Politik

07.07.2017

Selbstherrlicher Purpurträger

Ein Kommentar von Florian Sendtner

Als der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller 2012 vom Papst zum Präfekten der Glaubenskongregation berufen wurde, hätte man meinen können, die leibhaftige Aufnahme Müllers in den Himmel stehe unmittelbar bevor. Viele Regensburger Katholiken indes gaben unverhohlen ihrer Freude darüber Ausdruck, dass der ob seiner Willkürherrschaft unbeliebte Bischof endlich nach Rom wegbefördert werde. Zehn Jahre lang hatte Gerhard Ludwig Müller in der Diözese Regensburg „aufgeräumt“, unbotmäßige Pfarrer und Theologieprofessoren gemaßregelt und suspendiert, die Pfarrgemeinderäte und den Diözesanrat zu einem Abnickergremium von Pfarrer und Bischof degradiert, die Medien als kirchenfeindliche Hetzmaschinen denunziert.

Was Müller generell nicht verkraftet, ist die Tatsache, dass es auch Andersdenkende und Andersgläubige gibt. So musste er sich 2011 vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof und vom Bundesgerichtshof sagen lassen, dass auch ein predigender Bischof nicht einfach das Blaue vom Himmel herunterlügen darf. Genau das hatte Müller gegenüber dem Philosophen Michael Schmidt-Salomon getan. Dessen atheistisch-humanistische Position hatte sich in einer Müller-Predigt in ein mörderisch-aggressives Zerrbild verwandelt.

Epochale Fehlbesetzung

Das größte Ärgernis aber war Müllers Umgang mit den Opfern klerikaler Gewalt. Sechzigjährige Männer, die als Domspatzen-Knaben von Priestern regelmäßig vergewaltigt worden waren, wimmelte Müller mit zynischen Anwaltsbriefen ab, in denen ihnen mitgeteilt wurde, dass man sie für unglaubwürdig halte. Statt wenigstens im Nachhinein für Aufklärung zu sorgen, halluzinierte Müller von einer antiklerikalen Medienkampagne und fühlte sich persönlich verraten wie einst der Messias. Als Bischof von Regensburg war Gerhard Ludwig Müller eine epochale Fehlbesetzung.

Von Papst Benedikt im Juli 2012 nach Rom berufen, hatte Müller es ein halbes Jahr später auf einmal mit einem neuen Papst zu tun, dem nichts mehr zuwider ist als Selbstherrlichkeit, Selbstgefälligkeit und klerikale Wagenburg-Mentalität. Fünf Jahre lang ertrug Papst Franziskus den eingebildeten deutschen Kardinal als zweitmächtigsten Mann im Vatikan. Nun zog er die Reißleine. Wie heißt es bei Lukas 1,51: „Die Hochmütigen zerstreut er wie Sand, die Mächtigen stürzt er vom Thron.“

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Kommentare (8)

  1. Thomas Hofer am 07.07.2017
    Elefant im Porzellanladen - so etwas braucht die Kirche nicht!
  2. Mathilde Vietze am 08.07.2017
    Papst Franziskus hat der Kirche einen unschätzbaren Dienst erwiesen, indem er diesen Groß-Inquisitor
    in die Wüste geschickt hat. Das Beste wäre, ihn in den Ruhestand zu "befördern". Dann könnte er
    'zwar zetern und wettern, aber keinen Schaden mehr anrichten.
  3. Chamer am 08.07.2017
    Ein katholischer Geistlicher ist in Deutschland und besonders bei den Medien dann beliebt, wenn er sich vor dem Zeitgeist verneigt. Kardinal Müller mag kein übermäßig warmherziger Mensch sein, aber es ist legitim, auch gegenüber dem eigenen Chef die theologischen Prinzipien zu vertreten, auf denen diese 2000 Jahre alte Institution beruht.
  4. jk am 08.07.2017
    Dass Papst Franziskus so hart durchgreifen könnte und das auch noch bei den Hochrangigen im Vatikan praktiziert, das hatten wohl nur Insider erwartet.
    Dass Gerhard Kardinal Müller zu diesen gehört, das hat denn doch überrascht. Sein Schockzustand währt immer noch. Papst Franziskus hat gewiss unbeabsichtigt eine Steilvorlage für das wortgewaltige Gewebe geliefert. Und noch ist die Welle nicht verebt Ich glaube nicht, dass Papst Franziskus Gerhard Kardinal Müller wegen dessen theologischer Besserwisserei und Nörgeln am Papst hinter dessen Rücken abgelöst hat sondern wegen des überheblichen, sich über die Opfer sexueller Gewalt durch Mitarbeiter (Priester) unangerührt hinweg gesetzt und den Tätern mehr Vertrauen als den Opfern geschenkt hat. Und dennoch hat Gerhard Kardinal Müller das Recht auf Persönlichkeitsschutz und auf Würde.a
  5. NC am 09.07.2017
    Wenn Kardinal Müller davon spricht, dass der Papst nicht nach den Vorstellungen der Katholischen Soziallehre verfährt was den Umgang mit Mitarbeitern betrifft, so sollte der Kardinal an seine Zeit im Bistum Regensburg denken. Dort war es leider auch nicht anders und das gilt heute noch. Von katholischer Soziallehre hat da noch niemand was gehört! Es steht nichts dagegen, wenn der Kardinal um den rechten Glauben streitet, Hardliner und Liberale stehen sich wohl unversöhnlich gegenüber! Aber die Katholische Kirche hat leider immer noch nicht erkannt, woran die Gläubigen leiden bzw. die leiden, die so gerne in der katholischen Kirche beheimatet sein wollen. Sie leiden nicht am Evangelium und der Menschenfreundlchkeit Jesu, sondern daran, wie dies in der Kirche gelebt wird, von denen, die vorgeben, das Evangelium zu verkünden. Ich wünsche allen einen gesegneten Sonntag!
  6. Angela Kreuz am 09.07.2017
    Das ist gelebte Pressefreiheit. Tyrannen wie Gerhard Ludwig Müller werden unsere Demokratie nicht totkriegen.
  7. WaSaSc am 25.07.2017
    Dem Kommentar von Frau Vietze stimme ich voll zu. Ich wundere mich nur das Papst Franziskus diesen
    Kardinal so lange ertragen hat.
  8. pieh580 am 28.07.2017
    Die katholische Kirche wäre sehr gut beraten, diesen Herrn - ich sage nicht Herrn - ich sage einfach:
    Diesen Müller ganz einfach aus der Kirche auszuschließen. Pension zahlen: Nein! Ihm stünde dann, nach Verbrauch seines Vermögens, Grundsicherung im Alter zu.

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