Politik

Sechs der 16 Bundesländer haben Drogenkonsumräume eingeführt. Das Bild zeigt die Fixerstube in Berlin Kreuzberg. (Foto: dpa)

09.05.2014

Schreckgespenst Drogenkonsumraum

Notfallhilfe für Süchtige oder Förderung der Drogenszene?

230 Drogentote gab es in Bayern im vergangenen Jahr. Jeder fünfte deutsche Drogentote stirbt im Freistaat. Drogenhilfeeinrichtungen sind sich sicher: Mehr Leben müssen gerettet werden. Sie fordern die Einführung von Drogenkonsumräumen. Die bayerische Staatsregierung lehnt das strikt ab. „Drogenkonsumräume wird es mit mir nicht geben“, stellt Innenminister Joachim Herrmann klar.

Die Zahl der Drogentoten in Bayern geht in Zick-Zack-Bewegungen auf und ab. Im Jahr 2000 lag der traurige Rekord bei 340 Rauschgifttoten, 2011 waren es nur 177, 2013 starben wieder 230. Am häufigsten sind Heroin-Konsumenten betroffen. „Den einen Grund für den häufigeren Tod der Drogenabhängigen gibt es nicht“, meint Bertram Wehner, Vorstandsmitglied der Bayerischen Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen. Ein Aspekt sei zweifellos die Qualität des Stoffes. „Ist der Stoff, der in Umlauf ist, plötzlich besser, verschätzen sich viele mit der Dosis“, so Wehner. Hinzu kommt der zunehmende Mischkonsum. Die Abhängigen konsumieren nicht nur Heroin, sondern zusätzlich Fentanyl oder Crystal.

Ideologische Gründe dominieren bei den Gegnern


Wehner ist auch Geschäftsführer der mudra-Drogenhilfe Nürnberg. Die Stadt hat in Bayern die meisten Drogentoten zu vermelden: 30 allein im Jahr 2013. Mit 6,1 Drogentoten pro 100 000 Einwohner liegt Nürnberg noch vor anderen deutschen Städten wie Köln (4,1), Frankfurt (3,9), Hamburg (3,6) oder Berlin (3,5). Bertram Wehner warnt, so könne es nicht weitergehen: „Wir treten für Drogenkonsumräume ein. Doch die will die bayerische Staatsregierung nicht genehmigen – aus eher verbohrten ideologischen Gründen.“ Neben Drogenexperten plädieren auch Grüne, SPD und Freie Wähler im Landtag für die Einführung von Drogenkonsumräumen.
Drogenkonsumräume sind Orte, an denen Drogenabhängige ihre mitgebrachten illegalen Substanzen legal konsumieren dürfen – unter Anwesenheit notfallmedizinisch geschulter Mitarbeiter. So sollen Überdosierung und Todesfälle verhindert, Notfälle wie Bewusstlosigkeit, Atemstillstand oder epileptische Anfälle sofort behandelt werden. Den Abhängigen werden außerdem sterile Utensilien zur Verfügung gestellt, um die Übertragung von Krankheiten wie HIV oder Hepatitis einzugrenzen. Zudem sind Drogenkonsumräume an Drogenhilfeeinrichtungen gekoppelt. Diese können den Drogenabhängigen Safer-Use-Maßnahmen, sowie Hilfs- und Therapiemöglichkeiten näherbringen.
Die Bundesregierung hat im Jahr 2000 beschlossen, dass es solche Einrichtungen in Deutschland geben darf. Die Umsetzung ist aber Ländersache. Sechs Bundesländer haben mittlerweile per Rechtsverordnung Drogenkonsumräume ermöglicht – Bayern gehört nicht dazu.
Laut bayerischem Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sollte das auch so bleiben: „Die Einrichtung von Drogenkonsumräumen halte ich für einen völligen Irrweg. Anstatt Drogenabhängigen das Ausleben ihrer selbstzerstörerischen Sucht zu erleichtern, müssen wir sinnvolle Wege aus der Drogensucht finden.“ Stattdessen will er Therapieangebote machen sowie „die Drogenszene bereits im Keim verhindern“. Eine Sprecherin des bayerischen Gesundheitsministeriums unterstreicht: „Jeder Drogenabhängige braucht ein Hilfsangebot, das ihn aus seiner Drogenabhängigkeit führt – aber sie nicht verlängert.“
Bertram Wehner gibt zu bedenken, dass sich Drogenkonsumräume nicht an Neukonsumenten richten, sondern an langjährige Schwerstdrogenabhängige. „Viele von ihnen haben bereits Therapieversuche gemacht, waren in der Psychiatrie oder im Gefängnis – aber sie schaffen es nicht, drogenfrei zu werden. Solche Menschen wird es immer geben, und auch sie haben das Recht auf ein menschenwürdiges Überleben.“ Außerdem erleichterten Drogenkonsumräume den Kontakt von Schwerstabhängigen zu einem Hilfssystem.
Innenminister Herrmann wiederum warnt vor einer stärkeren Verbreitung des Drogenkonsums durch eben diese Einrichtungen: „Drogenkonsumräume würden zwangsläufig dazu führen, dass diese festen Treffpunkte neben vielen Drogenabhängigen unbehelligt von der Polizei auch Rauschgiftdealer und Begleitkriminalität anziehen würden.“
Bertram Wehner kann diese Argumente nicht nachvollziehen. Es müsse, „natürlich verboten“ sein, in Drogenkonsumräumen zu dealen, so Wehner. Außerdem müssten diese eng mit den Ordnungsbehörden vor Ort kooperieren. „Aber ganz ehrlich, Drogenkonsumräume sind unspektakulär“, sagt er. „Es gibt keinerlei negative Erfahrungen aus anderen Bundesländern. Dort hat sich nirgendwo eine Drogenszene um die Drogenkonsumräume entwickelt.“ Er meint sogar, dass Drogenkonsumräume dem Zusammenleben in den Städten guttun. In Nürnberg gab es in letzter Zeit wieder vermehrt Beschwerden über herumliegende Spritzen. Viele Drogenabhängige starben auf öffentlichen Toiletten, in Parkhäusern, Grünanlagen oder Gaststätten. „Wenn sich der Konsum in die entsprechenden Einrichtungen verlagert, werden die Innenstädte entlastet“, sagt Wehner.
Der Drogenexperte will, dass insgesamt mehr für Drogenabhängige getan wird – Drogenkonsumräume seien nur eine Maßnahme. Gemäß der mudra-Drogenhilfe Nürnberg verschlechtert sich die Versorgung von Opiatabhängigen zunehmend. Es gebe zu wenig Betten für Drogenentzüge und einen Mangel an Behandlungsplätzen für Substitutionen. Zu wenige Ärzte sind bereit, die Behandlung der Drogenpatienten durchzuführen. Hier seien mehr Therapie-, Behandlungs- und Entzugsplätze in Bayern nötig, betont Wehner. Außerdem wäre es nützlich, durch Polizei oder Staatsanwaltschaft Stoffproben von Heroin regelmäßig auf seinen Reinheitsgrad zu testen. Diese müssten Streetworker und Drogenhilfeeinrichtungen informieren, die wiederum Drogenkonsumenten vor einer Überdosis aufgrund von höherer Stoffqualität warnen könnten.
Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml betont: „Die bayerische Staatsregierung setzt bei ihrer Drogen- und Suchtpolitik auf die drei Säulen Prävention, Repression sowie Hilfe, Beratung und Therapie.“ Vertreter der Drogenhilfe wie Bertram Wehner erinnern zu Recht daran, dass dabei auch mal neue Wege gegangen werden müssen, um Hilfe zu leisten und Leben zu retten. (Jennifer Hertlein)

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