Politik

Mangelware: Das Fleisch von Bio-Schweinen muss zu etwa 50 Prozent nach Bayern importiert werden. (Foto: BSZ)

17.05.2013

Öko-Krise im Freistaat

Die Nachfrage nach Bio-Produkten steigt – doch in Bayern steht der Ausbau des ökologischen Landbaus nahezu still

Öko-Qualität – garantiert aus Bayern“ – stolz ist man bei der Hofpfisterei auf dieses Siegel, verliehen durch das bayerische Landwirtschaftsministerium. Die Münchner Bäckerei verwendet für ihre Brote nicht nur ausschließlich Getreide aus ökologischem Anbau. Ziel des Unternehmens ist es auch, dass mindestens 80 Prozent aus Bayern stammen, um die Auswirkungen auf die Umwelt so gering wie möglich zu halten, aber auch die Wertschöpfung und den Arbeitsmarkt der Region zu stärken. Aber: Das Ziel ist längst nicht mehr zu erreichen. Denn die heimische Herstellung hinkt der Nachfrage deutlich hinterher. Mit der Info-Kampagne „Wir brauchen mehr Ökobauern aus Bayern“ wirbt die Bäckerei deshalb um die Landwirte im Freistaat.
Um sechs Prozent legte der Biomarkt bundesweit zu. Erstmals wurden mehr als sieben Milliarden Euro umgesetzt. Die Zahl der Öko-Betriebe dagegen wächst deutlich langsamer – im selben Zeitraum um nur 2,6 Prozent. In Bayern, wo man sich gerne damit brüstet, so viele Bio-Betriebe wie in keinem anderen Bundesland zu haben, ist das Wachstum noch geringer: 6437 Öko-Höfe gab es in Bayern laut dem Landwirtschaftsministerium 2010. Ende 2012 waren es 6660 – das macht ein mageres Plus von 1,7 Prozent im Schnitt pro Jahr.
Im Freistaat hat sich die Zahl der Bio-Betriebe in den vergangenen zehn Jahren zwar verdoppelt, allerdings haben erst sechs Prozent aller Landwirtschaftsbetriebe auf Bio umgestellt. Bayern liegt hier nur im Mittelfeld. Zum Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern liegt die Quote bei 15 Prozent.
Das genaue Ausmaß der bayerischen Öko-Krise lässt Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) aktuell evaluieren. Bis Juli sollen Zahlen vorliegen, wie viel Bio-Obst, -Gemüse und -Fleisch nach Bayern importiert werden müssen. Bei Schwein und Geflügel sind es geschätzt 50 Prozent. Brunner hat deshalb das Landesprogramm „Bio-Regio Bayern 2020“ ins Leben gerufen. Das Ziel: Der ökologische Landbau soll sich  bis 2020 verdoppeln. 5,4 Millionen Euro fließen in Bildung, Förderung, Vermarktung und Forschung. Eine zweite Fachschule für Ökolandbau in Weilheim und 70 Vorzeigebetriebe sollen unter anderem entstehen, um Landwirten die Umstellung schmackhaft zu machen. Denn oft seien auch mangelnde Kenntnis über Vorgaben, aber auch Chancen im ökologischen Landbau ein Grund für die Zurückhaltung der Landwirte. SPD-Agrarpolitikerin Maria Noichl fordert eine noch stärkere Nachwuchsförderung: das Pflichtfach Ökolandbau an allen 27 Landwirtschaftsschulen.
Die Umstellungslaune der Bauern wird aktuell allerdings vor allem dadurch stark getrübt, dass die Europäische Union über eine neue Agrarpolitik verhandelt – inklusive neuer Förderrichtlinien und Kürzungen von Mitteln.


Erste Betriebe kehren dem Öko-Landbau den Rücken


Als Starthilfe gibt es derzeit zwei Jahre lang 285 Euro pro Hektar und Jahr als Umstellungsprämie, anschließend dauerhaft 200 Euro Öko-Prämie pro Hektar. „Schon heute werden die Agrarumweltleistungen der Öko-Betriebe über unser Kulturlandschaftsprogramm (KULAP) jährlich mit über 40 Millionen Euro honoriert“, sagt Brunner. Das sei in dieser Dimension bundesweit einzigartig. Er kündigt an, in der neuen EU-Förderperiode weitere Verbesserungen vorzunehmen: „Ich möchte die Umstellungsprämie erhöhen, um den Öko-Einstieg zu erleichtern“, sagt er der Staatszeitung.
Das sind Ankündigungen, über die sich Helmut Ulmer, Geschäftsführer der Landesvereinigung für den Ökologischen Landbau in Bayern (LVÖ) freut. Allerdings schränkt er ein: „Als Unternehmer kann ein Landwirt nur auf etwas setzen, was schwarz auf weiß vorliegt. So lange keine echte Planungssicherheit herrscht, wird kaum einer umstellen.“ Auch für das Jahr 2013 rechnet Ulmer allenfalls mit bescheidenem Wachstum. „Die Zeit wird knapp, da die Umstellung auf ökologischen Landbau meist im Sommer beginnt.“
Von Brunners 2020-Paket verspricht sich Ulmer viel – vor allem von den Maßnahmen im Bildungsbereich. Auch Heidi Kelbetz, Sprecherin des Verbands Biokreis, begrüßt das Programm. Sie bescheinigt dem Freisstaat insgesamt „gute Umstellungsbedingungen“, gibt aber zu bedenken, dass das KULAP seine Förderungen nicht nur an Bio kopple. „Auch ein konventioneller Landwirt, der das Gras einen Monat länger auf der Wiese stehen lässt, bekommt Geld.“ Dazu kommt: Der Preisabstand zwischen konventioneller und biologischer Ware wird immer kleiner. „Vor allem weil die konventionelle teurer wird“, sagt Kelbetz. Warum sich also die Umstellung antun, „die immer mit Schwierigkeiten gekoppelt ist“? Laut einer Studie des Thünen-Instituts stellen viele Öko-Bauern Norddeutschlands sogar wieder auf konventionelle Landwirtschaft um. In Bayern gebe es das Problem weniger, sagt Kelbetz. Sie kenne aber Einzelfälle, wo Landwirte, die „von der Rendite enttäuscht“, dem Öko-Landbau den Rücken gekehrt haben.
Um den ökologischen Landbau in Bayern weiter voranzutreiben, müsse man noch stärker mit Förderungen arbeiten, glaubt Christian Magerl, umweltpolitischer Sprecher der Landtags-Grünen. In anderen EU-Ländern wie Österreich sei schließlich auch eine stärkere – und EU-konforme – Förderung möglich. Dort wie auch in Tschechien haben bereits 20 Prozent der Betriebe auf Öko umgestellt. In einzelnen Regionen Österreichs werden gar Quoten von über 50 Prozent erreicht.
„Dort gibt es auch kein Erneuerbares-Energien-Gesetz“, sagt Ulmer.  „Es ist irre, was an Flächen für Substrate für Biogas verwendet wird und gigantisch, wie viel damit erzielt werden kann“, ergänzt Kelbetz. „Baust du Mais an, dann hast du eben einen sicheren Ertrag.“ Aber auch der Flächenfraß habe in Bayern eine besondere Dimension, ergänzt Magerl. „Jährlich geht eine Fläche in der Größe des Chiemsees verloren. Mit der Flächenkonkurrenz sind auch die Pachtpreise stark angestiegen. Davon sind Bio-Bauern  besonders stark betroffen, da sie mehr Fläche benötigen.  „Im Schnitt erwirtschaftet ein Ökobetrieb 70 Prozent der Erträge wie ein konventioneller Betrieb derselben Größe“, erklärt Ulmer. Auch Brunner sieht in den hohen Pachtpreisen, „mögliche Hinderungsgründe“ für Umstellungswillige. Aber hier sei er hilflos: „Die Politik kann ja nicht direkt in die Märkte und die Pachtpreisgestaltung eingreifen.“
(Angelika Kahl)

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