Politik

Bewachtes Tor auf der Straße nach Schloss Elmau. (Foto: Peter Kneffel/dpa)

02.06.2015

Mottenschutz und Maschendraht

Märchenhaft liegt Schloss Elmau am Fuß der Berge. Die wundervolle Natur hat aber auch Nachteile: Alle Sicherheitsmaßnahmen fordern Rücksicht auf Tiere und Pflanzen: Auerhahn, Enzian und auch die Motte

Weiße, noch schneebedeckte Gipfel, leuchtend grüne Wiesen, seltener Enzian. Schloss Elmau - ein Kleinod. Wenn das Wetter stimmt und der Himmel blau über diesem Paradies strahlt, kann Angela Merkel der Welt am 7. und 8. Juni beim Gipfel der sieben führenden westlichen Industrienationen ein deutsches Märchen präsentieren. Dass die Idylle hinter den Bäumen umzäunt ist mit drei Meter hohem Maschendrahtzaun zum Schutz vor Gipfelgegnern, werden die Gäste nicht sehen. Die Polizei rechnet mit einer vierstelligen Zahl von Störern. Bayern steht vor dem größten Polizeieinsatz in seiner Geschichte.
In Garmisch-Partenkirchen und auf den 15 Kilometern zum Schloss sind die Gullideckel mit weißem Fahrbahnmarkierungsband versiegelt. Überall Polizei. Am eigens asphaltierten Hubschrauberlandeplatz im Wald unweit des Schlosses Technisches Hilfswerk, Feuerwehr. Hier sollen die Kanzlerin, US-Präsident Barack Obama und ihre Kollegen aus Frankreich, Großbritannien, Japan, Italien und Kanada landen, um über Klima und Krisenherde der Welt zu sprechen.

Unwegsames Gebiet mit dichtem Wald und steilen Hängen

Am Forstweg Richtung Elmauer Alm laufen Stromkabel, Toiletten-Container sind aufgebaut, nummerierte Leuchten säumen den Weg. "Man muss ja sehen, wenn jemand kommt", sagt Polizeisprecher Peter Reichl. Die Beamten müssen in dem unwegsamen Gebiet mit dichtem Wald, steilen Hängen, Felsen und Feuchtwiesen für absolute Sicherheit sorgen, wenn die Staatsgäste aus den Hubschraubern steigen.
"Wir wollen unseren Gästen ein wunderschönes Stück Deutschland zeigen und in dieser Atmosphäre in einer Form tagen, die für die Ergebnisse solcher Gipfel wichtig ist", sagte Merkel der "Süddeutschen Zeitung" am Samstag auf die Frage, warum die Runde nicht im Kanzleramt tage.
Umweltschützer kritisieren genau das. "Es ist eine Ungezogenheit, den Gipfel in diese sensible Landschaft zu setzen", sagt der Kreisvorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern, Axel Doering. Auf den geschützten Buckelwiesen rundum sprießen gut 200 Pflanzen, allein drei Enzian-Arten. "Das ist eine Landschaft, die alles weniger verträgt als Stiefel von Polizisten und Schuhe von Demonstranten."
Wenn alles nach Plan geht, bekommen die hohen Gäste weder von den Demonstranten noch von den extremen Sicherheitsmaßnahmen viel mit. Der umstrittene Zaun ist nur an einer Kontrollstelle von der Straße zwischen Bäumen erkennbar. Hier kommt der Tross mit den Staatsgästen nur vorbei, wenn wegen Nebels keine Helikopter fliegen können. Dann aber könnte die schmale Straße als einzige Zufahrt zum Schloss zur Schwachstelle werden. Gipfelgegner haben Blockaden angekündigt - und die Polizei hat klargestellt, dass sie das keinesfalls dulden wird.

16 Kilometer Zaun ums Schloss

Der Zaun umfasst sieben Kilometer des 16 Kilometer langen Sperrgürtels um das Schloss. Mit Stahlseil an Bäumen verspannt und auf ganzer Länge mit Lampen versehen, ist er Naturschützern ein Dorn im Auge. "Wenn er nur rumstehen würde, ginge es ja noch. Aber er ist in der Nacht beleuchtet", sagt Doering. Eine nicht zu dicke Maus komme vielleicht durch die Maschen. "Aber stellen Sie sich vor, Sie sind ein Auerhuhnkücken." Muttertiere könnten von ihren Jungen getrennt werden. Auerhühner, Rotwild und Kitze würden womöglich von den Patrouillen aufgescheucht und gegen den Zaun getrieben.
Polizeisprecher Reichl betont hingegen, Natur- und Landschaftsschutz hätten höchste Priorität. "Überall sind rot-weiße Flatterbände durch den Zaun gezogen, damit Tiere nicht hineinfliegen oder dagegen laufen." Auf die Balzzeit des Auerhahns habe man ebenso Rücksicht genommen wie auf nächtlich fliegende Motten. "Damit die Motte nicht zugrunde geht, sind besondere Leuchtkörper in den Lampen verbaut worden, die Motten nicht anziehen."
Den Demonstranten wiederum sollen die Bänder mit der Aufschrift "Polizeiabsperrung" signalisieren: Sicherheitsbereich. "Wenn sie den betreten, können sie Ärger bekommen." Denn der Zaun ist leicht zu übersteigen. Es sei klar, "dass er nicht unüberwindbar" sei und weit weniger massiv als beim G8-Gipfel in Heiligendamm, sagt Reichl. Schließlich habe man "keine Festung und keine Trutzburg" gewollt.
In Garmisch-Partenkirchen wappnen sich Geschäftsleute dennoch für den Ansturm. Viele machen dicht. Rund um den Ort mit gut 25 000 Einwohnern sind fast ebenso viele Polizisten im Einsatz, dazu werden an die 10 000 Demonstranten und Globalisierungsgegner erwartet. Die Bilder von Straßenschlachten und Verwüstung bei der Eröffnung der Europäischen Zentralbank sind kaum ein Vierteljahr alt. (Sabine Dobel, dpa)

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