Politik

Unterrichtsfach Islamkunde in Bayern: Es geht auch um alltägliche Fragen rund um die Religion. (Foto: dpa)

31.08.2012

Salam, Herr Lehrer

An über 250 bayerischen Schulen gibt es Islam-Unterricht – Kultusminister Spaenle (CSU) möchte ihn ausweiten

Wie beten Muslime, warum fastet man im Monat Ramadan, wie hat der Prophet Mohammed gelebt und was steht überhaupt im Koran? Seit Jahrzehnten wird in Deutschland darüber diskutiert, wie ein islamischer Religionsunterricht aussehen könnte. In Bayern läuft hierzu bundesweit der größte Schulversuch. Rund 11 000  Mädchen und Buben nehmen an über 250 öffentlichen Schulen an einem Islam-Unterricht teil. Das sind etwa zehn Prozent der derzeit 110 000 muslimischen Schüler im Freistaat, die wiederum rund 8,2 Prozent der Gesamtzahl der Schüler an allgemeinbildenden Schulen in Bayern ausmachen. Das bayerische Modellprojekt startete im Schuljahr 2009/2010 und ist auf insgesamt fünf Jahre angelegt.
Bereits 1986 wurde in Bayern der Islam-Unterricht an einigen Grund- und Hauptschulen eingeführt – damals als „religiöse Unterweisung in türkischer Sprache“. Die Lehrer kamen meist aus der Türkei und unterrichteten im Freistaat für einen auf fünf Jahre befristeten Zeitraum nach dem so genannten Entsendeverfahren. Der Unterricht fand häufig am Nachmittag außerhalb der regulären Unterrichtszeiten statt.


Spaenle: „Ein wesentlicher Beitrag zur Integration“


Heute wird Islamkunde auf Deutsch unterrichtet – unter staatlicher Aufsicht und von staatlich geprüften Lehrern in der regulären Unterrichtszeit. Während die Klassenkameraden den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht oder das Fach Ethik besuchen, lernen muslimische Kinder und Jugendliche etwas über die eigene Religion. Dieser Unterricht hat an den Modellschulen den gleichen Stellenwert wie die katholische und evangelische Religionslehre.  Mit einem Unterschied: Im Rechtssinne ist er kein konfessioneller Unterricht. Es geht mehr um die Vermittlung theoretischer Information unter Einfluss von Glaubensinhalten als um aktive Glaubenspraxis. Für einen bekenntnisorientierten Islam-Unterricht – einen echten Religionsunterricht also, wie er seit gut zwei Wochen erstmals an nordrhein-westfälischen Grundschulen angeboten wird –, sehe er im Freistaat keine Chance, sagt Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). Nicht etwa, weil er per se inhaltliche Vorbehalte gegenüber einem echten islamischen Religionsunterricht hätte. Im Gegenteil: „Ich halte ihn durchaus für wünschenswert“, sagt Spaenle der Staatszeitung, „aber für verfassungsrechtlich bedenklich.“
Nach Artikel 7 des Grundgesetzes hat jede Glaubensrichtung Anspruch auf Religionsunterricht. Doch Absatz 3 legt auch fest, dass dieser „in Übereinstimmung mit den Religionsgemeinschaften“ erteilt werde. Hier sieht Spaenle das Problem: „Es gibt keine islamische Kirchenorganisation, die verbindlicher Ansprechpartner sein könnte“, erklärt der Kultusminister. Der Islam gliedert sich vielmehr in verschiedene Strömungen und Rechtsschulen, die von jeweils ganz unterschiedlichen Verbänden repräsentiert werden.
In Nordrhein-Westfalen wählte die Landesregierung mit Mitgliedern der größten islamischen Verbände einen Beirat, der nun als Ansprechpartner fungiert. Auch Niedersachsen will im nächsten Jahr diesen Weg gehen. Doch mit „der Hilfskonstruktion der Beiratslösung“ sieht Spaenle seine verfassungsrechtlichen Bedenken keineswegs ausgeräumt. Kritik kommt auch aus Juristenkreisen, die monieren, dass der Staat quasi an der Gestaltung des Religionsunterrichts beteiligt sei. Hinzu kommt: In Nordrhein-Westfalen gibt es bislang weder Lehrpläne noch Lehrbücher für den neuen islamischen Religionsunterricht.
Die Lehrpläne  für den Islamunterricht in Bayern wurden bereits im Jahr 2004 von einer Kommission erstellt. Auch Saphir – Religionsbuch für junge Musliminnen und Muslime, die erste deutschsprachige Unterrichtsreihe für Islamkunde beziehungsweise Islamischen Religionsunterricht an Schulen in Deutschland wurde in Bayern entwickelt. Religiös neutrale Religions- und Islamwissenschaftler haben dabei ebenso mitgewirkt wie Vertreter des Kultusministeriums und islamische und  evangelische Theologen und Religionspädagogen. Maßgeblich beteiligt war auch das Interdisziplinäre Zentrum für islamische Religionslehre (IZIR) der Universität Erlangen-Nürnberg, das Professor Harry Harun Behr, bis 2006 selbst als Grund- und Hauptschullehrer in München tätig, leitet. Ihm zufolge leistet Islamunterricht an bayerischen Schulen auch einen großen Beitrag zur Integration. Denn er soll jungen Muslimen  „helfen, im Rahmen der freiheitlichen und rechtsstaatlichen Grundordnung ihre eigene religiöse Identität in unserer Gesellschaft zu reflektieren und zu stärken“.
Auch Kultusminister Spaenle betont, dass der Islam-Unterricht wesentlich zur Integration beitragen könne. Er würde ihn in Bayern gerne zur Dauereinrichtung machen. Auch über die inhaltliche Ausrichtung sei noch nicht das letzte Wort gesprochen – im Gegenteil: „Ich sehe eine große Notwendigkeit, diese Debatte weiter zu führen“, sagt Spaenle der BSZ. Dass Bayerns Muslime  Teil der Gesellschaft seien, müsse sich auch im Schulalltag widerspiegeln.
Martin Güll,  bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, beschäftigt ebenfalls die Frage, wie das bayerische Schulsystem  den verschiedensten Kulturen gerecht werden könne. Allerdings sieht er für einen flächendeckenden Islam-Unterricht im Freistaat zwei Probleme. „Wie will man diesen im ländlichen Raum sicherstellen?“, fragt er. „Und noch wichtiger: Wer soll unterrichten? Es fehlen ausgebildete Lehrer.“


Noch fehlt es in Bayern an ausgebildeten Lehrern


Tatsächlich besteht hier noch Nachholbedarf. Bayernweit sind aktuell 100 Islam-Lehrer im Einsatz. Rund die Hälfte davon sind Lehrkräfte aus der Türkei, die aufgrund des früheren Entsendeverfahrens kamen. Diejenigen mit guten Deutschkenntnissen werden nun weiterbeschäftigt. Spaenle sieht den Freistaat  aber auch in Sachen Lehrerbildung auf „einem guten Weg“. In Erlangen-Nürnberg werden seit 2002  islamische Religionslehrkräfte ausgebildet. Und im Herbst startet dort der neue größere Studiengang Islamisch-Religiöse Studien. Rund 20 Erstsemester erwartet die Uni. Spaenle verspricht: „Die Weichen sind  gestellt, dass Islamkunde in Bayern ein ordentliches Schulfach wird.“
(Angelika Kahl)

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