Politik

01.04.2011

Überlebenshilfe für Süchtige

Die Zahl der Drogentoten in Bayern steigt im Gegensatz zu anderen Bundesländern wieder an – nach Expertenansicht könnten Fixerstuben helfen

In Bayern sind im vergangenen Jahr mehr Menschen am Drogenkonsum gestorben als im Vorjahr. Opposition, Ärzte und Sozialarbeiter schwören auf ein Gegenmittel: Sie fordern Räume, in denen Abhängige unter Aufsicht einen Schuss setzen können. Doch Staatsregierung und CSU-Landtagsfraktion lehnen dies noch immer ab.
Klaus K. ist vor ein paar Monaten knapp dem Tod entronnen – eine Überdosis. Seit Jahren ist der Münchner heroinabhängig. Er hatte neuen Stoff ausprobiert und sich zuviel gespritzt. Er überlebte nur, weil ein Freund bei ihm war und sofort den Notarzt rief. Klaus K. hatte Glück. Doch in vielen Fällen kommt bei einer Überdosis jede Hilfe zu spät. Denn die Abhängigen sind alleine, wenn es passiert, meistens zuhause, manchmal auch in öffentlichen Toiletten.
Gerade erst hat die Drogenbeauftragte der Bundesregierung bekanntgegeben, wie viele Menschen im vergangenen Jahr wegen Drogenkonsums gestorben sind. In ganz Deutschland gab es im Vergleich zum Vorjahr weniger Drogentote. Doch in Bayern waren es mehr: Es starben 262 Abhängige, zwölf mehr als 2010. Die meisten starben, weil sie zu viel Stoff genommen hatten. „Wenn Abhängige in einem sterilen Raum und unter Aufsicht von medizinischem Personal ihre Spritze setzen, kann man in solchen Fällen sofort helfen“, sagt Klaus Fuhrmann, Bereichsgeschäftsführer des Münchner Vereins Condrobs, der mit Süchtigen arbeitet. „Sie müssten nicht sterben.“
Er ist ein Verfechter von Drogenkonsumräumen, also von Plätzen, wo Abhängige betreut werden, wenn sie sich spritzen. Im Volksmund heißen die Räume Fixerstuben. Fuhrmann nimmt das Wort nicht in den Mund. „Die Politiker, die gegen solche Räume sind, haben das Wort erfunden, um sie in ein schlechtes Licht zu rücken.“
Er findet, Konsumräume seien ein idealer Weg, um Abhängige vor dem Tod zu bewahren. Seit zehn Jahren sind Fixerstuben in Deutschland per Bundesgesetz erlaubt, die Länder entscheiden, ob sie Drogenkonsumräume tatsächlich erlauben. Sechs Bundesländern haben das getan, der bayerische Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) lehnt es ab. Eine Sprecherin sagt, Drogenabhängige bräuchten Hilfsangebote, die sie aus der Abhängigkeit führen – aber sie nicht verlängern. Konsumräume würden genau das tun.
Die Opposition ist anderer Meinung. „Für eine effiziente Drogenpolitik sind Konsumräume notwendig“, sagt Theresa Schopper, die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen. „Überlebenshilfe für Drogenabhängige ist wichtig.“ Dieser Meinung sind auch Ärzte und Sozialarbeiter, die mit Süchtigen arbeiten.
Seit 20 Jahren begleitet Klaus Fuhrmann Abhängige, im Condrobs-Kontaktläden „Off“ in der Nähe vom Münchner Ostbahnhof. In dem Lokal können Süchtige sich treffen, sie bekommen günstig etwas zu essen und Hilfe, wenn im Alltag etwas schiefläuft. Zum Beispiel wenn sie Schulden haben, Probleme mit dem Vermieter oder andere Alltagssorgen, helfen Fuhrmann und andere Sozialarbeiter. „Wir wollen verhindern, dass Drogenabhängige sich soziale und auch körperliche Schäden zufügen“, sagt Fuhrmann. Das sei „wichtig, damit sie leichter aus der Sucht aussteigen können, wenn sie das wollen“.


Auch weniger HIV-Tote


Die Startposition für ein drogenfreies Leben ist einfacher.“ Wenn das alte Leben in Scherben vor ihnen liege, sei das ein großes Hindernis, um den Weg aus der Abhängigkeit zu gehen. Manchmal sogar größer als die Sucht selbst. Chris P. ist seit viele Jahren Gast im „Off“. Jetzt will er clean werden. Er traut sich, weil er dank der Hilfe der Sozialpädagogen geschafft hat, trotz seiner Sucht ein normales Leben zu führen. Er hat eine Wohnung und einen Job.
Häufig hat ihm der Vermieter gedroht, den Vertrag zu kündigen, weil Chris P. mit den Mietzahlungen in Verzug war. Weil er in der Arbeit sehr oft fehlte, war sein Chef oft kurz davor, ihm zu kündigen. Die Mitarbeiter von Condrobs halfen ihm, das zu verhindern. „Kontaktläden wie das Off sind eine gute Möglichkeit, Abhängige zu erreichen, die eigentlich kein Interesse an Therapieangeboten haben“, sagt Fuhrmann.
In München gibt es drei Läden wie das Off, auch andere bayerische Städte bieten Süchtigen solche Treffpunkte. „Wir haben über dieses Angebot vielen Menschen aus der Sucht geholfen.“ Drogenkonsumräume sind für ihn auch eine Möglichkeit, noch mehr Abhängige zu erreichen. Vor zwei Jahren hat Condrobs zusammen mit der Suchthilfe Mudra in Nürnberg eine Umfrage unter mehr als 500 Drogenabhängigen durchgeführt. Fast alle Abhängigen sagten, sie würden Konsumräume nutzen, wenn es sie gebe.
Auch diejenigen, die Drogen vor allem zuhause nehmen. Denn fast alle Süchtigen haben Angst, an einer Überdosis zu sterben. Im Konsumraum wären sie sicher. Andere Abhängige sagten, sie würden hingehen, weil sie dort saubere Spritzen benutzen könnten. Erfahrungen aus den Ländern, in denen es solche Einrichtungen gibt, haben bestätigt, dass die Zahl der HIV- und Hepatitis C-Infizierungen zurückgeht. „Krankheiten zu verhindern ist auch wichtig, um den Weg für den Ausstieg zu ebnen“, sagt Klaus Fuhrmann von Condrobs. Außerdem würden Drogentote verhindert. „Viele Abhängige sterben an den Langzeitfolgen ihrer Sucht, an Aids oder an Leber- und Herzschäden“, sagt er.
In Bayern waren es im vergangenen Jahr 132 Menschen. Tote verhindern will auch die Regierung. Aus dem Gesundheitsministerium heißt es, jeder Drogentote sei einer zuviel. Fuhrmann ist deshalb optimistisch, dass die Regierung Konsumräume bald erlaubt. „Bevor wir vor 20 Jahren den ersten Kontaktläden in Bayern eröffnen konnten, mussten wir zehn Jahre kämpfen.“
Weil so viele Süchtige an Aids starben, erlaubte die Regierung es schließlich“, sagt er. „Ungefähr so lange fordern wir jetzt Konsumräume.“ Er ist sicher: Der gesellschaftliche Druck wird bald so groß sein, dass die CSU sich nicht mehr sträuben kann.“ Wenn es soweit ist, ist Fuhrmann vorbereitet. Ein Konzept für Konsumräume liegt in seiner Schublade. „Wir könnten morgen starten.“ (Veronica Frenzel)

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