Politik

Hennen in Käfighaltung – das soll laut Umweltministerin Ulrike Scharf bald der Vergangenheit angehören. (Foto: dpa)

17.07.2015

Nicht nur die Masse macht’s

Tierschutz und Landwirtschaft – passt das zusammen? Bayerns Umweltministerin will jetzt die Käfighaltung abschaffen

Massentierhaltung. Das ist so ein Wort, das sich als guter Diätbegleiter eignet, denn im Grunde vergeht einem beim Lesen sofort der Appetit. Ähnlich wie bei dem Wort „Salmonellen-Skandal“, dazu kommen wir gleich. Erfunden hat den Begriff der Massentierhaltung der legendäre Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek. Er hat sich schon in den 1970er-Jahren gegen die Käfighaltung von Hennen ausgesprochen.
Wer sich heutzutage erkundigt, wie es um die Massentierhaltung im Freistaat bestellt ist, lernt schnell, dass es für Massentierhaltung keine rechtliche Definition gibt. Mögliche, annähernde Zahlen liefert das Bundesimmissionsschutzgesetz: Wer 40 000 Hennen oder Puten hält, 2000 Mastschweine, 750 Sauen oder 6000 Ferkel, der muss sich das jeweils vom Umweltministerium genehmigen lassen.

„Wie es den einzelnen Tieren geht, hängt aber nicht von der Größe des Tierbestands im Betrieb ab“, sagt Stefanie Härtel vom Bayerischen Bauernverband, „ähnlich wie die Lebensqualität einzelner Menschen nicht von der Einwohnerzahl der Stadt abhängt, in der sie leben“. Viel wichtiger sei „eine verantwortungsvolle Betreuung durch den Tierhalter“ sowie das richtige Klima, Licht und Platz.

Erstaunlich: Foodwatch und Bauernverband sind sich einig

Dies sieht die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch ganz ähnlich: „Das Wohlergehen der Tiere hängt nicht unbedingt mit der Betriebsgröße zusammen“, sagt Foodwatch-Aktivistin Luise Molling. In Bayern praktizierten viele kleinere Milchbauern immer noch die sogenannte Anbindehaltung. „Die ist alles andere als tiergerecht“, sagt Molling. Foodwatch und Bauernverband stimmen darin überein, dass es auf den Tierhalter ankommt. „Ein kleiner Biobauer kann seine Tiere genau so quälen wie ein Legehennenhalter mit 200 000 Hennen im Betrieb. Und umgekehrt kann es in beiden Betrieben um die Gesundheit der Tiere gut bestellt sein – wenn sich der Halter um seine Tiere kümmert“, so Molling.

Um dies wirksam zu überprüfen, fordert sie eine klare Zielvorgabe für den Gesundheitsstatus der Tiere: „Krankheiten sollten nur noch die Ausnahme sein und nicht, wie derzeit, die Regel in den Ställen.“ Die Kontrolle tierschutzrechtlicher Vorgaben obliegt in Bayern dem Umweltministerium. Ministerin Ulrike Scharf überlegt, wie sie nach dem jüngsten Salmonellen-Skandal in Bayern Prävention betreiben kann. Ein Salmonellenausbruch in einem niederbayerischen Betrieb hatte im vergangenen Sommer dazu geführt, dass europaweit rund 500 Menschen erkrankten und mindestens zwei starben.

„Die Haltungs- und Produktionsbedingungen müssen diskutiert werden“, sagt Scharf der Staatszeitung. Der Umgang mit Tieren in industriellen Dimensionen sei „auch eine ethische Frage. Ich werbe für ein konkretes Szenario für den Ausstieg aus der Käfighaltung.“ Bis zum Ausstieg will Scharf die Haltungsbedingungen verbessern, auch mithilfe der „Spezialeinheit Lebensmittelsicherheit“ am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.

Bayerische Bauernhöfe sind deutlich kleiner als die in anderen Bundesländern

Im Bayerischen Landwirtschaftsministerium weist man gerne darauf hin, dass bayerische Bauernhöfe im Schnitt deutlich kleiner seien als in den meisten anderen Bundesländern. Nach diesen Angaben kommen in Bayern 35 Milchkühe auf einen Halter gegenüber 227 in Mecklenburg-Vorpommern. Ein ähnliches Verhältnis besteht bei den Mastschweinen: 323 pro Halter in Bayern, 2357 in Mecklenburg-Vorpommern. Auch die meisten deutschen Biobauern seien im Freistaat ansässig, und ihre Zahl wachse hier deutlich stärker als in anderen Bundesländern – in diesem Jahr bereits um zehn Prozent. „Jeder zweite Liter Biomilch kommt aus Bayern“, sagt ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums.

Und wie reagieren die Verbraucher? Bei Bio-Eiern steigt die Nachfrage kontinuierlich. Mehr als 8,5 Prozent der deutschen Legehennen leben bereits in ökologischer Haltung. Marktforscher prognostizieren für Bio-Produkte generell weiteres Wachstum, vor allem unter Verbrauchern, die überdurschnittlich gebildet sind und ebenso verdienen.

Bio-Fleisch hingegen bleibt mit ein bis zwei Prozent Marktanteil vorerst ein Nischenprodukt. „Viele Verbraucher, die behaupten, sie würden für Fleisch aus tiergerechter Haltung mehr bezahlen, tun dies faktisch nicht“, heißt es in einer Analyse der Freien Wähler. Das hat auch damit zu tun, dass Bio-Fleisch immer noch spürbar teurer ist als sein herkömmlich erzeugtes Pendant.

Allerdings: Verbraucher achten  immerhin mehr darauf, Produkte zu kaufen, die in der Nähe hergestellt wurden. Bayern hat aus diesem Grund im Jahr 2013 das Programm „BioRegio 2020“ aufgelegt. Es soll Rahmenbedingungen schaffen, um den Bedarf von regionalen ökologischen Produkten zu decken. (Jan Dermietzel)

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