Politik

Termindruck? Teilzeitarbeit macht vieles leichter, kann sich aber mit Blick auf spätere Rentenansprüche als tückisch erweisen. (Foto: Getty)

13.04.2012

Teilzeitjobs verzweifelt gesucht

Was brauchen Familien? Betreuungsgeld? Krippen? Oder eine Arbeitswelt, die Vätern und Müttern genug Zeit für die Kinder lässt?

Als Roland Jüptner 1988 nach einer Teilzeitstelle suchte, stieß er vielfach auf Granit. Ein glücklicher Zufall, dass der junge Vater, der zuvor wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Augsburg war, dann doch eine halbe Stelle fand: Eine junge Mutter hatte nach der Rückkehr ins bayerische Finanzministerium nur eine halbe Referentenstelle beansprucht. Klar wurde Jüptner von den männlichen Kollegen belächelt: „Damals war ein Mann in Teilzeit absolut ungewöhnlich,“ erinnert er sich. Doch mehr Zeit für die beiden Kinder zu haben war ihm wichtig. Seiner Karriere haben die Jahre in Teilzeit nicht geschadet: Der 57-jährige Jüptner, ein Jurist, leitet das Landesamt für Steuern.

Im öffentlichen Dienst geht's oft leichter


Seither hat sich viel getan, nicht nur im öffentlichen Dienst, wo sich Teilzeit vielleicht besser organisieren lässt. Mit Inkrafttreten des Teilzeit- und Befristungsgesetzes 2001 hat jeder Arbeitnehmer, der seit mindestens sechs Monaten bei einem Unternehmen ist und dessen Arbeitgeber mehr als 15 Personen beschäftigt, ein Recht auf Teilzeitarbeit. Das kommt gerade Eltern zugute. Die Konjunktur tut ihr Übriges: In Zeiten des Fachkräftemangels versuchen die Firmen, ihre bewährten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach der Geburt eines Kindes zurückzugewinnen. „Da ist die Bereitschaft zu Zugeständnissen groß“, sagt Elfriede Kerschl, bei der IHK München und Oberbayern zuständig für das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Teilzeit allein ist allerdings kein Allheilmittel. „Es ist weder im Sinn der Gesellschaft noch im Interesse der Beschäftigten, Altersarmut zu implementieren“, sagt Hans Sterr, Sprecher der Gewerkschaft Verdi in Bayern. Deshalb lenkt Verdi das Augenmerk auf Möglichkeiten wie Homeoffice. Wirklich familienfreundliche Arbeitsplätze zu schaffen, sei eine große Herausforderung für die Unternehmen, so Elfriede Kerschl. Denn je nach Fall Fall seien unterschiedliche Modelle passend.
Sind im unteren Lohnbereich massenhaft Teilzeitjobs entstanden, so sind in höheren Etagen selbst 30-Stunden-Verträge noch selten. „Solange Karrierechancen dadurch definiert sind, dass ein Arbeitnehmer rund um die Uhr zur Verfügung steht, wird das so bleiben“, meint Verdi-Mann Sterr. Keine Geschäftsreisen, keine Fortbildungen – Teilzeit sei oft eine Karrierefalle. Verdi fordert deshalb eine Teilzeitquote für Führungspositionen.
Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, sieht das Problem an anderer Stelle: Vor allem die Industrie habe es schwer, überhaupt qualifizierte weibliche Mitarbeiter zu finden. „Die Ursachen liegen insbesondere in der Berufswahl von Frauen“, meint Brossardt.
Vereinzelt gibt es sie, die Führungsleute in Teilzeit – vor allem in Großunternehmen. „Große Firmen nehmen sich eine Unternehmensberatung, die sie bei der Umstrukturierung unterstützt“, so Kerschl. Um den Prozess auch bei kleinen und mittleren Unternehmen in Gang zu bringen, sei eine staatliche Unterstützung bei der Umsetzung denkbar.

Krippenplätze? Gibt's nur für bereits Berufstätige


Aber auch die Mütter (und Väter), die nach der Kinderpause wieder einsteigen wollen, müssen ihren Beitrag leisten: Sie sollten klare Vorstellungen haben, wie das Ganze laufen soll, die Betreuungsfrage geregelt haben. Doch hier beißt sich die Katze oft in den Schwanz: Denn beim Antrag auf einen Krippenplatz wird üblicherweise gefragt, ob man berufstätig sei, bereits berufstätige Mütter haben hier den Vortritt.
Wirklich schwer hat es, wer eine neue Stelle sucht. Diese Erfahrung hat Sabine Küfner (Name geändert) aus München gemacht. Ihr Zweijahresvertrag bei einer IT-Firma endete während der Schwangerschaft. Als ihr Kind neun Monate alt war, bat die Firma sie händeringend um Rückkehr und ließ sich auf einen 25-stündigen Teilzeitvertrag ein. Wegen der vielen Abstriche – erneute Befristung, geringer Verdienst, Verweigerung der Provision – machte sich die Projektmanagerin auf die Suche nach einem neuen Arbeitgeber. Doch Teilzeitstellen werden kaum angeboten, und wer sich auf eine Vollzeitstelle bewirbt und anfragt, ob die auch zu splitten sei, bekommt postwendend eine Absage.
Vielleicht ist ja alles eine Frage der Zeit, denn der Einfluss persönlicher Erfahrungen auf betriebliche Entscheidungen ist groß. Männer, die selbst einen Teil der Familienverantwortung übernommen haben, sehen eher, dass die Arbeitswelt sich neu organisieren muss.
Klar, dass am Landesamt für Steuern von Satellitenarbeitsplätzen bis Telearbeit vieles möglich ist. Und, so Amtsleiter Jüptner, „die Kompetenzen aus der Erziehungsarbeit werden bei uns voll anerkannt.“
(Anke Sauter)

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Kommentare (5)

  1. Matze am 16.04.2012
    Zwar werden bei Krippenplätzen berufstätige bevorzugt, aber dies ist leider trotzdem keine Garantie für einen Platz. Ich konnte erfolgreich zur Geburt von meinem Kind in Teilzeit gehen, aber ohne Krippenplatz ist es mir unmöglich wieder Vollzeit zu arbeiten. Inzwischen haben wir 19 Krippen im Umkreis München angefragt und auch Briefe an Verantwortliche im Rathaus geschickt - bisher erfolglos.
  2. Teilzeitkraft am 16.04.2012
    Teilzeitbeschäftigungen in Führungspositionen sind auch im öffentlichen Dienst bisher weitestgehend undenkbar (ich arbeite als Leitung im Gesundheitswesen). Auch wenn es bei den regulären Mitarbeitern üblich + gewünscht ist, kann dies in den leitenden Funktionen nicht erbracht werden. Die Anforderungen sind genauso wie in der Wirtschaft (es geht hier auch um Profit, bzw. viel mehr um schwarze Zahlen- die bei unserem Gesundheitswesen schon schwer genug sind zu erreichen)- nur das Gehalt entspricht den Anforderungen in keinster Weise. Die Führungskräfte werden immer mehr beansprucht und ich bin mir sicher, dass eine Teilzeitbeschäftigung in diesem Bereich zu einem besseren Ergebnis führen würde, weil man dann nicht mehr so ausgelaugt ist.
    Grundvorraussetzung ist für solch ein Modell, die Kommunikation der einzelnen Mitarbeiter untereinander- dies müsste gegebenenfalls geschult werden, weil es da auch jetzt schon in den meisten Bereichen Handlungsbedarf gibt...
    So wäre eine Elternzeit auch in diesen Bereichen gut machbar. In der Wirtschaft gilt genau das gleiche- die Mitarbeiter werden 'ausgenutzt', es gibt immer mehr Burn-out, Depressionen, Mobbing.... Es erschreckt mich, wieso dies offensichtlich für die meisten 'Bosse', die Entscheidungsbefugnisse haben, nicht sichtbar ist...
  3. mimamü am 17.04.2012
    Selbst wenn man das Glück hat, dass das Kind in Krippe und Kindergarten sicher betreut ist, fällt man ab der Schulpflicht in ein "Betreuungsloch". Hortplätze werden von Kindern aus sozialen Brennpunkten belegt (damit diese Kinder ein Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung bekommen - ja, das ist auch wichtig). Mittagsbetreuungsplätze gibt es viel zu wenige und die Gemeindeverwaltung weist nur darauf hin, dass auf eine Betreuung nach Schulschluss kein Rechtsanspruch besteht!!!
    Das Finanzministerium beabsichtigt dann wegen der politisch so wichtigen baldigen Schuldenfreiheit Bayerns die Gelder für die Mittagsbetreuungen zu kürzen.

    Bis 6 Jahre sind die Kinder von 7 - 17 h sicher betreut und dann kommt die Schule: die Kita sorgt dafür, dass im Krankheitsfall von Mitarbeitern die Kinder betreut sind. Die Grundschule schickt die Kinder im Krankheitsfall des Lehrpersonals im Zweifelsfall heim, wegen Lehrermangel! Auch wenn man am Schuljahresanfang einen Bogen ausgefüllt hat und darauf hingewiesen hat, dass beide Eltern berufstätig sind (mit Fahrzeit zum Job von 30 Minuten), und die "verlässliche Schule" das Kind bis zum offiziellen Unterrichtsende betreuuen sollte, kann es passieren, dass das Kind vor der Türe steht und Mama / Papa sind nicht zu Hause (Oma + Opa wohnen nicht nebenan, sondern 500 km entfernt). Aber wehe, wenn man bei Schulleitung oder gar beim Schulamt darüber berichtet: Dann hat das Kind anschließend ein "Leistungstief" - aber nicht weil die Lehrerin nun in Erklärungsnot ist und verärgert über das Kind und diese unkooperative Familie ist, sondern weil Mama + Papa nicht für Plan B gesorgt haben und das Kind emotional nun verstört ist.
    Ach ja und bald gibt es wieder hitzefrei - das war offiziell abgeschafft? - oh, aber die armen Lehrer, äh Kinder können doch bei höheren Außentemperaturen nicht mehr arbeiten....
    Und dann gibt es noch die extrakurikulären Events: der Wandertag oder das Sportfest dauert nur bis etwa 11.00 Uhr... "...bitte die Kinder an der Schule abholen, da an diesem Tag auch kein Schulbus fährt"!
    Selbst eine Fülle von Plan Bs und ein Netzwerk von anderen betroffenen Familien hilft nicht immer.

    Also müssen die Eltern die Arbeitszeit flexibel an die tatsächlichen Unterrichtsstunden der Grundschule anpassen, oder?
    Der Arbeitgeber weist dann darauf hin, dass Führungsjobs aber realistischerweise nur mit einer Mindestwochenarbeitszeit von 30 Stunden geleistet werden können. Homeoffice? - Fehlanzeige!

    Es geht auch leichter, die unbesetzten Stellen in der Wirtschaft mit motivierten Akademikern aus Spanien zu besetzen, die mal eben schnell einen Sprachkurs machen.
    Es gäbe soviel Potenzial an hochqualifizierten Fachkräften in Deutschland, wenn die Politik den Blick nach Skandinavien richten würde, wie dort Beruf und Familie vereinbart wird
    und die Schulleistungen der Kinder (siehe PISA) auch noch besser werden.
    Damit das passiert, muss aber der Druck der Wirtschaft auf die Politik größer werden, denn die Lobby der Familien ist zu schwach. Ja und auch die Wirtschaft muss umdenken, dass im Zeitalter von www und Handy ein Mitarbeiter trotzdem nicht von mo - so, 0 - 24 h, während Urlaub und Krankheit verfügbar ist.
  4. Student am 17.04.2012
    In Zeiten in denen Regierungsparteien versuchen durch das Betreuungsgeld, der sog."Herdprämie", ihr veraltetes Gesellschafts- und Familienbild um jeden Preis aufrecht zu erhalten, um Wählerschichten zu gefallen, die diesen Lebensabschnitt größtenteils schon hinter sich haben, während andererseits in vielen Frimen gut ausgebildete Mitarbeiter/innen händeringend gesucht werden, sollte die Politik die Realitäten zur Kenntnis nehmen und auf die Bedürfnisse und Lebensentwüfe der jungen Familien eingehen!
    Dies kann nicht so aussehen, dass man sich an abstruse, realitätsferne "Erziehungssubventionen" klammert.
    Im Gegenteil sehe ich den einzigen Weg darin, Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Elternteile zu fördern und offensiv auch bei den Arbeitgebern dafür zu werben, ja gegebenenfalls diese sogar rechtlich in die Plicht zu nehmen!
    Denn es ist meiner Ansicht nach nicht die alleinige Pflicht des Staates und der Kommunen, Krippenplätze, Kindergärten, Horte und andere Betreuungsangebote für berufstätige Eltern bereitzustellen - oder sich aus dieser Verantwortung freizukaufen- , denn schließlich profitiert auch die Wirtschaft von dem dadurch freiwerdenden "Humankapital".
    Die Politik ist nun auch konkret gefordert die Unternehmen in die Pflicht zu nehmen, nicht nur Teilzeitarbeit zu ermöglichen, sonderen auch selbst firmeneigene oder auf Kooperationen basierende Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder ihrer Mitarbeiter zu schaffen!
    Dies würde in meinen Augen eine Win-Win Situation für unsere Gesellschaft generieren. Denn es würde einerseits den Staat entlasten und andererseits die Attraktivität eines Arbeitsplätzes für Eltern, oder solche die es gerne bald werden möchten, enorm erhöhen, sowie es den Firmen auch erleichten ihre Mitarbeiter/innen nach der Elternzeit weiter zu beschäftigen, da diese, z.B. mangels Krippenplatz, nun nicht mehr gezwungen wären ihre berufliche Tätigkeit aufzugeben.

    Es ist Zeit für die Gesellschaft hier Druck auszuüben, dies kann auch durch die Medien geschehen, deren Aufgabe es nicht nur ist diese Zustände zu dokumentieren, sondern diese auch gegebenenfalls anzuprangern und Lösungen einzuforden!
  5. Harald M. am 17.04.2012
    Die unternehmerische Seite kommt in diesem Artikel zu kurz. Ich habe es jetzt schon mehrmals erlebt, dass sich Frauen in einem Betrieb - mit dem Wissen schwanger zu sein - beworben haben und dies erst nach der Einstellung mitgeteilt haben. Nach der ersten Einlernphase waren die dann schon wieder weg und kamen auch selten wieder. Das ist nicht nur ärgerlich sondern verursacht auch unnötige Kosten. Mütter wollen unterstützt werden, sind aber teilweise selbst nicht loyal ihrem Arbeitgeber gegenüber.

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