Politik

Gundremmingen: Die Kernkraftgegner triumphieren, während die in den AKWs Beschäftigten Zukunftsängste plagen. (Foto: dapd)

10.06.2011

Strahlende Verlierer

Den Regionen mit AKW-Standorten droht ein Job-Kahlschlag - die Bürgermeister fordern Kompensation

Wer in diesen Tagen mit Menschen aus Gundremmingen spricht, merkt schnell, dass durch die schwäbische Ortschaft eine unsichtbare Mauer verläuft: Während sich mancher Einwohner über die von der Bundesregierung beschlossene zügige Abschaltung der Reaktoren freut, sind andere entsetzt: „Die Stimmung ist gedrückt. Viele Mitarbeiter haben Angst vor der Zukunft“, sagt Anton Failer, Betriebsratsvorsitzender des AKW Gundremmingen. Mancher Angestellte habe im Vertrauen auf die von der Bundesregierung 2010 beschlossene Laufzeitverlängerung – für Gundremmingen bis zum Jahr 2030 – größere Anschaffungen getätigt oder ein Haus gebaut, berichtet Failer: „Die Menschen dachten, sie könnten sicher planen.“
Doch nun ist alles anders: Im Jahr 2017 soll Gundremmingen B, Ende 2021 der Nachbarmeiler vom Netz gehen. 840 Menschen beschäftigt alleine der AKW-Mehrheitseigner RWE in den beiden Reaktorblöcken. Hinzu kommen noch einmal Mitarbeiter anderer Firmen, die mehr oder weniger regelmäßig in den beiden Kraftwerken arbeiten. Ihre Zahl geht in die Tausende. „Wir kooperieren mit mehr als 370 Partnerunternehmen“, sagt Kraftwerks-Sprecher Tobias Schmid. Von den Aufträgen profitieren auch heimische Firmen, etwa Bäckereien. „Bei den 160 Millionen Euro, die wir fremd vergeben, geht ein großer Teil an hiesige Firmen“, erläutert Schmid.


Frustrierte Häuslebesitzer


Der Ärger über die Bundesregierung ist in der Region deshalb groß. „Das ist reinster Populismus“, wettert Gundremmingens Bürgermeister Wolfgang Mayer (Freie Wähler) in der Lokalzeitung. Und auch andernorts im Freistaat haben die Gemeindeoberhäupter die finanziellen Folgen vor Augen: sinkende Gewerbe- und Einkommensteuereinnahmen.
Neben den etwa 1900 eigenen Mitarbeitern beschäftigen die Stromriesen EON und RWE an den drei AKW-Standorten im Freistaat – neben Gundremmingen sind dies Grafenrheinfeld und das niederbayerische Ohu – noch viermal so viele externe Kräfte. Das geht zumindest aus der Auswertung der Strahlenpässe durch das bayerische Wirtschaftsministerium hervor. Leiharbeiter werden etwa für die personalintensive Revision und Wartung eingesetzt. Das Wirtschaftsministerium geht von 10 000 Beschäftigten in den fünf bayerischen Meilern aus. Hinzu kommen noch die Mitarbeiter in den Zulieferbetrieben.
Weitere 4000 hochqualifizierte Fachleute arbeiten beim Atomkonzern Areva-NP in Erlangen. Dort befassen sich Experten mit der Mess- und Regelungstechnik in den Atomkraftwerken – doch wie lange noch?
Die betroffenen Bürgermeister fordern Kompensation. „Ich wünsche mir seitens der Staatsregierung frühzeitige Hilfe für die Region“, erklärt Sabine Lutz, parteilose Bürgermeisterin von Grafenrheinfeld. 500 Menschen arbeiten derzeit laut EON in dem fränkischen Reaktor, der 2015 vom Netz soll. Allerdings wird ein großer Teil der Angestellten einem Konzernsprecher zufolge wegen des komplizierten Rückbaus von AKWs noch jahrelang dort gebraucht.
Spezielle Pläne zur Förderung der betroffenen Gebiete gibt es von Regierungsseite bislang nicht. „Der Freistaat muss aufs Gaspedal treten und gemeinsam mit der Opposition diskutieren, was mit den betroffenen Regionen passiert“, fordert deshalb die bayerische SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen.
Die Staatskanzlei verweist derweil auf den Job-Boom durch die Förderung des Ökostroms. „Der verstärkte Ausbau regenerativer Energien, dezentrale Energieversorgung, die Anstrengungen im Forschungsbereich, insbesondere bei Speichertechnologien, die Intensivierung des Netzausbaus werden neue hoch qualifizierte Arbeitsplätze entstehen lassen“, so ein Sprecher. Bereits 2010 arbeiteten 60 000 Bayern im Bereich der grünen Energien – Tendenz rapide steigend. „Hier bieten sich große Perspektiven“, ist auch der FW-Landtagsabgeordnete Thorsten Glauber überzeugt.
Andere sind weniger optimistisch: „Kaum ein AKW-Techniker kann im Bereich der Erneuerbaren einen Job finden“, warnt AKW-Betriebsrat Failer. Zu unterschiedlich seien die Tätigkeiten. Zudem machen Windrad- und Solarhersteller bisher oft einen weiten Bogen um AKW-Standorte.
Großes Potenzial sehen Experten dagegen bei der Ansiedlung konventioneller Kraftwerke. Grund: die bereits vorhandene Infrastruktur. „Wir halten den Neubau von Gaskraftwerken in einem Leistungsumfang von 3000 bis 4000 Megawatt in Bayern für erforderlich, um bei einem Verzicht auf die Kernenergie eine sichere Stromversorgung zu erhalten“, sagt Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP). Das entspricht etwa fünf großen Kraftwerken.
Mögliche Standorte sind unter anderem Dettelbach unweit von Grafenrheinfeld und Leipheim bei Gundremmingen. Auch Grafenrheinfelds Bürgermeisterin Lutz hält das für eine „mögliche Lösung“. (Tobias Lill)

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