Politik

In Bayern beginnen am heutigen Freitag die Abiturprüfungen. Kann man im Freistaat bald wie in Hessen zwischen G8 und G9 wählen? (Foto: dpa)

10.05.2013

Rückabwicklung eines "Erfolgsmodells"?

Hessen macht vor, wie eine Wiedereinführung des G9 aussehen könnte

Der Streit ums G8 schwelt in Bayern nun schon seit fast zehn Jahren, nun wollen die Freien Wähler ihm per Volksbegehren ein Ende setzen. Was beim Thema Studienbeiträge schon geklappt hat, soll auch hier die politische Kehrtwende bringen, die zumindest teilweise Rückkehr zum G9. Das Nachbarland Hessen ist schon einen Schritt weiter – auch ohne Volksbegehren.

„Das hätte ich vor einem Jahr noch nicht zu träumen gewagt“, sagt Knud Dittmann. Als Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) im Juni 2012 ankündigte, dass sich Schulen künftig für ein G9-Modell entscheiden könnten, war das auch für den Vorsitzenden des Hessischen Philologenverbandes eine Überraschung – „aber eine gute“, wie er betont. Dittmann selbst musste nicht lange überlegen, wie er sich als Schulleiter der Ricarda-Huch-Schule in Dreieich entscheiden sollte: Mit dem G8 hat er sich nie so richtig angefreundet, und so kehrt sein Gymnasium zurück zum G9, und zwar komplett. „So viel Beifall habe ich in meiner ganzen Zeit als Schulleiter noch nie erhalten wie auf diese Entscheidung“, erzählt Dittmann. Kollegium und Eltern seien froh gewesen, dass die Kinder künftig mehr Zeit haben sollten zum Lernen – aber auch für andere Dinge. „Zum Erwachsenwerden gehört nicht nur Schule“, ist Pädagoge Dittmann überzeugt.
Dabei gab es in Hessen immer auch die Möglichkeit, in neun Jahren aufs Abi zuzusteuern, nämlich an den integrierten Gesamtschulen. Integrierte Gesamtschulen sind Schulen, an denen Schüler mit Haupt- oder Realschul- oder Gymnasialempfehlung gemeinsam unterrichtet werden. An den so genannten kooperativen Gesamtschulen, an denen nach Schularten getrennt unterrichtet wird, wurde im Gymnasialzweig zunächst auf die achtjährige Schulzeit umgestellt, dann eine Rückkehrmöglichkeit eingeräumt.
Die Neuerungen zum kommenden Schuljahr betreffen also ausschließlich die reinen Gymnasien, von denen es in Hessen insgesamt 107 gibt. „Eltern kennen die Bedürfnisse und Begabungen ihrer Kinder am besten. Daher ist eine erweiterte Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 auch für die Gymnasien folgerichtig“, so eine Sprecherin im Hessischen Kultusministerium. Das ändere jedoch nichts daran, „dass die gymnasiale Schulzeitverkürzung in Hessen mit einer Vielzahl unterstützender Maßnahmen erfolgreich eingeführt wurde.“ Trotz des relativ kurzen Vorlaufs haben sich 40 Gymnasien für eine vollständige Rückkehr zum G9 entschieden. Elf weitere Schulen nehmen am Schulversuch teil, der ein Parallelangebot von G8 und G9 ermöglicht. „Etliche dieser Gymnasien haben jetzt Mühe, den achtjährigen Zweig vollzukriegen“, meint Knud Dittmann. Im Zweifel müsse die Schule dann gegen den Elternwillen entscheiden, und das sei ja gerade nicht im Sinne der Reform.

Wer schneller lernt, soll das auch dürfen


Die organisierte Elternschaft ist sich offenbar nicht ganz einig über die Bewertung. Während der Landeselternbeirat die Entwicklung begrüßt, sagt Claudia Kott, Vorsitzende des Hessischen Elternvereins: „Viele, die sich für das G8 eingesetzt haben, sind jetzt verärgert.“ Sie verstehe, dass sich die Landesregierung letztlich dem öffentlichen Druck gebeugt habe. Aber schon bisher führten in Hessen so viele Wege zur Allgemeinen Hochschulreife, dass es  keinen Grund gegeben habe, wieder umzuschwenken. „Wer schneller lernt, soll das auch dürfen“, findet Kott. Von einem Parallelangebot an einer Schule hält Kott nichts: „Damit sind die Schulen doch technisch und organisatorisch überfordert.“
Die Herderschule in Gießen hat sich dennoch für das Parallelangebot entschieden und nicht wie die anderen beiden Gymnasien in Gießen ganz fürs G9. „Wir wussten nicht, wie sich die Situation entwickelt und wollten natürlich unsere Schülerzahlen halten“, sagt der stellvertretende Schulleiter Stefan Tross. Der Vorteil seiner Schule: Als „selbständige Schule“ verfüge man über mehr Entscheidungsspielraum und zusätzliche Mittel, so dass auch mal eine Klasse mit nur 20 Kindern geführt werden könne. Da die Schule ohnehin ein sehr vielfältiges Angebot habe mit bilingualem Unterricht und Kursen ab Klasse 7, falle die Organisation des parallelen Angebots nicht ins Gewicht. Nach den Vorgaben des Kultusministeriums werden im Schulversuch die Jahrgänge 5 und 6 zunächst nach dem G8-Konzept unterrichtet, erst in der siebten Klasse trennen sich die Wege. Eine Einschätzung sollen die Eltern jedoch schon vor dem Start ins Gymnasium angeben. Von 162 künftigen Gymnasiasten an der Herderschule wurden 40 von ihren Eltern fürs G8 angemeldet.
An rund der Hälfte aller hessichen Gymnasien wird es also zum Schuljahr 2013/14 wieder Fünftklässler geben, die neun Jahre bis zum Abitur vor sich haben. Das soll jedoch keine Rückkehr zum Status Quo sein, betont das Kultusministerium. „Wir halten zum Beispiel daran fest, die zweite Fremdsprache schon in der sechsten Klasse einzuführen. Schule hat sich verändert, und dem tragen wir Rechnung“, sagt Knud Dittmann. Die bisherigen Gymnasiasten werden jedoch beim G8 bleiben – auch wenn schon 30 000 Unterschriften dafür gesammelt wurden, zumindest den jetzigen Fünft- und Sechstklässlern auch ein Jahr mehr angedeihen zu lassen. Weil man Klagen der G8-Fans unter den Eltern fürchtet, wird es im Sinne des Vertrauensschutzes hier wohl keine Öffnung mehr geben.
Das letzte Wort ist ohnehin noch nicht gesprochen: Die Möglichkeit zum Umschwenken bleibt auch weiter bestehen. Am Frankfurter Riedberg-Gymnasium etwa will man sich in Ruhe überlegen, wie ein G9-Konzept aussehen könnte und sich erst dann entscheiden. Auf jeden Fall werde es eine klare Entscheidung, sagt Schulleiter Helmut Kühnberger. „Für mich stehen die Kinder im Mittelpunkt, egal unter welchen Rahmenbedingungen.“
Wie die künftige Schullandschaft in Hessen aussieht, ist also offen. Vielleicht bleiben am Ende nur vereinzelte achtjährige Angebote übrig. Damit könnte Schulleiter Dittmann gut leben und spricht wohl manch bayerischem Kollegen aus der Seele mit seinem Wunsch: „Man soll uns genügend Lehrer zuweisen, und dann würden wir gern endlich mal in Ruhe unsere Arbeit tun.“ Vielleicht aber kommt auch alles ganz anders, denn auch in Hessen sind im Herbst Landtagswahlen. (Anke Sauter)

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