Politik

In Niedersachsen wurden bereits Hochspannungs-Freileitungen abgebaut und stattdessen Erdkabel verlegt. (Foto: dpa)

03.07.2015

Seehofer setzt auf Erdkabel – die haben aber auch Tücken

Spät, aber doch: Die Spitzen von CDU, CSU und SPD haben sich auf eine Strategie zur Energiewende geeinigt

Beim Energiegipfel im Kanzleramt hat CSU-Chef Horst Seehofer seinen Widerstand gegen Stromtrassen im Freistaat aufgegeben: Es wird also zwei Stromtrassen in Bayern geben. Allerdings werden sie entlang bestehender Leitungen verlaufen. Außerdem sollen verstärkt Erdkabel eingesetzt werden. Seehofer wertet das als „Riesenerfolg“.

Die Zeit ist knapp geworden. Mit Grafenrheinfeld ist am vergangenen Wochenende das drittletzte bayerische Atomkraftwerk für immer vom Netz gegangen, bis 2022 werden die Blöcke in Gund-remmingen und Ohu bei Landshut folgen. Bis dahin muss die Energiewende Wirklichkeit sein, damit im Freistaat nicht die Lichter ausgehen oder der knappe Strom nicht zum unbezahlbaren Luxusgut wird. Noch vor den Sommerferien sollten die schwierigen Verhandlungen in der großen Koalition zur Energiewende abgeschlossen werden. Woran auch wegen der aktuellen Gipfel-Dichte zur Griechenland-Krise kaum einer mehr glaubte: Die Spitzen von CDU, CSU und SPD haben sich geeinigt.

Gaskraft bleibt aktuell

Gehakt hatte es bis zum Schluss an zwei Themen: der Zukunft moderner Gaskraftwerke und dem Bau von zwei neuen Stromtrassen von Nord nach Süd. Herausgekommen ist ein Kompromiss, mit dem sich CSU-Chef und Ministerpräsident Horst Seehofer nun „rundum zufrieden“ zeigte. Dabei ist eine seiner Hauptforderungen in den Gesprächen kassiert worden. Monatelang war Seehofer durch Bayern gezogen und hatte den wütenden Bürgern entlang der geplanten Trassen versprochen, dass er gegen die Stromautobahnen sei, weil er sie nicht für notwendig halte. „Zwei minus X“ lautete noch nach dem Energiedialog im Winter die offizielle, aber schon relativierende Formel der Staatsregierung. Nun kommen beide Leitungen doch, wenn auch etwas abgespeckt. Seehofers Fazit: „Sämtliche Monstertrassen sind vom Tisch, das ist ein Riesenerfolg.“

Dabei stehen die genauen Verläufe noch immer nicht fest. Nur so viel: Der „Südlink“ soll mit einer wahrscheinlich nur kurz durch Bayern führenden Stichtrasse nach Grafenrheinfeld kommen – was wahrscheinlich neue Proteste in Hessen und Baden-Württemberg provozieren wird, auf deren Gebiet der Hauptstrang des „Südlinks“ verschoben werden müsste – und die ursprünglich quer durch den Freistaat geplante Südostpassage wird nicht mehr komplett neu ins schwäbische Meitingen gebaut, sondern vorwiegend auf Bestandstrassen und stellenweise per Erdkabel über Ostbayern nach Landshut.

Es kommt damit so, wie der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, schon im April bei einem Besuch in München vorhergesagt hatte. Die Gleichung „Zwei minus X“ könne nur aufgehen, „wenn das X gleich null ist“, so Homann damals. Denn die Notwendigkeit zweier Ferntrassen für Bayern werde bis heute in allen Fortschreibungen des Netzentwicklungsplans festgestellt.

Die erwartbaren Proteste der Trassengegner gegen die Einigung konterte Seehofer sogleich mit dem Hinweis, dass er da „keine weiße Salbe“ verhandelt habe. Durch den Vorrang von Erdkabeln und die Nutzung bestehender Trassen würden Mensch und Natur geschont, betonte er. Doch haben auch diese Lösungen ihre Tücken. Laut Homann nämlich es ist technisch schon möglich, bestehende Hochspannungsmasten für die Gleichstromkabel aufzurüsten – aber zierlicher werden sie damit bestimmt nicht. Und auch die Erdverkabelung hat ihre Tücken, wie eine Broschüre aus Homanns Behörde verdeutlicht. Zum einen ist es, abhängig von den tektonischen Gegebenheiten im Trassenverlauf zwei- bis dreimal teurer, die Kabel unter die Erde zu legen, als oberirdisch über Masten zu leiten. Zum anderen gilt es, auch technische Probleme zu meistern und ökologische Folgen zu beachten. Weder das eine, noch das andere ist bei den in Frage stehenden Fernleitungsnetzen im Höchstspannungsbereich jenseits der 380 Kilovolt umfassend erforscht.

Hauptschwierigkeit ist demnach die Wärmeentwicklung. Bei jedem Stromtransport entstehen Verluste, die die Leitung in Form von Wärme abgibt. Bei Freileitungen wird diese einfach von der Umgebungsluft aufgenommen, von der Erde umschlossen heizen sich die Kabel auf. Ohne Kühlung begrenzt dies den Stromfluss und damit die Übertragungsleistung. Und selbst wenn es dafür eine technische Lösung geben sollte, ganz unsichtbar ist die Trassenführung unter der Erde auch nicht. Denn wie konventionelle Stromleitungen auch hinterlässt die Erdverkabelung in Waldstücken eine bleibende Schneise. Schließlich muss die unterirdische Trasse für eventuelle Reparaturarbeiten von Baumbewuchs frei gehalten werden. Zudem sind Reparaturen am Erdkabel teurer als an Freileitungen, weil dafür mit schwerem Gerät angerückt werden muss.

In einem Punkt freilich hat Homann nicht recht behalten: Es wird in Bayern doch zwei neue Gaskraftwerksturbinen geben. Neben dem im Bestand gesicherten Kraftwerk Irsching bei Ingolstadt sollen im schwäbischen Leipheim und im oberbayerischen Haiming zwei zusätzliche Reserveblöcke entstehen. Auch das, frohlockt Seehofer, sei sehr erfreulich und entspreche bayerischen Forderungen. Dabei hatten die ursprünglich gelautet: überhaupt keine neuen Stromtrassen und stattdessen mindestens zwei Gaskraftwerke für den Dauerbetrieb. (Jürgen Umlauft)

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Kommentare (1)

  1. Konrad Fischer am 06.07.2015
    Wer ist eigentlich der Hersteller der Erdkabel und gibt es da viele Mitwettbewerber? Kann es sein, daß SIEMENS der eigentliche Nutznießer der ganzen Kompromißlerei weg vom Strommast ist? Da tun sich schon einige Fragen auf, denen der Journalismus nachgehen könnte ...

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