglich und stündlich, ja jeden Augenblick auf den Fersen ist, meine Gedanken beherrscht. Sonst falle auch ich ihm zum Opfer." So las er Bücher, dachte nach über Kunst oder über die Literatur der deutschen Romantik und diskutierte mit Gleichgesinnten.
Am 22. März 1933 - wenige Wochen, nachdem Adolf Hitler an die Macht gekommen war - hatten die Nazis die ersten Menschen im Dachauer KZ eingesperrt, wenig später wurden die ersten ermordet. Zunächst wurden politische Gegner weggesperrt: Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Dann evangelische und katholische Geistliche, Zeugen Jehovas, Juden, Roma und Sinti sowie Homosexuelle; nach Kriegsbeginn auch Widerstandskämpfer aus anderen Ländern und Kriegsgefangene. Auch der gescheiterte Hitler-Attentäter Georg Elser, der evangelische Pfarrer Martin Niemöller oder der Schriftsteller Alfred Andersch waren hier eingesperrt.  
Arbeitsfähige Häftlinge schufteten unter mörderischen Bedingungen etwa im Straßenbau, später in der Rüstungsindustrie, zum Beispiel in einem BMW-Werk zur Herstellung von Flugzeugmotoren. Jeden Tag mussten sie dabei durch das Tor mit dem zynischen Satz "Arbeit macht frei". Vor einem halben Jahr wurde das Tor gestohlen, die Hintergründe sind unklar. Am 29. April wird eine Replik eingesetzt, eine Tafel informiert über den Diebstahl.
Aus den regional verteilten Arbeitskommandos entstand ein System von Außenlagern. Das KZ Dachau war mit bis zu 169 Außenkommandos der größte Lagerkomplex überhaupt. Mit seiner grausamen Perfektion wurde Dachau zum Modell für die vielen späteren Konzentrationslager, für eine unvorstellbare Vernichtungsmaschinerie. Nazi-Schergen wurden hier ausgebildet, in der "Schule der Gewalt" oder der "Mörderschule der SS", wie Historiker es formuliert haben. So begann etwa der berüchtigte Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß hier seine Nazi-Karriere.

In Dachau nahm der millionenfache Mord seinen Anfang

"Die SS-Männer, die einige Jahre später den millionenfachen Mord mit Giftgas durchführten, lernten zuerst im Konzentrationslager Dachau, andersdenkende Menschen als minderwertig zu betrachten und sie kaltblütig zu ermorden. Die Umsetzung der nationalsozialistischen Theorien in blutige Realität nahm im Konzentrationslager Dachau ihren Anfang", heißt es in einem geschichtlichen Abriss des Historikers Wolfgang Benz und der früheren Leiterin der KZ-Gedenkstätte, Barbara Distel.  
Anfang 1945 dämmerte vielen Verantwortlichen, dass Hitlers Tage gezählt sein könnten. Der tschechische Geistliche Bedrich Hoffmann schrieb darüber: "Die SS-Leute, die damals zur Kontrolle auf die Blocks kamen, bemühten sich, den Häftlingen klar zu machen, dass sie es doch immer gut mit ihnen gemeint hätten und sie in Wirklichkeit ihre besten Freunde seien." Als ab Mitte April der Geschützdonner im Lager zu hören war, verbrannten die SS-Leute Akten, versuchten, Spuren der Grausamkeiten zu verwischen, oder flohen. Am 26. April schickten sie rund 7000 Gefangene auf einen Todesmarsch Richtung Alpen. Hunderte starben: An Hunger, Kälte, Erschöpfung. Wer nicht mehr weiterkonnte, wurde erschossen.
Als die US-amerikanischen Befreier am 29. April neun Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs kamen, herrschte Chaos. Das Krematorium war außer Betrieb. Seit Tagen wurden Sterbefälle nicht mehr dokumentiert. Getrieben von Wut und Entsetzen über diese Menschenverachtung griffen die Befreier selbst zur Gewalt: Unter dem Eindruck der Todeswaggons aus Buchenwald ließ ein amerikanischer Unteroffizier das Feuer eröffnen und seine Leute wahllos auf Wachmannschaften schießen. Der Soldat habe "die Nerven verloren angesichts dieses Eisenbahnzuges mit 1000 Toten drin", sagt der Berliner Historiker Benz.  
Die Häftlinge können ihr Glück kaum fassen, als ihre Retter endlich da sind. "Alle geraten in Bewegung, Kranke verlassen die Betten, die fast Gesunden und das Blockpersonal rennen auf die Blockstraße, springen aus den Fenstern, klettern über Bretterwände, laufen auf den Appellplatz. Man hört von weitem bis hierher das Schreien und Hurra-Rufen. Es sind Freudenschreie", hält der Dichter und Autor Edgar Kupfer-Koberwitz in seinen Aufzeichnungen fest. "Kameraden kommen zu mir ans Lager, Franzosen, Russen, Juden, Italiener. Wir küssen uns wie Brüder und beglückwünschen uns. Viele haben Tränen in den Augen. Wir drücken uns die Hände: Frei, frei!" (Cordula Dieckmann, Sabine Dobel, dpa)

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