Politik

„Er ist jetzt ein sehr gerupfter Adler“ - in der CSU glaubt trotzdem keiner an einen Rücktritt zu Guttenbergs. (Foto: dapd)

25.02.2011

Ramponierter Hoffnungsträger

Die Plagiats-Affäre um Karl-Theodor zu Guttenberg zeigt: Tricksen und täuschen wird gesellschaftsfähig

Am Tag 1 nach Guttenbergs „Blödsinn“-Beichte in Hessen ist die CSU willens, zur Tagesordnung überzugehen. Ein freudestrahlender Fraktionspressesprecher marschiert durch den Landtag und fasst die Stimmung der CSU-Abgeordneten mit dem Wort „super“ zusammen. Der Fraktionschef Georg Schmid dekretiert, die Affäre um den erschlichenen Doktortitel des selbsterklärten Werte- und Disziplinfanatikers zu Guttenberg „ist ausgestanden“. Eine Parole, die auch nach der Entscheidung der Uni Bayreuth gilt, Guttenberg den Doktortitel wegen erwiesener Plagiatsvorwürfe zu nehmen.
Bei den Bürgern wiederum scheint das Delikt Tarnen und Täuschen als minderschweres Vergehen zu gelten – auch dann, wenn ein amtierender Verteidigungsminister geschummelt hat. Eine aktuelle Infratest-Dimap-Umfrage im Auftrag der ARD ergab: 73 Prozent der Bürger sind zufrieden mit Guttenbergs Arbeit. Erstaunlicherweise sagen das selbst 71 Prozent der SPD- und 61 Prozent der Grünen-Anhänger. Und eine Stern-Umfrage ergab jetzt: Für die große Mehrheit der Bürger (70 Prozent) hat sich an ihrem Vertrauen zu Guttenberg nichts geändert.
Das CSU-Orakel Heinrich Oberreuter betont, Guttenberg gehe in seiner Partei nach wie vor als „Hoffnungsträger“ durch. Wenn Guttenberg die Bundeswehrreform „ordentlich“ durchziehe und sich beim Thema Afghanistan profiliere, prophezeit der Politologe, „dann wird der Schatten sukzessive verblassen“.
Alles kein Problem also für die CSU? „Entsetzt ist man schon, und auch enttäuscht“, räumt ein prominentes Mitglied der Landtagsfraktion ein. Vor allem das Krisenmanagement des Verteidigungsministers, sein rasanter Schwenk von der Offensive („abstruse Vorwürfe“) in die Defensive („ich entschuldige mich“) samt der missglückten Pressekonferenz in Berlin vergangene Woche sorgen für Kopfschütteln. Dass die Bürger dem Verteidigungsminister aber anscheinend alles nachsehen, nimmt man in der CSU mit einer Mischung aus Erstaunen, Neid und Bewunderung zur Kenntnis. „Er ist jetzt ein sehr gerupfter Adler“, sagt ein CSU-Statege – auch wenn Guttenberg bei den Bürgern nach wie vor beliebt sei. Klar sei, dass der selbstbewusste Guttenberg „jetzt etwas demütiger durch die Landschaft gehen muss“.

Seehofer ist plötzlich wieder unangefochten


Zupass kommt der gedeckelte Guttenberg vor allem einem: Horst Seehofer. Denn parteiintern steht Seehofer nach dem Plagiats-Debakel plötzlich wieder unangefochten an der Spitze. Das Geraune um eventuelle Ambitionen Guttenbergs auf den Parteivorsitz dürfte verstummen; jedenfalls gilt nun als ausgeschlossen, dass Guttenberg beim Parteitag in diesem Jahr als CSU-Chef antritt. Und beim heiklen Thema Bundeswehrreform dürfte die Forschheit des Verteidigungsministers zu Guttenberg zumindest in Bayern spürbar gebremst sein – nachdem Seehofer genüsslich wissen ließ, dass er seinen Schützling vorm Rücktritt bewahrt hat.
Frohlocken dürften auch zu Guttenbergs parteiinterne Konkurrenten, allen voran der ambitionierte Umweltminister Markus Söder. Er hat Guttenberg nun zwar nicht in puncto Beliebtheit überflügelt, hat diesem aber immerhin den Doktortitel voraus – und keine vergleichbar peinliche Affäre am Bein.
Dass Guttenberg im Amt bleibt, bezweifelt in der CSU inzwischen niemand mehr. Dabei steht nach wie vor der Vorwurf des Amtsmissbrauchs im Raum, weil Guttenberg Expertisen des wissenschaftlichen Dienstes im Bundestag in seine Doktorarbeit eingebaut hat – ohne dies kenntlich zu machen. Zudem ist nicht abschließend geklärt, ob die Universität Bayreuth noch prüfen lässt, ob Guttenberg Zitierpflichten mit Vorsatz verletzt hat.
Führende CSU-Leute winken indes ab: „Weder CDU noch CSU haben Interesse an einem Rücktritt Guttenbergs“, heißt es. Selbst ein beschädigter Guttenberg sei „besser als irgendein Durchschnitts-CSU-ler“. Und dass ein „bescheidener“ Guttenberg allen lieber sei als ein zurückgetretener. Denn der müsste keine Rücksichten mehr auf Parteibefindlichkeiten nehmen und könnte als freies Radikal seine – zweifellos beachtete – Meinung stets unverblümt zum Besten geben. (Waltraud Taschner)

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