Politik

Gurlitt-Akten mit einem Sterbekärtchen von Hildebrand Gurlitt. (Foto: dpa)

29.05.2015

Übergriffige Justiz

An der Uni Regensburg diskutierten Kunsthistoriker und Juristen über Raubkunst – ausgehend vom Fall Gurlitt

Cornelius Gurlitt war das Objekt staatlicher Unrechtsakte.“ Der Münchner Jurist Johannes Wasmuth drückt sich unmissverständlich aus, wenn er den Fall Gurlitt abhandelt. Ein Jahr nach dem Tod von Cornelius Gurlitt fasst Johannes Wasmuth die staatlichen Maßnahmen gegen den alten Herrn, der jahrzehntelang in seiner Schwabinger Wohnung 1280 Kunstwerke gehütet hat, so zusammen: die Ermittlungen gegen Gurlitt – aufgebaut auf „konstruierten Strafvorwürfen“. In Wahrheit habe es „keine Tatsachen für einen strafrechtsrelevanten Anfangsverdacht“ gegeben.
Dementsprechend sei auch die Wohnungsdurchsuchung bei Gurlitt rechtswidrig gewesen. Dito die Beschlagnahmung der Kunstsammlung. Sowohl hinsichtlich Anlass als auch Umfang und Dauer der Beschlagnahmung sei „die krasse Unverhältnismäßigkeit“ unübersehbar gewesen. Unterm Strich sei eine „schwerwiegende Verletzung der Menschenwürde von Cornelius Gurlitt“ zu konstatieren.
Am Nachmittag erreicht das Symposium „Gurlitt – was nun?“ an der Uni Regensburg endlich Betriebstemperatur. Die ersten beiden Vorträge am Vormittag leiden unter buchstäblicher Unterkühlung. Der Veranstalter, drei Lehrstühle für Jura und Kunstgeschichte, kämpfen stundenlang mit der Elektronik, die den Hörsaal 24 aus unerfindlichen Gründen auf gefühlte 13 Grad heruntergekühlt hat. Doch auch die ersten beiden Referenten nähern sich dem Gegenstand mit kühler Distanz: Weder der Koblenzer Kunsthistoriker Christoph Zuschlag noch der Münchner Rechtsanwalt Louis-Gabriel Rönsberg können dem Fall Gurlitt einen Aspekt abgewinnen, den man mit Leidenschaft in Verbindung bringen könnte. Sind da nicht insgesamt 1500 Kunstwerke wieder aufgetaucht, die 70 Jahre lang als verschollen, ja als vernichtet galten? Wäre das nicht, rein theoretisch, ein Grund für so etwas wie Begeisterung?
Die flackert erst auf, als Meike Hoffmann das Podium betritt. Die Kunsthistorikerin, Mitglied der Taskforce „Schwabinger Kunstfund“, ist kurzfristig eingesprungen für den eigentlichen Stargast des Symposiums, Matthias Frehner. Der Direktor des Kunstmuseums Bern, das von Gurlitt zum Erben seiner Sammlung eingesetzt wurde, hat kurzfristig abgesagt. Doch Meike Hoffmann entschädigt die Zuhörer mit dem atemberaubenden Lebensabriss von Hildebrand Gurlitt, dem Vater von Cornelius Gurlitt, von dem dieser all die Bilder geerbt hat.
In knochentrockener Archivarbeit recherchiert und in nüchternem Ton vorgetragen, lässt Meike Hoffmann das Bild eines Mannes erstehen, der sich mutig der Moderne verschrieb, der sich den nationalsozialistischen Kunstverächtern an vorderster Front entgegenstellte und keine Auseinandersetzung scheute. Bis er sich dann auf Geschäfte mit Goebbels einlässt und am Ende sogar zum Einkäufer für Hitlers nie gebautes Linzer Museum „aufsteigt“.
Letzteres, Hildebrand Gurlitts Abstieg zum NS-Kollaborateur, ist mittlerweile allgemein bekannt, vielfach firmiert er nur als „NS-Kunsthändler“. Die dabei gern unterschlagene Vorgeschichte: Der promovierte Kunsthistoriker ist von 1925 bis 1930 Direktor des König-Albert-Museums in Zwickau. In diesen fünf Jahren stellt er 50 Ausstellungen auf die Beine, in denen er, wie Meike Hoffmann sagt, „die Moderne einem skeptischen Publikum nahebringt“. Mit geringen finanziellen Mitteln katapultiert Gurlitt „ein Provinzmuseum auf die Höhe der Zeit“ – und wird dafür in der Lokalpresse attackiert.

„Der Staat war der größte Profiteur des Kunstraubs“

Die NSDAP springt auf den Zug auf, die Kampagne gegen den jungen Museumsdirektor hat Erfolg: Er wird entlassen – und erfährt von vielen Kollegen Solidarität und Lob. Beim Kunstverein Hamburg, dessen Chef Gurlitt 1931 wird, wiederholt sich das Spiel. Als die Hakenkreuzbeflaggung Pflicht wird, lässt Hildebrand Gurlitt den Fahnenmasten vor dem Kunstverein entfernen, im Juli 1933 wirft er das Handtuch. Anschließend eröffnet er sein eigenes Kunstkabinett und kämpft weiter für die verfemte Moderne, setzt sich für seine Künstler ein. Bis 1937. Da teilt man ihm mit, dass sein unbekümmertes Treiben nicht länger hingenommen werde.
Mindestens zwölf Jahre lang stellt sich Hildebrand Gurlitt also den Nazis und ihrer Blut- und Bodenkunst entgegen, hält den Kopf hin, riskiert seine berufliche Existenz. Doch heute will man davon nichts mehr wissen, wie Oliver Halmburger und Thomas Staehler in ihrem Dokumentarfilm im Bayerischen Fernsehen jetzt wieder demonstrierten. In der Coproduktion von BR und Arte wird Hildebrand Gurlitt mit einem ausgewiesenen NS-Propagandisten und -Profiteur wie dem Münchner Auktionshausinhaber Adolf Weinmüller in einen Topf geworfen, Gurlitts hartnäckiger Widerstand wird mit dem lapidaren Satz abgetan, in den 20er-Jahren sei er „ein Förderer und Experte für moderne Kunst“ gewesen.
Meike Hoffmann stellt dieses Lebensbild vom Kopf auf die Füße, indem sie die Fakten nennt: Am 30. März 1933 lassen die Nazis zum ersten Mal in Deutschland eine Kunstausstellung, die ihnen nicht gefällt, per Polizeianordnung schließen. Es ist eine Ausstellung des Hamburger Kunstvereins, der Direktor heißt Hildebrand Gurlitt.
Der Staat, sagt der Jurist Johannes Wasmuth, war der größte Profiteur des Kunstraubs. Umso peinlicher sei der Umgang der staatlichen Behörden mit dem Fall Gurlitt. Den Gesetzentwurf von Justizminister Winfried Bausback (CSU) zum Ausschluss der Verjährung bei „Bösgläubigkeit“ schließt er da ausdrücklich mit ein: „Dieser ominöse Entwurf ist ein absoluter Rohrkrepierer.“ (Florian Sendtner)

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