Politik

Wie im richtigen Leben: Söder (Stephan Zinner, l.) und Seehofer Christoph Zrenner im Clinch. (Fotos: dpa, BR)

21.03.2014

Schlichten, schlucken, schwitzen

Beim Derblecken am Nockherberg gibt sich Mama Bavaria diesmal zahm – im Singspiel kriegen Seehofer & Co dafür genug Fett ab

Am Ende sitzt der Deifi jedem im Nacken und alle haben ihre Seele verkauft – für die Macht. Die Politiker tanzen mit kleinen Teufeln auf dem Buckel auf der Nockherberg-Bühne – das ist ihre Version von Goethes Faust. Zu mehr als einem Fast Faust nämlich hat es nicht gereicht – zu groß war die Konkurrenz um die besten Rollen. Horst Seehofer wollte natürlich gleich alles sein: Regisseur, Faust, Mephisto und sogar das Gretchen. „Ich spiele dem Wähler seit 30 Jahren etwas vor“, gesteht er. Und dann singt Seehofer-Double Christoph Zrenner: „Regieren ist am schönsten und am besten ganz allein.“ Ein Ego-Trip, der im Chaos enden musste. Schließlich zeichnen sich auch Markus Söder (Stephan Zinner) und Ilse Aigner (Angela Ascher) nicht durch Bescheidenheit aus. Und dann ist da ja auch noch Ude „Mephistiaaaaan“, zu dessen Abschied und Ehren eine echte Schauspieltruppe eigentlich den Original-Faust geben wollte, bevor Seehofer mitten in die Aufführung platzt.

Anton Hofreiter mit umgeschnallten Wanst und Walle-Perücke


Das Singspiel von Autor Thomas Lienenlücke und Regisseur Marcus H. Rosenmüller ist ein Riesenspektakel – grotesk und voller Knaller. Im vergangenen Jahr  hatten sie schon mit ihrer Nockherberg-Premiere begeistert, das Singspiel von platten Comedy-Gags befreit. Und heuer: Überzeugten sie erneut, es gab großartige Momente. Etwa als Bühnen-Söder Zinner versehentlich und mit großem Getöse Engerl Anton Hofreiter herbeizaubert. Der Grünen-Fraktionschef im Bundestag hatte heuer sein Debüt auf dem Nockherberg – was zeigt, dass er jetzt auch wichtig ist. Auf der Bühne stand er in Gestalt von Wowo Habdank mit umgeschnalltem Wanst, blonder Walle-Perücke und Harfe.
Auch schön: wie SPD-Bayern-Chef Florian Pronold (Stefan Murr) zu Beginn den schüchternen Ude-Lehrling gibt, um dann bei Mephisto seine Seele gegen Charisma einzutauschen und zu rappen: „Ach wie gut dass niemand weiß, dass ich Florian Pronold heiß.“ Söder wiederum steht längst seelenlos rum. Ude zu Söder: „Ich denke, dass ich helfen kann, mein Name ist Mephistian! Ich bekomme jetzt Ihre Seele.“ Söder: „Die hat der Seehofer schon längst.“ Ude lapidar: „Dann den Gegenwert von 5,90 Euro.“

Hommage an Christian Ude


Mitreißend die Spielfreude der Truppe – wie sie hinterfotzig, durchtrieben, machtgeil und auch mal anbiedernd wie der Bühnen-Söder auf der Bühne poltert. Zinner spielt schon längst außer Konkurrenz – so beeindruckend komisch gibt er den Finanzminister. Und auch Zrenner alias Seehofer punktet mit Sottisen wie: „Chef, du spielst auch das Gretchen? Wäre das nicht eine Rolle für die Ilse gewesen?“, fragt Söder. Seehofers Antwort: „Die Ilse war in den letzten Wochen nicht ganz textsicher.“
„Richtig stark war das“, schwärmt der echte Seehofer  nach der Aufführung. „Es ist wie in meinem richtigen Leben“, sagt er der Staatszeitung. „Schlichten, schlucken, schwitzen“ – das kenne er aus dem politischen Alltag gut. Gattin Karin gefiel ihr Horst vor allem als Gretchen mit Mordsvorbau und langen blonden Zöpfen: „Das Outfit sollte mein Mann mal für die Franken-Fastnacht in Veitshöchheim in Betracht ziehen“, kichert Karin Seehofer.
Hauptperson auf dem Nockherberg ist eh ein anderer: der scheidende Münchner OB Ude. Als sein Double Uli Baur ihm ein Abschiedsständchen singt, wird’s fast melancholisch. Das Lied – Höhepunkt des Abends – endet mit „München, du kannst mich mal ... auf Mykonos besuchen“. Der echte Ude ist sichtlich gerührt. „Ich hatte ja jetzt schon Dutzende Abschiede, aber tatsächlich nah gegangen sind mir bislang nur zwei“, verrät er der BSZ. „Dieser und der von der Wiesn.“
Tatsächlich ist der Abend auch eine Hommage an Ude. Selbst Mama Bavaria Luise Kinseher bedankt sich bei ihm: „Einen besseren Derbleckten hätte man sich nicht wünschen können: Immer hast du schon vorher über einen Witz gelacht, um ihn ja nicht zu verpassen.“
Insgesamt kommt die Bavaria diesmal ein bisserl blass daher. Manche Herren freut’s – zum Beispiel Ude: „Eine mütterliche Nachsicht schmerzt manchmal mehr als die derbsten Attacken.“ (Angelika Kahl)

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