Politik

In keinem politischen Bereich des Freistaats ist der Frauenanteil geringer als in den Rathäusern. (Foto: Bilderbox)

08.05.2015

Platzhirsche im Rathaus

Nicht einmal neun Prozent der Bürgermeister/innen sind weiblich – 75 Rathauschefinnen diskutierten im Landtag, wie sich das ändern lässt

„Zieh doch mal ein nettes Kleidchen an“ – es ist erstaunlich, was sich Frauen in der Kommunalpolitik noch heute so anhören müssen. Sie sind immer noch eine äußert seltene Spezies. Die drei zentralen Hürden: männlich dominierte Parteistrukturen, überkommene Rollenbilder und die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Mandat. Das wollen Bayerns Bürgermeisterinnen nicht länger hinnehmen. Eine Idee: Jobsharing im Rathaus.

„An Bürgermoaster, der sich zum Biseln hihockt, brauch’ ma ned!“ Diesen Spruch fing sich doch glatt eine CSU-Frau mit Bürgermeisterin-Ambitionen unweit von Rosenheim von Parteikollegen ein. Zugegeben, das Ganze ist schon ein paar Jahre her. Allerdings: In Bayerns Rathäusern sind Frauen bis heute eine seltene Spezies. Weniger als neun Prozent der Bürgermeister/innen sind Frauen – es gibt gerade einmal 178 in den 2056 Gemeinden, Märkten und Städten des Freistaats. „Und jede von uns wurschtelt vor sich hin“, meint Christine Borst, CSU-Bürgermeisterin von Krailling. „Im Bereich Netzwerken haben wir große Defizite.“
Damit sich das endlich ändert, haben sich 75 Rathauschefinnen im Landtag getroffen – eine Premiere. Die Idee dazu hatte Bürgermeisterin Borst. „Nicht nur die amtierenden Bürgermeisterinnen müssen sich besser vernetzen. Wir sollten uns vor allem auch überlegen, wie wir weiblichen Nachwuchs gewinnen und besser fördern können“, sagt sie. Auf die Männer kann man da oft nicht zählen. Im Gegenteil: Vorurteile und überkommene Rollenbilder werden auch heute noch allzu gerne gepflegt. Das musste auch Brigitte Merk-Erbe (Freie Wählervereinigung) erfahren, die seit 2012 Bayreuth regiert. Als sie es in die Stichwahl schaffte, lästerte der damalige Bayreuther CSU-Landtagsabgeordnete Walter Nadler: „Die Wähler haben sich vom Äußeren der Kandidatin blenden lassen.“
Für Frauen in der Kommunalpolitik gibt es vor allem drei zentrale Hürden: männlich dominierte Parteistrukturen, überkommene Rollenbilder und die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Mandat. Das ist nicht nur das Ergebnis der Studie „Frauen führen Kommunen“ der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen (EAV), die die Vorsitzende Helga Lukoschat im Maximilianeum vorstellt. Das bestätigen auch die anwesenden Bürgermeisterinnen. Besonders erschreckend: „Seit 1990 stagniert der Frauenanteil in der Kommunalpolitik“, betont Expertin Lukoschat.

Seit 1990 stagniert der Frauenanteil in der Kommunalpolitik

Hauptursache: die männlich geprägte Kultur der Parteien, betont  Jürgen Busse, Geschäftsführer des Bayerischen Gemeindetags, der die Bürgermeisterinnen-Konferenz gemeinsam mit dem Bayerischen Städtetag organisiert. „Da muss ich mir nur meine eigene Partei ansehen“, bestätigt Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU), die 1972 als eine der ersten Frauen in den Würzburger Stadtrat einzog. In der CSU werde gerne gefragt: „Wie viele Plakate hast du überhaupt geklebt“ und „Wie oft bist du an Infoständen gestanden?“ „Frauen aber können einfach nicht so viel an Parteiarbeit vorweisen, vor allem, wenn sie Kinder haben“, sagt Stamm. Expertin Lukoschat bestätigt: „Die Parteisoldatin ist in der Kommunalpolitik eher weniger zu finden.“ 24 Prozent von Deutschlands Bürgermeisterinnen sind parteilos – vor allem auf dem Land, in Bayern traditionelle Hochburg der CSU und Freien Wähler. „Denn der innerparteiliche Nominierungsprozess ist ein echtes Nadelöhr“, so Lukoschat.
Auch Cornelia Irmer, bis 2014 Bürgermeisterin in Geretsried, ist parteiunabhängig und „absolute Quereinsteigerin“. Als die Industriekauffrau 2004 gebeten wurde, als Rathauschefin zu kandidieren, hat sie erst einmal abgelehnt. „Weil die aber keine Ruh gegeben haben, hab ich unter der Voraussetzung zugesagt, dass sich alle Parteien auf mich als Gegenkandidatin zum amtierenden CSU-Bürgermeister einigen.“ Das schaffen die eh nie, hatte sie gedacht. „Falsch gedacht“, sagt die 65-Jährige und lacht. Dann aber musste sie sich erst mal von „den alten Hasen“ in ihrem Wahlkampfteam anhören: „Sie kommen zu tough rüber, die Männer haben ja Angst vor Ihnen.“ Der Rat: Einfach mal einen hübschen Rock anziehen oder ein nettes Kleid. Irmers Antwort: „Nehmt mich wie ich bin oder ich lasse es!“
Nicht selten kommen Frauen als Verlegenheitskandidatinnen ins Amt, erklärt Lukoschat. „Weil halt grad niemand anderes da ist.“ So war es auch bei Brigitte Servatius, als sie 2002 SPD-Bürgermeisterin der Gemeinde Gauting wurde. „Weil sich damals keiner traute, gegen den beliebten CSU-Amtsinhaber anzutreten, hat man mich gefragt“, erzählt die 70-Jährige. 2014 folgte Servatius, die aus Altersgründen nicht mehr kandidierte, ebenfalls eine Frau ins Amt – aus der CSU. „Ich habe damals eine Wahlempfehlung für sie abgegeben“, sagt die SPD-Frau. „Denn der männliche Kandidat war einfach nicht tragbar.“

In der Wirtschaft ist Job-Sharing ja auch selbstverständlich

Solidarität unter Frauen – auch über Parteigrenzen hinweg –, das ist ein wichtiges Anliegen an diesem Tag. Künftig wollen sich Bayerns Bürgermeisterinnen einmal im Jahr zum Austausch treffen. Und Strategien entwickeln, wie junge Frauen für die Kommunalpolitik gewonnen werden können. „Wir müssen den Frauen Mut machen, dass die Aufgabe zu bewältigen ist“, betont Cornelia Irmer. Und Merk-Erbe ergänzt: „Das Gefühl, immer besser vorbereitet sein zu müssen, hat es mir schwer gemacht.“ Das müsse man abstellen. Und noch einen wichtigen Tipp hat Merk-Erbe: „Schützen Sie sich vor zu vielen Terminen, man muss nicht jede Kunstausstellung selbst eröffnen.“ Auch Irmer sagt: „Schauen Sie, dass es Ihnen selbst gut geht.“ Ein Wochenende im Monat habe sie sich frei gehalten und zwei Mal im Jahr konsequent Urlaub gemacht – allerdings erst nach einem „gewaltigen Hörsturz“. Damals war sie drei Jahre im Amt.
Und dann ist da noch die ungewöhnliche Idee von Expertin Lukoschat, dass man sich das Bürgermeister/innen-Amt doch auch  teilen könnte. Und tatsächlich sind viele von dem Vorschlag angetan. „Warum sollte Job-Sharing, in der Wirtschaft selbstverständlich, in der Politik nicht funktionieren, auch wenn es dazu Gesetzesänderungen braucht?“, fragt etwa Bürgermeisterin Borst. „Auch Männer wollen heute schließlich mehr Zeit für die Familie.“ Sie fürchtet, dass es bald keine guten Leute mehr geben könnte, die den Job überhaupt machen wollen. „Also warum nicht mal neue Wege gehen?“ (Angelika Kahl)

Foto: Warum sich das Amt nicht teilen? Christine Borst, CSU-Bürgermeisterin von Krailling ist offen für neue Ideen; BSZ

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Kommentare (1)

  1. Rottmann am 18.05.2015
    Guten Tag,

    Frau Dr. Lukoschat ist Vorsitzende der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft - die EAF Berlin.
    Nicht - wie behauptet - Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Frauen.
    Gruß
    rottmann

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