Politik

Experten und Politiker befürchten, dass die Spendebereitschaft nun noch mehr zurückgehen könnte. (Foto: DAPD)

20.07.2012

"Niemals für möglich gehalten"

Organspende-Skandal in Göttingen: Bayerns Politiker sind entsetzt

Pro Tag sterben in Deutschland mindestens drei Menschen, denen eine Organübertragung das Leben hätte retten können. Es gibt zu wenig Spenderorgane. Nicht einmal zehn Prozent der Bürger besitzen laut Schätzungen der Deutschen Stiftung Organtransplantation einen Spenderausweis, denn viele Menschen haben Angst und zweifeln daran, dass im Falle einer Organspende immer alles mit rechten Dingen zugeht.
Mit dem Bekanntwerden des Transplantations-Skandals an der Uniklinik Göttingen könnte sich diese Situation noch weiter verschärfen. Denn Entsetzen herrscht angesichts der Tatsache, dass ein 45-jähriger Oberarzt im großen Stil Laborwerte von Patienten gefälscht haben soll, um so deren Chancen auf eine Spenderleber zu erhöhen. Andere schwerstkranke Menschen könnten deshalb verstorben sein.
„Ich bin fassungslos“, sagt die bayerische Gesundheitspolitikerin Sabine Dittmar (SPD) der Staatszeitung. „Das ist ein großer Schlag gegen die Organspende in Deutschland.“ Sie befürchtet nun, dass sich die Verunsicherung bei potenziellen Spendern noch erhöht. Auch Bernhard Seidenath (CSU) macht sich Sorgen: „Die Spendebereitsschaft steht und fällt mit dem Vertrauen in das Organspende-System“, betont er. Und Theresa Schopper, gesundheitspolitische Sprecherin der Landtags-Grünen klagt: „Wir waren auf einem guten Weg. Doch ausgerechnet jetzt werden die Ängste der Menschen bestätigt.“
Über 2000 Patienten warten in Bayern auf ein Organ
Jahrelang hatte man sich im Freistaat für eine neue Regelung eingesetzt, um die Spendebereitschaft zu erhöhen. Mehr als 2000 Patienten in Bayern warten auf ein neues Organ. Gerade einmal 628 Organe von 189 Spendern wurden im vergangenen Jahr im Freistaat verpflanzt. Deutschlandweit stehen 12 000 Menschen  auf der Warteliste für eine Organspende. Große Hoffnung setzte man  auf das neue Gesetz mit der sogenannten Entscheidungslösung, für das es im Bundestag und Bundesrat im Frühsommer grünes Licht gab. Jeder Bürger ab 16 Jahren wird künftig per Post von seiner Krankenkasse befragt, ob er einer Organspende zustimmt. Dem Anschreiben liegt direkt ein Organspendeausweis bei. Doch jetzt könnte der positive Effekt der Organspendereform verpuffen, so die große Befürchtung.
„Knallharte Konsequenzen“ und eine „harte Bestrafung“ des „kriminellen Mediziners“ fordern nun  Politiker aller Parteien unisono. „Wir brauchen eine gnadenlose Transparenz, um das Vertrauen wieder aufzubauen“, sagt auch Dittmar. Dringende Aufklärung fordert sie auch angesichts der Tatsache, dass der angeklagte Oberarzt laut SZ im Jahr 2005 eine für das Klinikum Regensburg vorgesehene Spenderleber nach Jordanien brachte, dafür aber strafrechtlich nicht belangt wurde. Wie auch Schopper will sie dazu nun eine schriftliche Anfrage stellen.
Am System der Organspende  selbst will aber kaum einer rütteln. Zuständig für die Verteilung der Organe ist die Stiftung Eurotransplant mit Sitz in den Niederlanden. Sie verwaltet eine zentrale Datenbank, in die die Transplantationszentren die Daten von Patienten, die ein Organ benötigen, einspeisen. Für die Zuteilung gelten Kriterien, die durch die Bundesärztekammer festgelegt sind: darunter die Dringlichkeit, der zu erwartende Erfolg und die Wartezeit. Wird nun ein Spender gemeldet, ermittelt Eurotransplant computergesteuert den passenden Empfänger.
Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, bezeichnete den Organspendeskandal in Göttingen als „Super-Gau“. Doch er betonte auch: Das funktionierende System der Organspende mit der Überwachung durch Eurotransplant schließe kriminelle Machenschaften aus, wenn es „nicht wie geschehen durch erhebliche kriminelle Energie ausgehebelt“ werde. Eurotransplant-Präsident Bruno Meiser will nun verstärkt auf stichprobenartige Kontrollen setzen.
In den Augen von Johannes Singhammer (CSU), Vizevorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag, reicht das nicht. „Da hilft nur eine staatliche Aufsicht“, sagte er der SZ. Doch diese Forderung geht selbst den Parteikollegen zu weit. Nicht das System sei schließlich die Ursache, sondern „die kriminelle Energie eines einzelnen Arztes“, sagt Seidenath, Sprecher für bioethische Fragen der CSU-Landtagsfraktion. Er fordert die Einführung des Vieraugenprinzips. Laborwerte sollen von einem zweiten, unabhängigen Mediziner gegengecheckt werden. „Das bedeutet zwar einen riesigen Aufwand, sagt Seidenath der BSZ. „Aber an einer Plausibilitätskontrolle kommen wir nicht vorbei.“
 Die Diskussion über eine Verschärfung der Kontrolle durch das Vieraugenprinzip begrüße sie, sagt Dittmar. Doch sie warnt auch: „Es darf jetzt keinen Schnellschuss geben.“ Für eine  „unaufgeregte Lösung“ plädiert auch Schopper. Auf keinen Fall dürfe nun das gesamte System der Organspende in Deutschland in Frage gestellt werden, sagt sie. „Jedes noch so gute System birgt die Möglichkeit, es zu hintergehen.“ Von der Einführung des Vieraugenprinzips ist Schopper nicht überzeugt: „Das wäre ein erheblicher Zuwachs an Bürokratie, von dem ich nicht weiß, ob der nötig ist.“ Schließlich müsse die ethische Verpflichtung eines Arztes mmer noch Selbstverständlichkeit sein. Für sie stehe jetzt die Aufklärung im Vordergrund.
Auch die gesundheitspolitischen Sprecher von FDP und der Freien Wähler halten eine Verstärkung der Kontrolle nicht für die richtige Antwort. „Zu wenig Nutzen würde ein Mehr an Bürokratie bringen“, glaubt Karl Vetter (FW). „Dass auf einer Station Daten gefälscht werden, kann man nie ganz ausschließen“, sagt Otto Bertermann (FDP), gibt aber zu: „So etwas wie in Göttingen hätte ich niemals für möglich gehalten.“
Ob aber allein der Ruf nach harten Strafen das Vertrauen  in die Organspende wieder stärken kann? „Wir können jetzt nur an die Bevölkerung appellieren, in der Spendenbereitschaft nicht nachzulassen“, sagt Seidenath. Sein Motto: „Schenken Sie, wenn Sie nichts mehr zu verlieren haben!“(Angelika Kahl)

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