Politik

16.07.2010

Regierungsjubel und Oppositionsfrust

Der Landtag debattiert vor der Sommerpause übers dreigliedrige Schulsystem, das allein die CSU gut findet

Der jüngste Ländervergleich zur Sprachkompetenz der Schüler in Deutschland hat Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) zu einem Loblied auf die bayerische Bildungspolitik animiert. Der Spitzenplatz Bayerns in allen Schularten bestätige eindrucksvoll die Leitlinien der Bildungspolitik, sagte Spaenle in einer Regierungserklärung vor dem Landtag. Bayern eröffne mit seinem durchlässigen Schulsystem Bildungschancen für alle. So seien bayerische Schüler mit Migrationshintergrund mit die besten in Deutschland. „Das differenzierte bayerische Bildungswesen ist herausragend leistungsstark und bietet einen besonderen Chancenreichtum“, urteilte Spaenle.
Von den Ergebnissen bestätigt sah er zudem das dreigliedrige Schulwesen. Der Ländervergleich sei eine „schallende Ohrfeige für alle Propheten der Einheitsschule“.


Bei allem Jubel erlaubte sich Spaenle aber auch kritische Zwischentöne. So gebe es weiter signifikante Leistungsunterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund sowie bezüglich ihrer sozialen Herkunft. „Damit finden wir uns nicht ab“, betonte der Minister. Man werde am eingeschlagenen Kurs mit Qualität, Differenzierung und Durchlässigkeit festhalten und die individuelle Förderung stärken. Dazu werde unter anderem das am Gymnasium erfolgreiche Modell der Intensivierungsstunden auch auf Haupt- und Realschulen übertragen, der Ausbau der Ganztagesschulen massiv fortgesetzt und die Schülerzahl in Klassen mit hohem Ausländeranteil auf 25 begrenzt.


In das Loblied nicht einstimmen wollte SPD-Bildungsexperte Hans-Ulrich Pfaffmann. Das erfreulich gute Abschneiden der bayerischen Schüler im Bereich Sprachkompetenz tauge nicht „für eine Lobhudelei des gesamten bayerischen Bildungswesens“. Dies dennoch zu tun, „grenzt fast an Volksverdummung“, so Pfaffmann. Das Grundproblem seien weiterhin die regionalen und sozialen Disparitäten bei den Bildungsabschlüssen. Änderungen dort stünden die starre Dreigliedrigkeit und das damit verbundene Aussortieren der Schüler entgegen.
Als „unlauter“ bezeichnete es Pfaffmann, den Ländervergleich zur Abrechnung mit alternativen Schulmodellen zu nutzen. Mit Sachsen und Rheinland-Pfalz lägen zwei Länder mit Bayern praktisch gleichauf, in denen es zweigliedrige Systeme oder eine längere gemeinsame Schulzeit gebe.

Kein Grund zum Jubeln seien zudem die Fortschritte beim Ausbau der Ganztagesangebote. Der Zuwachs von 206 Ganztagesklassen im kommenden Schuljahr entspreche bei bayernweit knapp 53 000 Klassen einem Plus von 0,3 Prozent. „Lassen Sie die Jubelorgien sein, lösen Sie lieber die Probleme“, rief Pfaffmann dem Minister zu.
Erheblich größere Anstrengungen beim Ausbau der Ganztagesangebote forderte Thomas Gehring (Grüne). „Individuelle Förderung findet heute am Nachmittag bei den Müttern und den Nachhilfelehrern statt“, erklärte er.

Dieser Umstand verschlechtere die Chancen von Kindern aus sozial schwachen oder bildungsfernen Familien. Eva Gottstein (Freie Wähler) forderte ein Ende der Schulstrukturdebatten. Man brauche mehr Lehrer und kleinere Klassen, zudem müsse eine echte regionale Schulentwicklung zugelassen werden. Mehr Konkurrenz der Schulen untereinander führe zu mehr Qualität, so Gottstein.
Die zentrale Herausforderung an die Bildungspolitik ist nach Ansicht von Renate Will (FDP) die gerechtere Verteilung von Bildungschancen.

An der Lösung dieses Problems müssten sich alle Bildungsreformen der Zukunft messen lassen. Die CSU/FDP-Koalition habe seit ihrem Amtsantritt bereits Vieles auf den Weg gebracht. Weit größeres Augenmerk müsse aber noch auf die frühkindliche Bildung gelegt werden. „Jeder hier investierte Euro bringt eine Rendite, von der Banker nur träumen können“, sagte Will. (Jürgen Umlauft)

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