Politik

Ultras im Stadion: Die Dialogforen starten zunächst für vier Proficlubs, unter anderem dem FC Bayern und Nürnberg. (Foto: dpa)

17.04.2014

Rote Karte für Chaoten

Innenminister Herrmann will mit Dialogforen und Schlichtungsstellen gewalttätige Fußballfans in den Griff bekommen.

Samstag, 22. März gegen 22 Uhr, Hauptbahnhof Nürnberg. Mit dem Zug kommen Fans des FC Bayern München vom Auswärtsspiel ihres Clubs in Mainz an. Zur Weiterreise müssen sie umsteigen. In der Haupthalle des Bahnhofs werden sie von rund zwei Dutzend Anhängern des an diesem Tag spielfreien 1. FC Nürnberg erwartet. Es kommt zur Massenschlägerei der rivalisierenden Fangruppen mit zahlreichen Verletzten. Die Polizei ist nach eigenen Angaben von den Ereignissen „völlig überrascht und überrollt“. Vermutet wird, dass die Randale verabredet war. Zumindest lassen darauf auch Einträge in den einschlägigen „Ultra“-Foren im Internet schließen.

Im Dialog mit den Fans Konflikte zeitig entschärfen

Donnerstag, 10. April, wieder Nürnberg. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann stellt gemeinsam mit dem Präsidenten des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV), Rainer Koch, die neuen „Dialogforen Fußball und Sicherheit“ vor. Sie starten zunächst für die beiden Münchner Profi-Clubs FC Bayern und TSV 1860 sowie für den 1. FC Nürnberg und die SpVgg Greuther Fürth. Es ist das bundesweit erste Pilotprojekt mit speziellen Schlichtungsstellen, die den Dialog mit den Fußballfans intensivieren sollen. Herrmann erklärt, die Foren seien ein „Angebot an Verbände, Vereine, Fans, Städte und Polizei, um Konflikte frühzeitig zu entschärfen und Verständnis, Akzeptanz sowie Vertrauen zu fördern“. Gemeinsam mit den Fans wolle man für mehr Sicherheit beim Fußball sorgen und „gewalttätigen Chaoten die Rote Karte zeigen“.
Die Foren sind ein neuer Versuch, die von einigen wenigen verursachte Gewaltproblematik im Umfeld des Profi-Fußballs in den Griff zu bekommen. Der Fall vom Nürnberger Hauptbahnhof ist in Bayern nur der jüngste in einer langen Kette. Betroffen waren zuletzt weniger die Stadien selbst als vielmehr die Anfahrtswege der Fans. Laut Klaus Papenfuß, dem Sprecher der Bundespolizei-Direktion München, macht den Beamten gerade dieser „Unterwegsverkehr“ inzwischen die meiste Arbeit. „Die Fußballfanbegleitung beschäftigt die Bundespolizei jeden Tag, damit sind wir am längsten beschäftigt“, erklärt er.
Bei der bayerischen Polizei hatte sich die Lage zuletzt etwas entspannt. Kamen die Beamten in der Saison 2011/12 noch auf über 221 000 Einsatzstunden bei den acht bayerischen Proficlubs in 1., 2. und 3. Liga, reduzierte sich die Stundenzahl in der Saison 2012/13 auf gut 205 000 Stunden. Für die aktuelle Serie liegen noch keine Daten vor. Besonders im Auge haben die Beamten die Ultra-Gruppen, die laut Innenministerium „zunehmend aggressiv und gewalttätig gegenüber Ordnungsdiensten und Polizei“ aufträten. In Bayern gebe es etwa 1100 Personen, die in der bundesweiten Datei „Gewalttäter Sport“ registriert seien.

Postpubertäres Geprotze in den Chats der Ultras

Ob die Schlichtungsstellen wirklich helfen, muss sich noch weisen. Denn die Ultra-Gruppierungen und deren gewaltbereite Ableger sind auf staatliche Stellen oder die Fan-Beauftragten der Vereine nicht gut zu sprechen. Ein Blick in die Internet-Foren der Ultras, in denen jede noch so kleine Klopperei mit Datum und Beteiligten aufgeführt ist, zeichnet ein klares Bild. In den Chats geht es um postpubertäres Stärkegeprotze, um Provokation und Fäusteschwingen und um diebische Freude über überforderte Polizisten.
Auch im Innenministerium weiß man, dass diese Trupps den „konstruktiven Dialog verweigern“. Wenn Herrmann nun erläutert, in den neuen Dialogforen sollten vor allem „grundlegende Sachverhalte“ wie Konflikte mit der Polizei, Probleme bei der An- und Abfahrt oder die Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen besprochen werden, schwingt viel Hoffnung mit. Und die stirbt bekanntlich gerade im Fußball immer zuletzt. (Jürgen Umlauft)

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