Politik

Der Anteil der Älteren an der Bevölkerung steigt. (Foto: Bilderbox)

12.10.2012

Noch kein Schrumpf-Trend in Bayern

Der Berliner Demografiegipfel ergab Überraschendes für den Freistaat

Warum sollte es Deutschland anders ergehen als dem Rest der Welt? Der Anteil der älteren Menschen nimmt überall zu. Parallel schrumpft die Bevölkerungszahl in den Entwicklungsländern empfindlich. Im Jahr 2060 rechnet das Statistische Bundesamt mit 17 Millionen Bürgern weniger, als derzeit in der Bundesrepublik leben; jeder Dritte könnte dann 65 Jahre oder älter sein. Eine Lösung, mit der sich dieser Trend definitiv aufhalten lässt, ist indes nicht in Sicht.
So lassen sich die Ergebnisse des Demografiegipfels zusammenfassen, an dem jüngst in Berlin Politiker und Wissenschaftler teilgenommen haben. Die Resultate könnten den Eindruck vermitteln, dass diese Entwicklung jedes Bundesland gleichermaßen betrifft. Das ist aber mitnichten so: Zwar wird sich der demografische Wandel in jedem der 17 deutschen Staaten vollziehen, allerdings jeweils mit höchst unterschiedlichem Tempo. Die Differenz ist vor allem zwischen dem Osten und dem Süden der Republik gravierend. Bayern weicht vom allgemeinen Schrumpf-Trend zumindest in Teilen deutlich ab.

Gegen den Trend: In Bayern wächst die Bevölkerung noch

Laut dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sind alle neuen Bundesländer bis auf Brandenburg – das profitiere von der Nähe zur Bundeshauptstadt – bereits von Bevölkerungsschwund betroffen. „Ebenso wie das nördliche Hessen und das Ruhrgebiet“, zählt Stephan Sievert vom Berlin Institut auf. In Bayern dagegen nehme die Bevölkerung insgesamt momentan noch zu. Dies belegen auch Zahlen des bayerischen Landesamts für Statistik: Zum 31. Dezember 2010 zählte man dort 12,54 Millionen Menschen. Zum 31. März 2012 lag die Einwohnerzahl bei 12,60 Millionen. Dieses satte Plus ist vor allem der Zuwanderung von Menschen aus Ost- und Südeuropa geschuldet. Dafür liegt in nur wenigen kreisfreien Städten und Landkreisen Bayerns die Zahl der Geburten über der der Todesfälle. Zu diesen Ausnahmen zählt laut Landesamt Ingolstadt (neun Geburten mehr als Todesfälle) und vor allem München (4230 mehr Geburten als Sterbefälle).
Aber auch im Freistaat wird der Zuwachs versiegen: „Etwa ab dem Jahr 2020 wird ein Rückgang der Bevölkerungszahl einsetzen“, prognostiziert Jan Kurzidim, Statistiker am Landesamt. Für das Jahr 2030 rechnen er und seine Kollegen mit einer Bevölkerung von 12,53 Millionen – und damit mit etwa so viel Personen, wie im Jahr 2010 schon einmal erfasst wurden.
Während im Jahr 2010 in Bayern 2,45 Millionen Personen älter als 65 Jahre waren, werden im Jahr 2030 bereits 3,31 Millionen Menschen dieser Altersgruppe angehören. Dagegen wird im selben Zeitraum die Zahl der unter 25-Jährigen beträchtlich sinken: von 3,19 auf 2,75 Millionen. Statistiker Kurzidim: „Das stellt vor allem die sozialen Sicherungssysteme wie die Pflegeversorgung vor enorme Herausforderungen.“

"Bayern ist zweigeteilt"


Was für die Bundesrepublik gilt, trifft auch auf Bayern zu: Nicht alle Regionen werden gleichermaßen schrumpfen. „Bayern ist zweigeteilt“, sagt der Berliner Sievert. „Im Norden und an der tschechischen Grenze wird es starke Bevölkerungsverluste geben, im Großraum München weniger.“
Diese Angaben stimmen mit den Erhebungen des bayerischen Statistikamtes für das Jahr 2030 überein: Die größten Bevölkerungsverluste wird zwischen 2010 und 2030 der Landkreis Wunsiedel (minus 20,2 Prozent) hinnehmen müssen. Es folgen der Landkreis Hof (minus 19,2 Prozent), Landkreis Kronach (minus 16,8 Prozent), Landkreis Tirschenreuth (minus 15,9 Prozent) und Landkreis Kulmbach (minus 15,2 Prozent). Alle diese Regionen liegen im Nordosten Oberfrankens. Sievert nennt die weggefallenen Subventionen für die ehemaligen Grenzregionen als eine der Ursachen für den dramatischen Rückgang.
Es gibt allerdings auch bayerische Orte, in denen die Bevölkerung stark zunehmen soll: Unterföhring wird zwischen 2009 und 2029 schätzungsweise um 33,3 Prozent zulegen. Im gleichen Zeitraum wird für Poing ein Zuwachs von 30,9 Prozent prognostiziert, in Neuried sollen 30,7 Prozent mehr Menschen hinzukommen.
Auch die Orte mit zunehmender Bevölkerung konzentrieren sich auf einen Landstrich: den Großraum München. Für Kurzidim liegt die Erklärung auf der Hand: „München ist der Wachstumsmagnet schlechthin. Hierhin kommen die jungen Menschen, um zu studieren und zu arbeiten – und später ziehen viele von ihnen mit ihren Kindern ins Umland.“
Immerhin: Laut statistischem Landesamt wird bis zum Jahr 2030 kein bayerischer Ort zur Geisterstadt- oder zum Geisterdorf, indem es seine Bevölkerung komplett einbüßt. Und Bayerns ältestes Dorf Bad Alexanderbad – Durchschnittsalter 54,9 Jahre – ist deutlich „jünger“ als das älteste Dorf Deutschlands: Im rheinland-pfälzischen Hisel ist man durchschnittlich 61,7 Jahre alt.
Was aber kann getan werden, damit der demografische Wandel insgesamt aufgehalten wird? Laut Sievert können die einzelnen Bundesländer nicht viel ausrichten, weil sie nicht zuständig seien. Sievert hat einen Tipp, was sie nicht tun sollten: „Sich nicht gegenseitig die Bewohner abwerben.“
Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) will es dabei nach eigener Aussage nicht belassen: „Wir haben vielfältige Maßnahmen getroffen, um den bayerischen Kommunen bei der Bewältigung des demografischen Wandels unter die Arme zu greifen“, sagte sie der BSZ. Neben dem „Aktionsplan demografischer Wandel“ würden die Kommunen im Jahr 2012 mit über 1 Milliarde Euro beim Krippenausbau unterstützt. Die 100 Fachstellen für pflegende Angehörige fördere man mit 1,3 Millionen Euro jährlich. Kleinere Projekte wie „Marktplatz der Regionen“ böten Beratung für kleinere Kommunen an, die vom Bevölkerungsrückgang betroffen sind.
Doch fühlen sich nicht alle davon bedroht. Laut Berlin Institut können Naturforscher der Entwicklung Einiges abgewinnen. Sie würden erfreut feststellen, dass dort, wo sich der Mensch zurückzieht, bereits Renaturierung stattfindet, sich beispielsweise verdrängte Tierarten wieder neu ansiedeln. Getreu dem Motto: „Nach dem Mensch kommt der Wolf“ (Alexandra Kournioti)

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