Politik

Windräder sind ein Exportschlager. Foto: Dapd

23.09.2011

Ökonomie versus Ökologie

Baubranche und Kommunen gehören zu den Gewinnern der Energiewende – Verlierer sind dagegen die Verbraucher

Vor drei Monaten hat die Bundesregierung die Energiewende beschlossen. Die Aktienkurse der großen Energiekonzerne sind eingebrochen, Bayerns Verbraucher müssen bald mehr für ihren Strom zahlen. Doch wer profitiert eigentlich von der grünen Revolution? Eine erste Bilanz.

Seit die Bundesregierung vor etwas mehr als hundert Tagen den Atomausstieg beschlossen hat, sinken die Aktienkurse der großen Stromkonzerne. Und allein in Bayern könnten 100 000 Stellen in energieintensiven Branchen gestrichen werden. Und die Verbraucher müssen mit höheren Strompreisen rechnen. Düstere Prognosen.
Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Zahlreiche Firmen profitieren von der Energiewende, und selbst nach Ansicht von Unternehmerverbänden bietet sie langfristig eine Vielzahl von Chancen für die gesamte Wirtschaft. Denn die Energiewirtschaft in Deutschland steckt mitten im Umbruch: Zusätzliche Windräder und Solarparks müssen gebaut, neue Stromnetze entworfen, Gebäude energieeffizient gestaltet werden.
„Wir erleben gerade das größte industriepolitische Experiment, das Deutschland in den letzten Jahrzehnten in Angriff genommen hat“, sagt Bertram Brossardt, Vorsitzender der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft VBW. Er ist zuversichtlich, dass diese Herausforderung die bayerische Wirtschaft beleben kann. „Aber natürlich müssen sich viele Branchen erst einmal an die neue Zeit anpassen.“


Tschechien freut sich


Auch der Energieexperte der Gewerkschaft Verdi in Bayern, Jürgen Feuchtmann, glaubt, dass die Energiewende trotz der bevorstehenden Stellenverluste für Bayern auf lange Sicht eine Chance ist. Er fordert: „Die bayerische Politik muss jetzt schnell klare Rahmenbedingungen schaffen, damit sich Investoren an neue Projekte trauen und neue Stellen schaffen.“ Noch ist offen, wie sich alles entwickelt. Ein vorläufiger Überblick über Verlierer und Gewinner der Energiewende in Bayern:
Die großen Stromkonzerne. Die Aktienkurse der Unternehmen sind in den vergangenen Monaten eingebrochen, Filialen werden geschlossen, Arbeitsplätze gestrichen. Trotz allem ist der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) zuversichtlich, dass auch die großen Energieanbieter langfristig von der Energiewende profitieren. „Auch sie bewältigen diese Herausforderung. Der Industriestandort Deutschland braucht große Versorgungsunternehmen mit internationalem Gewicht.“ Verdi-Fachmann Feuchtmann bangt zwar um die Arbeitsplätze, doch auch er glaubt, dass die großen Unternehmen bald neue Stellen schaffen werden.
Düster sieht es dagegen für die Geldbeutel der Verbraucher aus: Bereits heute hat Deutschland nach Dänemark die höchsten Strompreise in der Europäischen Union. Eine von der VBW in Auftrag gegebene Studie sagt einen weiteren Anstieg um bis zu rund 50 Prozent bis 2023 voraus. Wirtschaftsminister Zeil fordert deshalb: „Energie darf für die Privathaushalte in keinem Fall zum Luxusartikel werden.“ Und: „Ich setze mich dafür ein, dass die Verbraucher nicht zu den Verlierern der Energiewende zählen.“ Eine konkrete Strategie fehlt aber noch.
Probleme gibt es beim Klimaschutz: Zwar wird in Deutschland schon bald deutlich weniger Atommüll anfallen, dafür kann die Bundesrepublik wegen der Energiewende seine Ziele wahrscheinlich nicht einhalten. Geplant ist, den jährlichen CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren. Doch Gaskraftwerke, die besonders viel Kohendioxid in die Luft pumpen, sollen einen Teil der AKWs ersetzen. Damit wird sich nach ersten Berechnungen der Kohlendioxid-Ausstoß in Bayern bis zum Jahr 2023 mehr als verdoppeln.
Natürlich profitieren Anbieter von Energietechnik und Energieforschung von der Energiewende. Auch die Hersteller von Biogasanlagen und von Solaranlagen erleben gerade einen Aufschwung. Elektriker haben deshalb mehr zu tun: Sie müssen immer häufiger Solaranlagen und Biogasanlagen in Privathaushalten installieren und warten.
Aber vor allem der energieeffiziente Umbau von Gebäuden ist eine Chance für das Handwerk. Von 2012 an sollen doppelt so viele Gebäudesanierungen im Jahr über Steuervergünstigungen gefördert werden wie bisher. Nicht nur die Baubranche hat etwas von davon, auch die Zulieferer, zum Beispiel die Hersteller von Isoliermaterialien, Glaser, Heizungsbauer, Klimatechniker und Installateure.
Doch dem Handwerk droht mit der Energiewende auch eine Gefahr: Teure Strompreise könnten die Wettbewerbsfähigkeit der bayerischen Unternehmen in Gefahr bringen. Wirtschaftsminister Zeil verspricht, auch hier zu helfen: „Ich werde mit Argusaugen darauf achten, dass die Bundesregierung ihrer Pflicht gegenüber der bayerischen Wirtschaft nachkommt und eine sichere und bezahlbare Energieversorgung garantiert.“
Die Kommunen: Städte und Gemeinden tragen von jetzt an mehr Verantwortung in der Energiepolitik, die städischen Stromanbieter spielen eine wichtige Rolle in der neuen Stromlandschaft. Denn erneuerbare Energie wird vor allem dezentral zur Verfügung gestellt. Die Kommunen müssen deshalb eigenständig neue Netze planen nach neuen Versorgungswegen suchen. Die Stadt München investiert zum Beispiel in einen großen Sonnenenergiepark in Spanien.
Die Nachbarländer freut der Atomausstieg Deutschlands. Durch die sukzessive Abschaltung der Kernkraftwerke wird im Freistaat von 2015 an Strom fehlen, befürchtet die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft. Schon heute ist Bayern kein Stromexporteur mehr, sondern Importeur. Im Jahr 2023 müssten nach Berechnungen derVBW 10 Prozent des Strombedarfs im Freistaat aus Ländern wie Tschechien importiert werden.
Vor allem kommt die Energiewende natürlich den Anbietern von Ökostrom zugute. „Das wird die Wirtschaft beleben, denn davon gibt es in Bayern viele“, sagt Wirtschaftsminister Zeil. Er glaubt, dass der Umbau der Stromversorgung für viele mittelständische Energieunternehmen in Bayern ein Innovationsschub ist: „Lösungen, die jetzt in Deutschland gefunden werden müssen, könnten sich zu Exportschlagern von morgen entwickeln.“
(Veronica Frenzel)

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