Politik

Auch die BayernLB ist mit von der Partie: Im finnischen Olkiluoto entsteht gerade ein neues AKW. (Foto: dpa)

25.03.2011

Strahlende Zukunft

Bayerische Unternehmen machen mit dem Bau von Atomkraftwerken weltweit nach wie vor gute Geschäfte

Es ist eine heile Welt, die der fünfminütige Werbespot des deutsch-französischen Konzerns Areva-NT von dem Bau des größten europäischen Kernreaktors zeichnet: Mit bunten Grafiken, die aussehen wie bei dem Computerspiel FarmVille, unterlegt mit hipper House-Musik, erwecken die Werber des Konzerns den Eindruck, als ob im finnischen Olkiluoto ein Biobauernhof und kein Atomkraftwerk errichtet wird. Seit 2005 baut die 34-prozentige Siemens-Tochter Areva-NT an dem angeblich weltweit modernsten Reaktor unweit der finnischen Westküste.
Es geht um viel Geld: Drei Milliarden Euro hatte die finnische Regierung vor Jahren für die Baukosten veranschlagt. Vor allem ausländische Firmen profitieren: Von den rund 1600 an dem Bau beteiligten Unternehmen stammt die Hälfte aus Deutschland, viele davon aus dem Freistaat. Das Herz des Reaktors kommt aus den Werkshallen von Siemens: eine 70 Meter lange und 5000 Tonnen schwere Turbine. Der Koloss, der so viel wiegt wie dreieinhalbtausend Kleinwagen, soll eines Tages genug Strom für 1,6 Millionen Menschen erzeugen.


Die BayernLB verdient mit


Der Bau des Mammutprojekts wird zu einem großen Teil von einem internationalen Bankenkonsortium finanziert: 1,95 Milliarden Euro stellten die Geldinstitute zur Verfügung. Pikant: Einer der Hauptinvestoren in Olkioloto: die Bayerische Landesbank. Das Geldhaus wollte sich auf Anfrage der Staatszeitung nicht zu seinem Engagement äußern. Klar ist allerdings: 2012 laufen die Kreditlinien aus. An der Anschlussfinanzierung wollen sich die Münchner – wie es aus dem Umfeld der Landesbank heißt – nicht mehr beteiligen.
Daran, dass Atomtechnologie made in Bavaria auch nach der Katastrophe von Fukushima ein Verkaufsschlager bleiben dürfte, ändert diese Entscheidung aber nichts. Insgesamt zwölf Exportgarantien hat die Bundesregierung für deutsche Atomexporte übernommen, darunter Projekte in China und Russland. Wie groß genau der bayerische Anteil vom Kuchen genau ist, lässt sich zwar nicht sagen. „Wir haben keine Zahlen über die Höhe der Exporte der bayerischen Atomindustrie“, sagt ein Sprecher der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft.
Er dürfte jedoch beachtlich sein. Denn Areva-NT ist nach eigenen Aussagen einer der weltweit führenden Hersteller von Kernkraftwerken. Rechnet man die gebauten Kraftwerke der beiden Vorgängerunternehmen zusammen, so hat keine Firma weltweit mehr Kernkraftwerke gebaut als Areva-NT. Und auch einige bayerische Mittelständler mischen in dem Milliardengeschäft mit.
Die deutsche Ingenieurskunst weiß man auch auf der südlichen Halbkugel zu schätzen. Bis 2013 soll an der brasilianischen Atlantikküste ein neuer Meiler entstehen. Mit deutscher Hilfe will der Areva-Konzern ausgerechnet im Pannen-AKW Angra einen dritten Block hochziehen. Das Kernkraftwerk liegt an einer erdrutschgefährdeten Bucht am Meer, kaum hundert Kilometer von der Megastadt Rio de Janeiro entfernt. Wie in Fukushima gab es dort schon zahlreiche Störfälle.

Geenpeace wütet


„Das Projekt ist unverantwortlich“, heißt es bei Greenpeace. Die Lage des brasilianischen Meilers an einer Steilhangküste sei kritisch, die Kühlung der Abklingbecken nicht sicher und die einzige Evakuierungsstraße nach Regenfällen oft unpassierbar.
 Die Bundesregierung wird das Geschäft aber vermutlich wohl dennoch mit einer Milliarde Euro an Hermes-Bürgschaften absichern. „Es ist ein Skandal, wenn hierzulande Konsens darüber besteht, irgendwann aus der Kernenergie auszusteigen, und dafür im Gegenzug im Ausland gefährliche Neubauten unterstützt werden“, poltert deshalb Ludwig Hartmann, Energieexperte der Grünen im bayerischen Landtag.
Siemens will zwar seine Anteile bei Areva NT mittelfristig verkaufen. Mit Verweis auf einen laufenden Rechtsstreit mit der französischen Areva-Mutter wollte sich ein Siemens-Sprecher auf Anfrage nicht äußern.
Bleibt die Firma allerdings auch nach Fukushima bei ihrer Politik, blicken die Münchner weiter einer strahlenden Zukunft entgegen: 2009 wurde bekannt, dass Siemens gemeinsam mit dem russischen Staatskonzern Rosatom außerhalb Russlands und Deutschlands neue Atomreaktoren bauen will. (Tobias Lill)

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