Politik

Frisöre, Mechatroniker, Handwerker - Nichtabiturienten stürmen Bayerns Hochschulen. (Foto: dapd)

17.08.2012

Studium ohne Abi boomt

Seit 2009 kann man ohne Abitur studieren - die Handwerksbetriebe sehen das auch mit Sorge

Nach der Öffnung der Hochschulen für Quereinsteiger finden immer mehr Handwerksmeister den Weg zur akademischen Bildung und absolvieren ein Studium – viele nutzen die eigens für diese Klientel konzipierten Studiengänge, um beruflich weiterzukommen.
Wer den Meisterbrief in der Tasche hat, kann seit dem Wintersemester 2009/10 frei wählen, was er studieren möchte – vorausgesetzt, es gibt keine anderen Zugangsbeschränkungen wie einen Numerus clausus. Lediglich ein Beratungsgespräch muss vor der Immatrikulation stattfinden. Auch Gesellen steht der Weg an die Hochschule offen: Mit zwei Jahren Lehre und drei Jahren Berufspraxis kann man in einem fachlich einschlägigen Bereich studieren. Während man sich an den Unis schwertut, die notwendige Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, nutzen die Hochschulen für angewandte Wissenschaften in Bayern die Gelegenheit zur Profilbildung und entwickeln eigene Studiengänge. Die Zahl von berufsbegleitenden oder Teilzeit-Studiengängen wächst.

Wertschöpfungsmanagement: Einer von vielen neuen Studiengängen


Da gibt es „Wertschöpfungsmanagement“ in Ansbach, „Elektronik im Fahrzeugbau“ in Ingolstadt oder – ganz neu – „Unternehmensführung“ in München. Dieser berufsbegleitende Studiengang wurde in Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer von München und Oberbayern konzipiert und ist höchst gefragt. „Wir haben eigentlich nur 30 Studienplätze, aber aufgrund des großen Interesses haben wir nach Auswahlgesprächen 40 Bewerber angenommen – und alle haben zugesagt“, berichtet Karolina Engenhorst von der Hochschule München. Das gesamte Spektrum des Handwerks sei vertreten vom Frisör bis zum Kfz-Mechatroniker. Derzeit sind die Bedingungen günstig: Der Studiengang wird vom Bundeswissenschaftsministerium gefördert, die Kosten sind auf den Studentenwerksbeitrag beschränkt. Insgesamt studieren derzeit 2333 beruflich Qualifizierte an Bayerns Hochschulen, rund 60 Prozent sind Meister. Fachlich liege der Schwerpunkt auf den betriebswirtschaftlichen Angeboten.
„Wir haben uns über die größere Durchlässigkeit in der akademischen Ausbildung sehr gefreut“, sagt Jens Christopher Ulrich, Sprecher der Handwerkskammer von München und Oberbayern. Nicht zuletzt bei der Nachwuchswerbung sei es ein wichtiges Argument für eine Lehre, dass der Weg zum Studium offensteht. Denn bislang legten viele Eltern größten Wert darauf, dass Ihr Kind das Abitur schafft, um später studieren zu können – ohne dabei immer auf dessen Möglichkeiten zu achten. In puncto Ausbildung ist das Handwerk nach wie vor stark: Immer mehr junge Menschen, die eine Lehre absolvieren, tun dies im handwerklichen Betrieb. Allein in diesem Jahr ist die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge zum Ende des Monats Juli um 6,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitpunkt auf 15 732 gestiegen. Das Engagement des Mittelstandes nützt auch der Industrie: Denn dort sind gut ausgebildete Handwerksgesellen gern gesehene Kräfte. Kein Wunder, dass der Mittelstand über Fachkräftemangel klagt. Mit den Angeboten der Konzerne können dort nämlich die wenigsten mithalten.

Risiken für die Betriebe


Und so birgt auch die akademische Weiterbildung der Handwerksmeister Risiken für die Betriebe. „Das Handwerk muss sich generell strecken, damit die gut qualifizierten Fachkräfte nicht abwandern“, sagt Handwerkskammer-Sprecher Ulrich. Wenn alle Abzubis beim Betrieb blieben, gäbe es keinen Fachkräftemangel. „Man muss den Mitarbeitern deutlich machen, wie wichtig sie für den Betrieb sind“, meint Ulrich. Und genug Aufstiegsmöglichkeiten bieten.
„Wir hatten zwei Meister im Betrieb, die jetzt Vollzeit studieren“, sagt Sonja Bleuel. Die 26-Jährige hat selbst den Kfz-Meisterbrief und die BWL-Bachelor-Urkunde in der Tasche und will mal den elterlichen Betrieb übernehmen. Weil es 2009 noch kein passendes Angebot in Bayern gab, hat Bleuel in Stuttgart an der Dualen Hochschule studiert: „Alle Kommilitonen kamen aus der Praxis, das war prima.“ Klar, dass ihr das betriebswirtschaftliche Studium für künftige Führungsaufgaben weiterhilft. Aber auch ein studierter Meister sei für die 75 Mitarbeiter zählende Werkstätte nicht überqualifiziert, meint ihr Vater Johannes Bleuel, der auch mehr bezahlen würde: „Das sind gute Leute, die könnten wir natürlich auch weiterhin brauchen.“ (Anke Sauter)

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