Politik

Wenn klar wird, dass sich größerer Bürgerprotest regt, wird Horst Seehofer in der Regel nachdenklich - und bläst das Vorhaben ab. (Foto: dpa)

08.05.2015

Seehofers Koalition mit den Bedenkenträgern

Konzertsaal-Debatte: Dass die CSU einen neuen Standort ins Gespräch gebracht hat, heißt noch lange nicht, dass dort gebaut wird

Vor 27 Jahren wurde in München das Prinzregententheater wiedereröffnet. Vor der Renovierung war das Haus fast ein Vierteljahrhundert geschlossen. Generalintendant August Everding zeigte sich bei der feierlichen Eröffnung im Januar 1988 außer sich vor Freude: „Ab heute“, jubilierte er, „wird dieses Theater zwei Wochen feiern!“ Alle wussten damals: Dass der Landtag die 35 Millionen D-Mark für die Sanierung genehmigt hatte und das Projekt durchgezogen wurde, war in erster Linie Everdings Verdienst. Der passionierte Theatermann hatte mit eisernem Willen, trickreicher Diplomatie und bewunderungswürdiger Geduld dafür gekämpft.

Es gibt keinen Konzertsaal-Everding


Hier liegt der große Unterschied zum Projekt eines neuen Münchner Konzertsaals: Es gibt keinen Konzertsaal-Everding – niemanden, der den Drang verspürt, Seehofers Versprechen aus dem Jahr 2013 zur Realisierung zu verhelfen. Weshalb auch der neue Standort-Vorschlag, den Musentempel im Olympiapark zu errichten, keineswegs zum Selbstläufer geraten wird. Kunstminister Ludwig Spaenle und Münchens Bürgermeister Josef Schmid (beide CSU) hatten kürzlich eine Idee aus dem Jahr 2014 reaktiviert: nämlich, einen Saal auf dem Areal des bisherigen Eissportstadions im Olympiapark zu errichten. Die Idee einer Kombi-Sanierung des städtischen Gasteig und des staatlichen Herkulessaals ist jedenfalls vom Tisch. Ein Expertengutachten hatte kürzlich erklärt, der von Seehofer und Münchens OB Dieter Reiter (SPD) ausgeheckte Plan nütze den Orchestern nichts. Reiter erklärte deshalb gestern, für ihn habe sich die Idee erübrigt. Für einen Neubau samt Standortsuche aber ist Seehofer zuständig.
Im Lauf der quälenden Standortdebatte zum Konzertsaal ist bisher vor allem eines klar geworden: Die von Seehofer propagierte Koalition mit den Bürgern läuft im Grunde auf eine Koalition mit den Bedenkenträgern hinaus. Was sich auch bei anderen Projekten zeigt. Seehofers Politik, konstatiert ein CSU-Insider, „besteht vor allem aus der Rücknahme schwieriger Entscheidungen“. Die Abschaffung der Studiengebühren zählt dazu, das partielle Abrücken vom G8, das Aus für den Donauausbau, das Nein zum Pumpspeicherkraftwerk am Jochberg, wie überhaupt zu vielen Einzelprojekten der Energiewende.

Die Landtags-CSU ist nicht erpicht auf einen Neubau


Die Liste erfolgreicher Seehofer-Initiativen liest sich dagegen bescheiden: Immerhin, die Pkw-Maut wurde vom Bundestag verabschiedet. Ob sie sich finanziell so richtig rentiert, ist noch offen. Das Betreuungsgeld wiederum, eine Stoiber-Idee, wurde zwar von Seehofer durchgesetzt, könnte aber jetzt vom Bundesverfassungsgericht gekippt werden. Dass jetzt von Spaenle und Schmid die Olympia-Idee für den Konzertsaal lanciert wurde, geschah gewiss nicht ohne Seehofers Plazet, der ob karger Erfolge langsam nervös werden dürfte.
Klar ist schon jetzt: Erneut sind Leute sauer. Diesmal die Münchner SPD, die gern vorher gefragt worden wäre, wie sie zu dem Plan steht – immerhin gehört der Olympiapark der Stadt. Der FDP-Stadtrat und ehemalige Kunstminister Wolfgang Heubisch lästert: „Wenn man etwas will, macht man’s nicht so!“ Sondern sondiere erst mal diskret die Lage. „Jetzt kommen wieder die ganzen Bedenkenträger“, stöhnt Heubisch.
Hinzu kommt: Auch ein Neubau im Olympiapark kostet Geld. Mindestens 500 Millionen Euro, schätzte Staatskanzleichef Marcel Huber kürzlich schon mal vorsichtig. Geld, das die Landtags-CSU, in der nicht mal die Münchner für einen Konzertsaal kämpfen, nicht in die Landeshauptstadt buttern will. So war die Stimmung zumindest bisher, und noch ist nicht ersichtlich, ob und wie Seehofer sie drehen will. Denn eine Koalition mit den Bedenkenträgern favorisiert der Ministerpräsident im Zweifel auch innerhalb der eigenen Fraktion. (Waltraud Taschner)

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